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Studie zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche vorgestellt

Erste umfassende Untersuchung zu sexuellem Missbrauch in der EKD und Diakonie zeigt neue Zahlen und fordert Maßnahmen zur Aufarbeitung

Die erste umfassende Studie zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und in der Diakonie wird nun in Hannover vorgestellt.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Heute wird in Hannover die erste umfassende Studie zur sexualisierten Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und in der Diakonie vorgestellt. Besonders gespannt erwartet werden die Zahlen zur Häufigkeit des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Kirchenmitarbeiter. Die Landeskirchen und die Diakonie haben dem Forschungsverbund Akten zur Verfügung gestellt. Allerdings konnten die Wissenschaftler nur Disziplinarakten und nicht die Personalakten aller Pfarrer und Diakone auswerten, wie vorab bekannt wurde.

Die Fallzahlen sind nicht direkt vergleichbar mit den Ergebnissen der sogenannten MHG-Studie zu sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche, die 2018 veröffentlicht wurde. Nach Auswertung von fast 40.000 Personalakten aus der Zeit zwischen 1945 und 2014 wurden 1670 katholische Priester und Diakone beschuldigt, denen 3677 Kinder und Jugendliche als Betroffene zugeordnet werden konnten. Die Wissenschaftler betonten damals, dass diese Zahl «eine untere Schätzgröße» sei.

Anders als die MHG-Studie nimmt die Forum-Studie alle Beschäftigten im evangelischen Leben in den Blick, also zum Beispiel auch Heimerzieher, Kirchenmusiker oder ehrenamtliche Jugendleiter. «Wir sprechen über ein Hellfeld und wir sprechen auch über ein großes Dunkelfeld», sagte ein EKD-Sprecher. Die Fallzahlen würden sich verändern. «Wir erwarten auch, dass sich nach der Veröffentlichung der Studie weitere Betroffene melden.»

Kritik: Kirche hätte schon früher mehr für Aufarbeitung tun können

Aus Sicht von Kritikern hätte die evangelische Kirche bereits in der Vergangenheit mehr für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt tun können. «Notwendig ist eine von der Kirche unabhängige Ombudsstelle für Betroffene», sagte Katharina Kracht, die in den 1980er und 1990er Jahren von einem evangelischen Pastor im niedersächsischen Nenndorf bei Hamburg schwer sexuell missbraucht wurde. Wie sich erst spät herausstellte, hatte der 2013 gestorbene Pfarrer sowohl in Nenndorf als auch in seiner vorigen Kirchengemeinde in Wolfsburg weitere Mädchen missbraucht.

Detlev Zander erlebte als Kind über Jahre sexualisierte Gewalt in einem Kinderheim der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal in Baden-Württemberg. Er ist Betroffenen-Sprecher des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt der EKD, in dem Betroffene und Kirchenvertreter sitzen. Entscheidend sei, dass die Landeskirchen und die EKD die Empfehlungen der Forum-Studie umsetzen werden, sagte Zander. «Dazu gehört, dass man die Betroffenen anständig entschädigt und sie nicht abspeist.»

Sexualisierte Gewaltopfer haben derzeit die Möglichkeit, einen Antrag auf freiwillige individuelle Leistungen zu stellen. Diese Leistungen werden gemäß der EKD an Schmerzensgeldzahlungen angelehnt und bewegen sich in der Regel zwischen 5000 und 50.000 Euro. Bis Ende 2022 wurden den Landeskirchen der EKD insgesamt 858 Anträge auf solche Anerkennungsleistungen gemeldet.

Die EKD hatte die Studie „Forum-Studie 2020“ ins Leben gerufen. Das Ziel der Forschung war es, typisch evangelische Strukturen zu untersuchen, die Gewalt und Machtmissbrauch begünstigen. Die Finanzierung der Studie erfolgte durch Mittel der EKD und der Landeskirchen in Höhe von 3,6 Millionen Euro. Als Dachorganisation von 20 Landeskirchen vertritt die EKD bundesweit 19,2 Millionen evangelische Christinnen und Christen.

dpa