Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Studie: Skepsis gegenüber Zuwanderung steigt deutlich

Umfrage zeigt: Mehrkosten, Wohnungsnot und Integrationssorgen nehmen in Deutschland zu.

Eine Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland und ein deutscher Reisepass.
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

Laut einer Umfrage sind Skepsis gegenüber Zuwanderung und Sorge vor negativen Auswirkungen aufgrund steigender Flüchtlingszahlen und schwieriger Rahmenbedingungen wie Energiekrise und Inflation deutlich gestiegen. Insbesondere die zusätzlichen Kosten für den Sozialstaat, Probleme in Schulen und Wohnungsnot bereiten vielen Menschen in Deutschland zunehmend Sorgen, wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Sie ergab auch: Die Bereitschaft, geflüchtete Menschen aufzunehmen, ist erheblich gesunken. Das Institut Verian hatte für die Analyse «Willkommenskultur in Krisenzeiten» im vergangenen Oktober gut 2000 Personen ab 14 Jahren repräsentativ befragt.

Im Jahr 2021 gaben nur 36 Prozent der Befragten an, dass Deutschland keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen könne, da es an seiner Belastungsgrenze sei. Nun waren 60 Prozent dieser Meinung. Dieser aktuelle Wert entspricht ungefähr dem Niveau von 2017, als aufgrund des damaligen erhöhten Flüchtlingszustroms 54 Prozent der Ansicht waren, dass man keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen könne.

Studienautorin Ulrike Wieland sagte der Deutschen Presse-Agentur, das sei aber nicht als Ablehnung der zugewanderten Menschen zu deuten. «Die stark gestiegenen Bedenken sind bezogen auf die systemischen Kapazitäten» – drehten sich also um die Frage, ob gelingende Aufnahme und Integration mit den vorhandenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten zu bewältigen seien.

Die Ergebnisse im Einzelnen

Etwa 78 Prozent der Umfrageteilnehmer gehen davon aus, dass die Zuwanderung zu zusätzlichen Kosten für den Sozialstaat führen wird, 74 Prozent haben Bedenken hinsichtlich Wohnungsnot in Ballungsräumen und 73 Prozent befürchten Konflikte zwischen Einheimischen und Zugewanderten. 71 Prozent machen sich Sorgen über Probleme in Schulen. Die Werte liegen höher als in den Jahren 2021 und 2019.

Im vergangenen Herbst teilten 27 Prozent die Ansicht, dass Flüchtlinge Gäste auf Zeit seien, um deren Integration sich Deutschland nicht bemühen solle; im Jahr 2021 stimmten 20 Prozent dieser Aussage zu.

Eine Mehrheit glaubt, dass die zugewanderten Menschen hierzulande sehr oder eher willkommen geheißen werden. Es gibt jedoch Unterschiede: 73 Prozent der Befragten nehmen eine solche offene Haltung gegenüber Einwanderern ein, die zu Arbeit oder Bildungszwecken kommen, und 78 Prozent aufseiten der Kommunen. Im Gegensatz dazu sehen bundesweit nur 53 Prozent der örtlichen Bevölkerung und 67 Prozent der Kommunen eine Willkommenshaltung gegenüber Flüchtlingen. In Ostdeutschland sind nur 37 Prozent der Meinung, dass Flüchtlinge in der örtlichen Bevölkerung sehr oder eher willkommen geheißen werden.

Die Einstellungen sind ambivalent und variieren

Positive Auswirkungen werden auch wahrgenommen – wenn auch mit leicht abnehmender Tendenz. So sind 63 Prozent der Meinung, dass Zuwanderung wichtig ist für die Ansiedlung internationaler Unternehmen, und 62 Prozent glauben, dass Deutschland dadurch weniger überaltert. 61 Prozent sagen, dass Zuwanderung das Leben interessanter macht. Nur noch 47 Prozent sehen in der Migration einen Ausgleich für den Fachkräftemangel, und 38 Prozent ein Plus für die Rentenversicherung.

«Ostdeutsche sind skeptischer gegenüber Zuwanderung, aber auch in Westdeutschland sind die Vorbehalte gewachsen», bilanziert die Analyse. Junge Menschen bis 29 Jahre betrachteten Zuwanderung optimistischer. Höher gebildete Menschen mit Abitur oder Hochschulabschluss nehmen demnach häufiger Vorteile von Migration wahr. Und dass man mehr Flüchtlinge aufnehmen könne und solle, sagen 46 Prozent der höher Gebildeten – aber nur 29 Prozent der anderen Bildungsgruppen.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die Aufnahme der Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, eine wieder gestiegene Zahl von Asylsuchenden aus vielen Ländern und wirtschaftliche Krisenlagen hätten zum «Eindruck kollektiver Erschöpfung und Überforderung» geführt, von der die rechtspopulistische AfD habe profitieren können. Die Integrationsexpertin der Stiftung sieht aber «einen Grundstock an robuster Willkommenskultur».

Wieland sagt, dass dies auch durch die seit Monaten stattfindenden Demonstrationen vieler tausender Menschen für Solidarität und Demokratie und gegen rechts deutlich wurde, die nun auch der AfD Gegenwind bereiteten.

Gemäß Bundesamt für Migration haben im Jahr 2023 in Deutschland 329.120 Menschen – hauptsächlich aus Syrien, der Türkei und Afghanistan – erstmals einen Asylantrag gestellt. Dies entspricht etwa 50 Prozent mehr Erstanträgen als im Jahr 2022. Derzeit leben aufgrund des russischen Angriffskriegs zudem etwa 1,14 Millionen Geflüchtete aus der Ukraine hierzulande. Für diesen Mittwoch ist eine Bund-Länder-Runde zur Asylpolitik mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) geplant.

Welche Maßnahmen werden gefordert?

Wieland mahnt, dass Zuwanderung durch verbesserte internationale Zusammenarbeit besser gesteuert werden müsse. Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass für jedes EU-Land eine bestimmte Anzahl von aufzunehmenden Flüchtlingen festgelegt werden sollte, abhängig von der Wirtschaftskraft und Größe des Landes. Die Flüchtlingspolitik ist seit vielen Jahren ein umstrittenes Thema in Europa.

Die Stiftung fordert, dass die Politik dort investiert, wo der größte Druck besteht – im Sozialsystem, auf dem Wohnungsmarkt und in Schulen. Es ist wichtig, bessere Arbeitsmarktchancen für Zugewanderte zu schaffen. Laut 87 Prozent der Befragten sollte der Staat sicherstellen, dass Flüchtlinge schnell in Deutschland arbeiten können. Wieland betont, dass nur mit einer gelebten Willkommenskultur Flüchtlinge erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert und internationale Fachkräfte langfristig im Land gehalten werden können.

dpa