Die Lage in Nahost ist brandgefährlich. Im Libanon wird ein Hamas-Anführer getötet, im Iran kommt es zu verheerenden Explosionen. Die Konfliktparteien scheinen um Zurückhaltung bemüht. Der Überblick.
Sorge wegen erhöhter Spannungen in Nahost

Die gefährlichen Spannungen im Nahen Osten wurden weiter erhöht durch die verheerenden Explosionen im Iran und die Tötung eines Anführers der islamistischen Hamas im Libanon. Irans Führung bezeichnete den Anschlag am Todestag des Generals Ghassem Soleimani als eine Terrorattacke.
Zu Beginn beanspruchte niemand die Tat für sich. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Matthew Miller, sagte, dass es keinen Grund gebe anzunehmen, dass Israel daran beteiligt sei. Auch die USA hätten nichts damit zu tun. Der Anschlag mit 84 Toten ereignete sich zu einer Zeit, in der Israels Erzfeind, der Iran, Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen führt und mit vom Iran unterstützten Milizen wie der Hisbollah im Libanon konfrontiert ist.
Hisbollah-Chef warnt Israel
Nach der Tötung des Vize-Leiters des Politbüros der Hamas, Saleh al-Aruri, bei einer Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut warnte der Chef der Hisbollah Israel vor einer Eskalation des Konflikts mit dem Libanon. «Die Ermordung Al-Aruris ist ein gefährliches Verbrechen, das nicht ohne Reaktion und Bestrafung bleiben wird», sagte Hassan Nasrallah in einer Rede am Mittwoch. «Wenn der Feind einen Krieg gegen den Libanon beginnt, werden wir uns an keine Regeln mehr halten», sagte Nasrallah. Eine direkte Drohung gegen Israel oder gar eine Kriegserklärung sprach er aber nicht aus.
Nasrallah sagte in seiner Rede lediglich: «Wir haben keine Angst vor dem Krieg und wir zögern nicht.» Israel hatte keine Verantwortung für die Tötung von Al-Aruri übernommen. Der Hamas-Anführer stand allerdings schon länger auf Israels «Abschussliste». Israel geht davon aus, dass er an der Planung des verheerenden Terroranschlags am 7. Oktober im israelischen Grenzgebiet beteiligt war, was der Auslöser des Gaza-Kriegs war. Al-Aruri hatte auch engere Verbindungen der Hamas mit der Hisbollah sowie dem Iran aufgebaut.
Neue Kämpfe von Hisbollah mit Israel
Vor der Beisetzung von Al-Aruri im Libanon beschoss die Hisbollah am Donnerstag erneut Israel. Die Schiitenmiliz teilte mit, sie habe unter anderem israelische Einheiten nahe dem Dorf Schtula beschossen und «Volltreffer» erzielt. Israel machte jedoch keine Angaben über mögliche Opfer.
Nach eigenen Angaben hat das israelische Militär den Beschuss aus dem Libanon erwidert. Ein Beobachtungsposten der Hisbollah bei der Stadt Marun al-Ras wurde von einem Kampfflugzeug beschossen. Außerdem wurde eine Hisbollah-Einheit, die mit Panzerabwehrwaffen ausgerüstet war, unter Feuer genommen.
Libanon: Wollen nicht in einen Krieg gezogen werden
Die Tötung Al-Aruris hat den Gaza-Krieg nun bis nach Beirut getragen. Die dortige Regierung ist bemüht, den Konflikt nicht eskalieren zu lassen: «Wir sind sehr besorgt, die Libanesen wollen nicht hineingezogen werden, selbst die Hisbollah möchte nicht in einen regionalen Krieg hineingezogen werden», sagte Minister Bou Habib. Er forderte die westlichen Staaten auf, «Druck auf Israel auszuüben, damit es all seine Gewalt und alle seine Aktionen einstellt, nicht nur im Libanon, nicht nur in Beirut, sondern auch in Gaza».
Auswärtiges Amt fordert zu rascher Ausreise aus dem Libanon auf
Wegen der angespannten Lage an der israelisch-libanesischen Grenze forderte das Auswärtige Amt deutsche Staatsangehörige auf, den Libanon so schnell wie möglich zu verlassen. Deutsche, die sich noch in dem Land aufhalten, sollten sich in der Krisenvorsorgeliste Elefand registrieren und «auf schnellstem Wege» ausreisen, schrieb das Auswärtige Amt auf der Plattform X, vormals Twitter. «Eine Eskalation an der Grenze zwischen Israel und Libanon ist nicht auszuschließen», hieß es nach einer Tagung des Krisenstabs.
Tausende begleiten Beisetzung von Hamas-Anführer in Beirut
Tausende Menschen haben an der Beisetzungsfeier des mutmaßlich von Israel getöteten Hamas-Anführers Saleh al-Aruri in der libanesischen Hauptstadt Beirut teilgenommen. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wurde der Sarg des zweithöchsten Anführers der islamistischen Organisation im Ausland zu einem Friedhof in dem palästinensischen Lager Schatila im Süden der Stadt gebracht. Die Teilnehmenden riefen «Freiheit für Palästina» und «Tod für Amerika und Israel». Sie marschierten gemeinsam zu dem Friedhof. Sie hielten die palästinensische Fahne und Flaggen der Hisbollah und Hamas in die Höhe.
Am Dienstagabend wurde Al-Aruri, der stellvertretende Leiter des Politbüros der Hamas, in Beirut getötet. Die Hamas und die Hisbollah machen Israel dafür verantwortlich. Das israelische Militär hat bisher keine Kommentare zu Berichten über eine gezielte Tötung von Saleh al-Aruri abgegeben. Insgesamt kamen bei dem Angriff sieben Mitglieder der Hamas und ihrer Verbündeten ums Leben.
Experte: Iran hat kein Interesse an Konfrontation
«Es ist jetzt sehr wichtig, dass die Hisbollah ihre Abschreckungsfähigkeit wiederherstellt und dabei den örtlichen Gegebenheiten Rechnung trägt: Die Libanesen wollen nicht in einen Krieg hineingezogen werden», sagte Anthony Samrani, Chefredakteur der libanesischen Zeitung «L’Orient-Le Jour», dem Auslandsfernsehen des französischen Senders France 24. Die schiitische Hisbollah verfüge auch gar nicht über die Mittel für einen umfassenden Konflikt mit Israel, «besonders angesichts der starken US-Präsenz in der Region».
Weder die Hisbollah noch ihr größter Unterstützer, der Iran, seien bereit, sich größeren Vergeltungsmaßnahmen zu stellen, sagte auch der politische Analyst Makram Rabah der Deutschen Presse-Agentur. «Seit Beginn des Konflikts ist klar, dass der Iran kein Interesse an einer umfassenden Konfrontation hat», sagte er. Die Zeitung «Wall Street Journal» wies nach den verheerenden Explosionen im Iran vom Mittwoch darauf hin, dass Irans Präsident Ebrahim Raisi in einer kurzen Stellungnahme auf der Plattform X zwar eine entschiedene Reaktion ankündigte, aber niemandem Schuld für den Anschlag zugewiesen habe.
«Mit Gottes Erlaubnis wird die Hand der göttlichen Rache zur rechten Zeit und am rechten Ort erscheinen», schrieb Raisi. Das Ziel des Anschlags habe offenbar darin bestanden, die Spannungen zwischen Israel und dem Iran in einer Zeit erhöhter Sensibilität zwischen beiden Seiten nach der Ermordung des Hamas-Anführers Al-Aruri weiter anzuheizen, schrieb das «Wall Street Journal» unter Berufung auf nicht genannte Personen, die mit Israels Vorgehen vertraut seien.
Kreise: US-Angriff im Irak – proiranische Milizionäre getötet
Laut Sicherheitskreisen wurden bei einem mutmaßlichen Luftangriff der USA in der irakischen Hauptstadt Bagdad mindestens zwei Mitglieder einer einflussreichen proiranischen Miliz getötet, darunter ein Kommandeur. Die Deutsche Presse-Agentur erfuhr aus Sicherheitskreisen, dass der Angriff eine Einrichtung der sogenannten Volksmobilisierungskräfte im Osten der Stadt getroffen habe. Sechs weitere Milizionäre wurden verletzt.
Ein Sprecher der irakischen Armee bestätigte die Attacke und machte die USA verantwortlich. Der «ungerechtfertigte» Angriff mit einer Drohne unterscheide sich nicht von «terroristischen Handlungen».
In den proiranischen Propaganda-Kanälen wurde über die Tötung von zwei hochrangigen Anführern gesprochen. Ein TV-Sender, der den Milizen nahesteht, berichtete von einem Angriff mit drei Raketen. Bilder in den sozialen Medien zeigten das Wrack eines Autos, das offensichtlich getroffen wurde.
Anfangs wurde kein Bekenntnis zu dem Angriff abgegeben.
Bericht: Israelische Armee tötet Hamas-Terroristen in Tunneln
Gemäß eigenen Angaben hat die israelische Armee während der Kämpfe gegen die islamistische Hamas im südlichen Teil des Gazastreifens zahlreiche ihrer Feinde in Tunneln getötet. Dies wurde auch von Hamas-Terroristen bestätigt, die sich in der umkämpften Stadt Chan Junis ergeben haben, wie das Militär auf Telegram mitteilte. Ein Tunnelsystem von mehreren Hundert Metern Länge wurde zerstört und die Kampf- und Führungsfähigkeit der Hamas in der Region erheblich geschwächt. Diese Angaben konnten vorerst nicht unabhängig überprüft werden.
Nach Angaben von Oberst Micky Scharwit wurden in einem Tunnel im Süden allein 20 Terroristen getötet. In dem Kampfgebiet gebe es praktisch keine nichtmilitärische Infrastruktur, zitierte ihn die Zeitung «Jerusalem Post» weiter. Die Hamas nutze fast jedes Wohnhaus, Krankenhaus und fast jede Schule für den Terror.








