Steter Tropfen höhlt den Stein: Der ukrainische Präsident fordert unermüdlich die Erlaubnis zum Einsatz schwerer Waffen gegen militärische Ziele in Russland.
Selenskyj erbittet freie Hand für militärische Gegenangriffe

Die ukrainische Staatsführung hat nach dem letzten russischen Luftangriff auf die östliche Großstadt Charkiw mit einem Todesopfer und 42 Verletzten erneut um freie Hand bei möglichen Gegenschlägen gebeten. «Dieser Terror kann nur durch eine systemische Lösung bekämpft werden, dies wäre eine Lösung mit langer Reichweite», sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache – damit meint er die Erlaubnis zum Einsatz von Waffen mit großer Reichweite gegen Ziele tief auf russischem Staatsgebiet.
Russische Militärflugzeuge dort zu zerstören, wo sie stationiert sind, sei eine «naheliegende, logische Lösung», sagte Selenskyj. Den Partnern seines Landes sei bereits mehrfach erklärt worden, warum die ukrainischen Streitkräfte eine ausreichende Reichweite ihrer Waffen benötigten.
«Jeder solche russische Angriff, jede Manifestation des russischen Terrors, wie heute gegen Charkiw, gegen unsere Region Sumy, gegen unsere Region Donezk, beweist, dass die Reichweite ausreichend sein muss», sagte Selenskyj. Die Ukraine erwarte entsprechende Entscheidungen in erster Linie von den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien – «von allen, die mit ihrer Entschlossenheit helfen können, Leben zu retten».
Die Verbündeten der Ukraine haben bisher Kiew nicht erlaubt, schwere Waffen mit großer Reichweite gegen Ziele in Russland einzusetzen. Stattdessen nutzt die Ukraine Drohnen aus eigener Produktion, die jedoch nur eine geringe Sprengkraft haben. Moskau hat zuletzt gewarnt, dass ein solcher Einsatz schwerer Waffen als Beteiligung der Nato am Krieg gegen Russland angesehen würde.
Selenskyj beklagt Waffenmangel
Die Ukraine hat nach den Worten Selenskyjs nicht einmal mehr genügend Waffen, um ihre Truppen vollständig auszurüsten. «Wir müssten 14 Brigaden ausrüsten, können aber von den bisher gelieferten Waffen gerade einmal vier Brigaden ausrüsten», sagte Selenskyj im Gespräch mit dem bekannten US-Journalisten Fareed Zakaria. Teile des Interviews wurden auf der Plattform Telegram und in ukrainischen Medien veröffentlicht. Selenskyj führte den Materialmangel auf zu langsame Lieferungen zurück.
Vor allem in der Zeit, in der US-Waffenlieferungen zu Jahresbeginn über Monate hinweg im Kongress in Washington blockiert waren, habe die Ukraine alle Reserven aufgebraucht, fuhr Selenskyj fort. «Wir haben alles gegeben, was wir in Reserve hatten, sowohl in Depots als auch bei Reserve-Einheiten», erklärte er. «Wir haben alle Waffen ausgegeben, die sie noch hatten.» Jetzt aber müssten diese Reserve-Einheiten aufgerüstet werden, betonte der ukrainische Präsident.
Selenskyj hat in letzter Zeit mehrmals darauf hingewiesen, dass die zugesagte Waffenhilfe der Verbündeten oft mit erheblicher Verzögerung eintrifft. Dies stellt eine erschwerte Situation bei der Kriegsführung dar, insbesondere bei der Verteidigung von stark umkämpften Regionen in der Ostukraine.
Selenskyj will Siegesplan in Washington vorstellen
In dem Interview kündigte Selenskyj ferner an, er werde in Kürze in Washington einen Siegesplan vorstellen. «Ich habe mehrere Punkte vorbereitet, vier von ihnen sind grundlegend», sagte er. Es gehe dabei um Sicherheit, um den geopolitischen Platz der Ukraine sowie um militärische und wirtschaftliche Unterstützung für sein Land. Näher ins Detail ging er nicht.
Selenskyj betonte, dass die Umsetzung dieser Punkte ausschließlich von US-Präsident Joe Biden abhängt, keineswegs von Kremlchef Wladimir Putin. Ein genauer Termin für Selenskyjs Besuch in Washington steht noch nicht fest, wird aber rund um die UN-Generalversammlung Ende September erwartet.
Weiter schwere Kämpfe
Die ukrainischen Truppen liefern sich derweil weiter schwere Kämpfe mit russischen Einheiten in der westrussischen Region Kursk. Nach Berichten der Staatsagentur Tass erzielten russische Truppen im Laufe ihrer Gegenoffensive kleinere Geländegewinne. «Wir setzen unsere aktiven Operationen fort», sagte Selenskyj zum Stand an diesem Frontabschnitt.
Im Osten der Ukraine setzen russische Truppen weiterhin ihre Angriffe gegen ukrainische Stellungen rund um den Donbass mit unverminderter Heftigkeit fort. Der Generalstab in Kiew berichtet von 23 russischen Sturmangriffen bei Pokrowsk im Tagesverlauf, bei Kurachowe seien 27 Attacken abgeschlagen worden. Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.








