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Selenskyj: Russland soll den Krieg spüren – neue Angriffe

Der ukrainische Vorstoß auf russischem Gebiet gilt als Teil des Verteidigungskampfes Kiews gegen Moskaus Angriffskrieg. Das lange Schweigen zu den Hintergründen der Offensive endet nun wohl.

Die ukrainische Offensive im russischen Gebiet Kursk dauert den dritten Tag an.
Foto: Uncredited/Acting Governor of Kursk region Alexei Smirnov telegram channel/AP/dpa

Nach dem Vorstoß ukrainischer Truppen in der russischen Grenzregion im Gebiet Kursk gibt es aus Kiew nun erste mögliche Erklärungen zu dem Überraschungsangriff. «Russland hat den Krieg in unser Land gebracht und soll spüren, was es getan hat», sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen in Kiew verbreiteten Videobotschaft. Dabei erwähnte der Staatschef die seit Dienstag andauernden Kämpfe ukrainischer Soldaten auf russischem Gebiet im Raum Kursk nicht. In der Nacht meldeten russische Stellen dann einen großangelegten ukrainischen Drohnenangriff auf die Region Lipezk südlich von Moskau.

Der Berater in Selenskyjs Büro, Mychajlo Podoljak, wies auf die internationale Reaktion zum ukrainischen Angriff auf die Region Kursk hin. Die Reaktion sei «absolut ruhig, ausgewogen, objektiv» und richte sich nach dem «Geist des internationalen Rechts» und nach den «Prinzipien der Führung eines Verteidigungskrieges», teilte Podoljak bei Telegram mit. Zuvor hatte etwa die EU erklärt, die Ukraine habe in ihrem Verteidigungskampf gegen den russischen Angriffskrieg das Recht, auch das Gebiet des Aggressors zu attackieren.

Auch in der Nacht zum Freitag gab es Berichten zufolge erneut Angriffe auf russischem Gebiet. Neben Kursk waren auch die Grenzregionen Belgorod, Brjansk und das Gebiet Lipezk südlich von Moskau betroffen. In der Ukraine wurden ebenfalls mehrere Drohnenangriffe gemeldet.

«Lipezk ist einer massiven Drohnenattacke ausgesetzt», wurde der Gouverneur des Gebiets, Igor Artamonow, von der russischen Staatsgagentur Tass zitiert. «Die Luftabwehr arbeitet dagegen an», hieß es demnach auf seiner Telegram-Seite. Beim Absturz einer Drohne sei eine Elektrizitätsanlage beschädigt worden, in der Folge gebe es Stromausfälle. Außerdem sei es fernab ziviler Infrastruktur zu einer «Explosion von Gefahrenstoffen» gekommen. 

Heftige Explosionen und Brände soll es in der Nacht auch in der russischen Ortschaft Rylsk im Raum Kursk gegeben haben, wie das ukrainische Nachrichtenportal «Kyiv Independent» unter Berufung auf Russland-freundliche Telegram-Kanäle berichtete. Die Ursache der Explosionen sei noch unklar. Die Angaben von russischer Behördenseite ließen sich nicht unabhängig bestätigen. Vonseiten der Ukraine gab es keine offizielle Bestätigung der Angriffe.

Berater in Kiew: Russland ist legitimes Ziel

«Das Unmögliche ist möglich geworden, und die mythische russische Brutalität und Maßlosigkeit haben sich nun gegen Russland selbst gewendet», sagte Podoljak am Donnerstag zur Lage in Kursk. Ein großer Teil der Weltgemeinschaft halte Russland inzwischen für ein legitimes Ziel für beliebige Operationen und Waffen. Die Ukraine kämpfe heute nicht nur mit der Besatzungsarmee, sondern mit Erfolg auch gegen historisch starke prorussische Sympathien und gegen Ängste im Westen, sagte er.

Die Ukraine betont regelmäßig, dass Russland ein besiegbarer Feind sei und möchte mit diesem ersten Einmarsch einer ausländischen Armee seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen, dass das Land verwundbar ist. Podoljak hatte zuvor in Kiew im Fernsehen erklärt, dass die Kämpfe die Verhandlungsposition der Ukraine stärken sollen. Es ist jedoch unklar, ob die Ukraine im Gebiet Kursk erfolgreich sein wird.

Selenskyj: Ukraine braucht solche Ergebnisse

«Ukrainer können ihre Ziele erreichen», sagte Selenskyj in seiner Videobotschaft. Er habe sich vom Oberkommandierenden der Streitkräfte, Olexander Syrskyj, über die Lage im Kriegsgebiet informieren lassen. Details nannte er nicht, betonte aber, dass die Ergebnisse so seien, wie sie das Land derzeit brauche. Zuvor hatte Syrskyj in sozialen Netzwerken ein Foto veröffentlicht, das ihn im Aufmarschgebiet zeigen soll – vermutlich in Sumy an der Grenze, von wo aus die ukrainischen Soldaten in die russische Region Kursk eingedrungen sind.

In der Region Kursk dauerten die Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Soldaten bereits den vierten Tag an. Nach Angaben russischer Militärblogger haben die Ukrainer teilweise ihre Positionen gestärkt, insbesondere in der nahe der Grenze gelegenen Stadt Sudscha. Es gab Berichte über ukrainische Militärhubschrauber, die in das Gebiet eingedrungen sind, um Nachschub zu liefern und Verletzte zu evakuieren.

Die Blogger berichteten von einer äußerst schwierigen Situation und erwähnten auch die Ankunft vieler Kampftruppen, jedoch konnten die Fotos und Videos zunächst nicht überprüft werden. Es wurde behauptet, dass nun auch aktive Gegenangriffe begonnen hätten. Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow hatte die Zerschlagung der ukrainischen Truppenverbände angekündigt.

Kremlchef Wladimir Putin hatte den Angriff als eine Provokation der Ukraine bezeichnet. Nach russischen Militärangaben sind bereits Hunderte ukrainische Soldaten getötet und verletzt und Dutzende Stück Panzer und andere Militärtechnik zerstört worden. Die Angaben sind unabhängig nicht überprüfbar.

Gesundheitsministerium: Mehr als 60 Verletzte

Laut dem russischen Gesundheitsministerium ist die Zahl der verletzten Zivilisten weiter gestiegen – auf mittlerweile 66 seit Beginn der Invasion. Fünf Tote wurden gemeldet. Kremlchef Putin wurde in einer Videoschalte vom geschäftsführenden Gouverneur von Kursk, Alexej Smirnow, über die Situation informiert. Er ordnete an, Bedürftigen 10.000 Rubel Soforthilfe zu zahlen – das entspricht etwas mehr als 100 Euro.

Tausende Menschen sind aus den Ortschaften in der Nähe der Grenze geflohen, wo laut den Behörden viele Häuser durch Beschuss zerstört wurden. Viele fanden laut offiziellen Angaben Zuflucht in Notunterkünften oder bei Verwandten und Bekannten. Die Situation wurde weiterhin als angespannt beschrieben.

Auch Region Belgorod meldet erneut Beschuss

Auch die russische Region Belgorod an der Grenze meldete erneut Beschuss von ukrainischer Seite, einschließlich Drohnen. Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow sagte, dass die russische Flugabwehr einige Ziele zerstört habe. Eine Frau und ein Mann wurden verletzt, mehrere Wohnungen und Gebäude wurden beschädigt. Laut Gladkow gab es auch Einschläge von Sprengsätzen in der Stadt, wodurch vier Autos in Brand gerieten.

Gladkow sagte, dass auch die Stadt Schebekino von ukrainischen Streitkräften beschossen wurde. Ein Mann wurde verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Laut ihm wurden zehn Häuser beschädigt, Fenster, Fassaden, Dächer und Zäune zerstört.

Gouverneur: Menschen in Belgorod in Sorge

Die Region Belgorod ist seit dem Einbruch von ukrainischen Kämpfern im vergangenen Jahr unruhig. Im Gegensatz zu Kursk, wo erstmals reguläre Truppen aus Kiew im Einsatz sind, haben sich im vergangenen Jahr Freiwilligenverbände mit Russen, die an der Seite ukrainischer Truppen kämpfen, zum Vorstoß im Gebiet Belgorod bekannt.

Gouverneur Gladkow traf sich mit Bürgern, die damals durch den Beschuss ihr Hab und Gut verloren haben. Viele Menschen warten immer noch auf eine Entschädigung.

Die Regionen und auch Putin stehen unter besonderem Handlungsdruck, weil sie immer wieder Versprechen abgegeben haben, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen. Viele fühlen sich im Stich gelassen. «Die Leute machen sich natürlich große Sorgen, was mit ihren Häusern wird, wo sie wohnen und arbeiten werden in Zukunft und wann sie den Schlüssel für eine neue Wohnung bekommen», sagte Gladkow. Diese Fragen sollten schnell gelöst werden.

Russland begann seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Auch in den Grenzregionen erleben Russen die Auswirkungen des Krieges. Die Schäden sind jedoch meist nicht vergleichbar mit den verheerenden Zerstörungen und den vielen Toten und Verletzten auf ukrainischer Seite durch die russischen Angriffe.

dpa