Zum zweiten Jahrestag des Beginns des russischen Angriffskriegs schaut die Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Flucht, Mobilmachung und Zerstörung prägen den Alltag. Das Land hofft auf westliche Hilfe.
Tod, Flucht und Zerstörung in der Ukraine

Insbesondere im Osten der Ukraine im Donbass sind die Zerstörungen durch den russischen Angriffskrieg gegen das Land verheerend. Auch im Süden leben die Menschen unter ständigem Beschuss. Weniger stark betroffen sind die Hauptstadt Kiew und das Hinterland im Westen – auch wenn es dort immer wieder Luftalarm und russische Raketen- und Drohnenangriffe gibt. Einige Aspekte zum Leben in Zeiten des Krieges, der vor zwei Jahren am 24. Februar 2022 begonnen hatte:
Flucht und Tod
Millionen Menschen sind aufgrund der russischen Angriffe auf der Flucht – sowohl im Inland als auch im Ausland. Laut den Vereinten Nationen haben mehr als 10.000 Zivilisten, darunter Hunderte Kinder, durch den von Kremlchef Wladimir Putin angeordneten Angriff auf das Land ihr Leben verloren. Es gibt Berichten zufolge etwa doppelt so viele Verletzte. Die UN haben keinen Zugang zu vielen lang umkämpften und mittlerweile von Russland besetzten Städten wie Mariupol, Lyssytschansk, Popasna und Sjewjerodonezk. Daher dürfte die tatsächliche Zahl der Toten deutlich höher liegen. Zusätzlich kommen Zehntausende getötete Soldaten hinzu.
Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) haben seit Beginn des Krieges etwa 6,5 Millionen Menschen aus der Ukraine das Land verlassen. Von diesen wurden 3,7 Millionen durch Kämpfe und Zerstörungen vertrieben und haben Schutz im Inland gefunden. UN zufolge benötigen mehr als 14,6 Millionen Menschen oder etwa 40 Prozent der Bevölkerung humanitäre Hilfe. Etwa 20 Prozent des Landes, einschließlich der Schwarzmeer-Halbinsel Krim, sind von russischen Truppen besetzt.
Luftalarm
Das Heulen der Sirenen für den Luftalarm ist eine ständige Begleitung des Krieges in der Ukraine – im ganzen Land. Oft mehrmals täglich. Es warnt vor möglichen russischen Luftangriffen mit Raketen, Drohnen oder Luftangriffen. Die frontnahen Regionen im Osten und Süden des Landes sowie in der Nähe der russischen Grenze sind am stärksten betroffen. Seit Beginn des Krieges wurde laut Statistiken der Website alerts.in.ua über 33.000 Mal Luftalarm im Land ausgelöst. Davon über 3800 Mal in der Region Donezk und gut 1000 Mal in der Hauptstadt Kiew. In der Hauptstadt dauerten die Alarme während der zwei Jahre Krieg insgesamt fast 50 Tage.
Aufgrund der Vielzahl von Alarmen neigen viele Ukrainer dazu, sie zu ignorieren. Andere suchen Schutz in ihren Wohnungen oder in den Schutzbunkern der Städte. Besonders belastend sind die ständigen Angriffe und Alarme für Schulkinder. In der ostukrainischen Großstadt Charkiw nahe der russischen Grenze erhalten viele Kinder Unterricht unter der Erde in speziell eingerichteten Klassenzimmern in U-Bahnstationen. Die Flugabwehr, die auch Deutschland geliefert hat, verzeichnet immer wieder Erfolge bei der Verteidigung.
Ausgangssperre
Seit der Verhängung des Kriegsrechts gibt es in fast allen Regionen des Landes nächtliche Ausgangssperren. Ab 23.00 Uhr oder Mitternacht Ortszeit darf sich niemand ohne besondere Genehmigung draußen aufhalten, Restaurants schließen zu diesem Zeitpunkt auch. Gegen 4.00 Uhr oder 5.00 Uhr morgens wird die Sperre wieder aufgehoben. In nahen Gebieten wie Donezk, Cherson und Teilen des Gebietes Saporischschja gelten noch strengere Regeln.
Stabile Versorgungslage bei hohen Preisen
Der Kriegsschock hatte auch Auswirkungen auf das wirtschaftliche Leben der Ukraine. Obwohl Maßnahmen ergriffen wurden, um die Landeswährung zu stabilisieren, hat die Hrywnja gegenüber dem Euro etwa 30 Prozent an Wert verloren. Importe aus dem Ausland wurden teurer. Die Preise stiegen im ersten Kriegsjahr um mehr als 26 Prozent. Im zweiten Kriegsjahr sank die Inflation zwar auf etwa fünf Prozent. Dennoch spüren die Ukrainer die Kosten vor allem bei den Lebensmittelpreisen.
Die allgemeine Versorgungslage hat sich nicht verändert. Die Treibstoffkrise im Frühjahr 2022, die nach russischen Angriffen auf Erdölraffinerien und Treibstoffdepots entstand, wurde von den Tankstellenketten schnell behoben. Der Liter Benzin kostet trotz des Krieges mit durchschnittlich 1,25 Euro deutlich weniger als in Deutschland. Auch die Stromausfälle im Winter 2022/2023 nach massiven russischen Luftangriffen auf Umspannwerke sind fast vergessen.
Niedrige Einkommen
Die Durchschnittslöhne in der Ukraine stiegen seit Kriegsbeginn nominal um über 20 Prozent, aber in Euro sanken sie um knapp fünf Prozent auf etwa 435 Euro. Die ukrainischen Rentner erhalten im Durchschnitt 35 Prozent mehr in Hrywnja, was jedoch nur etwa 130 Euro pro Monat entspricht.
Mobilmachung und Ausreiseverbote
Direkt nach dem russischen Überfall hat Präsident Wolodymyr Selenskyj eine allgemeine Mobilmachung angeordnet. Dies beinhaltet ein Ausreiseverbot für Männer im wehrpflichtigen Alter zwischen 18 und 60 Jahren. Tatsächlich eingezogen werden Männer im Alter zwischen 27 und 60 Jahren. Die Senkung des Reservistenalters auf 25 Jahre wird diskutiert.
Am Anfang des Krieges meldeten sich viele Ukrainer freiwillig. Nach zwei Jahren Krieg und schweren Verlusten mit über 100.000 Toten, vielen Kriegsversehrten, Tausenden Gefangenen und Vermissten kann Kiew kaum noch auf Freiwillige zählen und muss zu immer härteren Methoden bei der Rekrutierung greifen. Von mehr als 800.000 Soldaten sollen etwa 300.000 direkt an der Front sein. Darüber hinaus haben Hunderttausende Männer durch Flucht ins Ausland den Kriegsdienst vermieden. Etwa 800.000 haben dabei in europäischen Ländern Schutz gefunden.
Kriegsmüdigkeit
Seit langem wächst insbesondere der Unmut der Frauen und Familien von Langzeit-Dienenden. Sie sehen ihre Ehemänner, Söhne und Väter nur selten bei kurzen Fronturlauben – oder per Video. Immer mehr Ehefrauen und Mütter bringen bei Demonstrationen ihren Ärger zum Ausdruck. Sie fordern ein Recht auf Rotation und eine Entlassung für Langzeit-Dienende. Aufgrund des hohen Bedarfs an Soldaten und der sich verschlechternden Lage an der Front besteht kaum Aussicht darauf, dass sich etwas daran ändert.
Ukraine-Hilfen
Ohne die Unterstützung des Westens kann die Ukraine nicht überleben. Etwa die Hälfte des Staatshaushalts des Landes wird aus dem Ausland finanziert, beispielsweise für Gehälter im öffentlichen Dienst und Renten. Laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (ifw) belaufen sich die bewilligten humanitären, militärischen und finanziellen Hilfen vom 24. Januar 2022 bis zum 15. Januar dieses Jahres auf bisher mehr als 250 Milliarden Euro. Davon stammen etwa 144 Milliarden Euro von den EU-Staaten und -Institutionen und 67,7 Milliarden Euro von den USA. Der Rest kommt aus anderen Geberländern.
Laut dem Institut leistet Deutschland mit insgesamt 17,7 Milliarden Euro den größten Beitrag zur Militärhilfe innerhalb der EU. Zusätzlich gibt es Ausgaben für Geflüchtete. Im Vergleich dazu haben die USA bisher laut ifw 42,2 Milliarden Euro für Militärhilfe bereitgestellt.








