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Selenskyj: Vormarsch in Kursk bringt uns unserem Ziel näher

Gut eine Woche nach Beginn der beispiellosen ukrainischen Bodenoffensive im russischen Gebiet Kursk zeigt sich Präsident Selenskyj in Kiew gelöst wie seit Monaten nicht – und verbreitet Optimismus.

Der ukrainische Präsident lässt sich von seinem Oberkommandierenden ständig über die Lage im russischen Gebiet Kursk informieren. (Archivbild)
Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa

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Kiew/Kursk (dpa) – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht die Streitkräfte des Landes angesichts des Vormarsches im russischen Gebiet im Aufwind. «Die Ukraine kann ihre Ziele erreichen, ihre Interessen verteidigen und ihre Unabhängigkeit schützen», sagte Selenskyj in seiner in Kiew verbreiteten abendlichen Videobotschaft. Die ukrainische Armee habe inzwischen 74 Ortschaften im Gebiet Kursk eingenommen – doppelt so viele wie von russischer Seite behauptet. Überprüfbar sind beide Angaben nicht.

Laut dem geschäftsführenden Gouverneur der Region Kursk, Alexej Smirnow, sind 28 Orte in der Hand des Feindes. Das ukrainische Projekt DeepState geht von ungefähr 44 russischen Ortschaften unter Kontrolle Kiews aus.

Im Gespräch mit Selenskyj berichtete der ukrainische Oberkommandierende Olexander Syrskyj, dass die eigenen Truppen in einigen Richtungen zwischen einem und drei Kilometern vorangekommen seien. Somit haben die ukrainischen Streitkräfte weitere 40 Quadratkilometer Fläche im Gebiet Kursk erobert.

Syrskyj hatte zuvor mitgeteilt, dass seit dem Beginn der Offensive vor einer Woche eine Fläche von etwa 1000 Quadratkilometern eingenommen wurde. Dies wäre mehr als das Doppelte des Gebiets, das die russische Armee nach eigenen Angaben seit Jahresbeginn in den Kämpfen im Osten der Ukraine erobert hat. Diese Informationen konnten ebenfalls nicht unabhängig überprüft werden.

Smirnow erklärte bei einem Gespräch mit Kremlchef Wladimir Putin am Montag, dass die ukrainischen Streitkräfte entlang der Grenze bis zu 12 Kilometer tief in das Kursker Gebiet vorgedrungen seien, auf einer Breite von 40 Kilometern. Ukrainische Quellen berichteten von einer Tiefe von etwa 30 Kilometern.

Ukraine verfolgt mehrere Ziele mit Kursk-Offensive

Nach Angaben von Selenskyjs verfolgt die Ukraine mit der bisher beispiellosen Bodenoffensive auf russischem Gebiet gleich mehrere Ziele. Der Einmarsch ihrer Truppen soll vor allem den Druck auf Moskau erhöhen, sich nach inzwischen fast zweieinhalb Angriffskriegen gegen die Ukraine auf Friedensverhandlungen einzulassen. Selenskyj sagte, auf diese Weise komme ein gerechter Frieden näher.

Die eroberten Gebiete können bei Verhandlungen als Faustpfand genutzt werden, da Kiew darauf abzielt, seine von russischen Truppen besetzten Gebiete im Osten und Süden der Ukraine zurückzuerlangen. Das ukrainische Außenministerium betonte, dass im Gegensatz zu Russland keine Annexion fremden Territoriums stattfindet.

Selenskyj betonte auch deutlich, dass er die neuen russischen Kriegsgefangenen für einen Austausch gegen Ukrainer benötigt. Hunderte Russen haben sich bereits in ukrainischer Gefangenschaft befunden. Sie werden humaner behandelt als in der russischen Armee, sagte Selenskyj, der bei Auftritten in Kiew lächelte und so entspannt wirkte wie seit Monaten nicht mehr. Kiew und Moskau haben bereits mehrmals Gefangene ausgetauscht.

Selenskyj lobte erneut die in Russland einmarschierten ukrainischen Soldaten und ordnete an, dass sie ihr Geld und alles, was sie brauchen, ordnungsgemäß erhalten. «Wir brauchen jetzt alle die gleiche Einheit und Effektivität, die wir in den ersten Wochen und Monaten dieses Krieges gezeigt haben, als die Ukraine die Initiative übernommen hatte und begann, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden», sagte der Präsident. Mit dem Einmarsch in Kursk habe das Land erneut bewiesen, wozu es in der Lage sei.

Schwere Kämpfe in Region Kursk dauern an

Die Evakuierungen in der Region Kursk wurden trotz anhaltender schwerer Kämpfe fortgesetzt. Tausende von Menschen mussten ihre Wohnungen und Häuser verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Laut offiziellen Angaben gab es bisher zwölf Tote unter den Zivilisten. Über 120 Menschen wurden verletzt.

Der amtierende Gouverneur Smirnow ermutigte die Menschen und wies darauf hin, dass die Rote Armee vor 81 Jahren im Zweiten Weltkrieg in der berühmten Schlacht bei Kursk die Großoffensive Nazideutschlands unter Diktator Adolf Hitler abgewehrt hat. Diese Schlacht galt als die größte Panzerschlacht der Geschichte. Smirnow betonte, dass auch dieses Mal Russland den Sieg davontragen werde. Zudem bedankte er sich bei den Regionen Russlands, aus denen immer mehr humanitäre Hilfe komme.

Russische Militärblogger haben berichtet, dass die ukrainischen Streitkräfte weiterhin versuchen, in nördlicher Richtung Richtung Kurtschatow vorzurücken. Sie setzen Luftangriffe ein, wie der Kanal Rybar bei Telegram berichtet. In Korenewo wurden Angriffe der ukrainischen Streitkräfte abgewehrt, aber südwestlich von Sudscha haben die russischen Truppen die Kontrolle über Plechowo verloren. Das russische Verteidigungsministerium gab ebenfalls unbestätigte Informationen heraus, dass die Armee weiterhin die Versuche der ukrainischen Streitkräfte zurückweist, tiefer in das Gebiet Kursk vorzudringen.

dpa