Die Ukraine und Russland diskutieren über die Kontrolle der ostukrainischen Industrieregion Donbass, um dauerhaften Frieden zu erreichen.
Entscheidung über Donbass: Ukraine und Russland verhandeln in Abu Dhabi

Bei den ersten direkten Gesprächen zwischen der Ukraine und Russland seit Monaten geht es im Kern darum, wer nach einem Ende des Krieges die ostukrainische Industrieregion Donbass kontrollieren wird. «Die Frage des Donbass ist eine Schlüsselfrage», sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor den Verhandlungen in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch der Kreml nannte den Donbass als wichtigsten Punkt des Treffens unter Beteiligung der USA.
Bei den Gesprächen an diesem Freitag und Samstag würden die drei Seiten ihre Ansichten zum Problem darlegen und besprechen, sagte Selenskyj. Laut seinem Berater Dmytro Lytwyn war der Beginn der Gespräche für den Abend geplant.
Ukraine kontrolliert noch ein Fünftel des Gebietes Donezk
Washington hat seit Monaten darauf gedrängt, dass Russland und die Ukraine den Krieg beenden. Moskau beansprucht das gesamte Gebiet Donezk, das es nur zu knapp 80 Prozent kontrolliert. Kiew hat bisher einen freiwilligen Abzug abgelehnt. Das Gebiet Donezk und das benachbarte Luhansk, das fast vollständig von russischen Truppen kontrolliert wird, werden als Donbass bezeichnet.
Ohne eine Lösung der Territorialfrage werde es keinen dauerhaften Frieden geben, erklärte Juri Uschakow, der außenpolitische Berater von Kremlchef Wladimir Putin. Er äußerte sich nach Gesprächen der US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner mit Putin in Moskau in der Nacht zum Freitag. Solange es keine Lösung gebe, werde Russland den Krieg fortsetzen, sagte Uschakow. Die Ukraine wehrt sich seit fast vier Jahren gegen eine russische Invasion.
Gab es eine «Formel von Anchorage»?
Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, die Gebietsfragen sollten gemäß den Vereinbarungen von Anchorage geklärt werden. Wie diese «Formel von Anchorage» aussieht, wolle er allerdings nicht sagen. «Wir halten das für nicht zweckmäßig», sagte er der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.
Putin und der US-Präsident Donald Trump trafen sich im August letzten Jahres in Anchorage, Alaska. Es wurde keine Einigung verkündet, was von russischen Vertretern jedoch immer wieder auf das angebliche Gipfel-Ergebnis hingewiesen wird.
Es gab einen inoffiziellen Vorschlag, dass die Ukraine den Donbass räumen sollte und stattdessen die Front weiter südlich in den Gebieten Saporischschja und Cherson eingefroren werden könnte. Im November wurde dies im Entwurf eines Friedensplans erwähnt, den die USA übernahmen, der jedoch vermutlich aus Moskau stammte.
Peskow sagte nun: «Die Position Russlands ist bekannt, dass die Ukraine und die ukrainischen Streitkräfte das Gebiet Donbass verlassen müssen. Sie müssen von dort abgezogen werden.»
US locken mit Freihandelszone
Die Städte Slowjansk und Kramatorsk im Gebiet Donezk sind für die ukrainische Armee von strategischer Bedeutung, um einen russischen Vormarsch in Richtung Charkiw und zum Fluss Dnipro zu stoppen. Selenskyj antwortete auf die Forderung nach einem Rückzug mit der Gegenforderung, dass russische Truppen sich um die gleiche Anzahl von Kilometern zurückziehen sollten.
Die Trump-Regierung versucht, beiden Seiten die Idee schmackhaft zu machen, in dem entmilitarisierten Streifen eine Freihandelszone einzurichten. Allerdings ist die Region nach schweren Kämpfen weitgehend zerstört. Moskau sagte, in einer entmilitarisierten Zone sollten russische Polizei und die Nationalgarde patrouillieren. Diese sind jedoch militärisch ausgerüstet – unannehmbar für Kiew.
Ein Draht von Geheimdienst zu Geheimdienst?
Selenskyj hat für Abu Dhabi die ukrainische Delegation benannt, die seit Wochen hauptsächlich mit den USA verhandelt. Die Delegation wird vom Sekretär des Sicherheitsrates, Rustem Umjerow, und dem neuen Leiter des Präsidialamtes, Kyrylo Budanow, geführt. Putin entsandte für Sicherheitsfragen den Leiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Igor Kostjukow, sowie andere Militärs.
Die Gespräche am Golf haben mehr Gewicht als die vorherigen Runden in Istanbul, bei denen Ex-Kulturminister Wladimir Medinski die russische Delegation leitete. Er wird im Moskauer Machtgefüge als Leichtgewicht betrachtet, ohne Einfluss in Sicherheitsfragen zu haben.
General Budanow war vor seinem Wechsel Chef der ukrainischen militärischen Aufklärung und hat in dieser Funktion schon in Abu Dhabi mit russischen Geheimdienstvertretern gesprochen. Dabei ging es um den Austausch von Kriegsgefangenen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte Budanow, es sei an der Zeit, nach den Verhandlungen mit den USA und den Europäern auch wieder direkt mit Moskau zu sprechen.
Peskow sagte, dass die Unterhändler Steve Witkoff und Kirill Dmitrijew über bilaterale wirtschaftliche Fragen zwischen den USA und Russland sprechen sollten.
Vier Tote durch Drohnenangriff
Russische Drohnenangriffe haben in der Ostukraine mindestens vier Zivilisten getötet, darunter ein fünfjähriger Junge. Laut der Staatsanwaltschaft des Gebiets Donezk auf Facebook wurden fünf weitere Menschen verletzt. Unter den Verletzten in der Ortschaft Tscherkaske im Landkreis Kramatorsk waren drei Minderjährige. Die Siedlung liegt gut 35 Kilometer von der Front entfernt.
Des Weiteren führten die russischen Luftangriffe zu neuen Stromausfällen in den Regionen Dnipropetrowsk, Saporischschja, Charkiw und Sumy. In Kiew halten die Probleme mit der Strom- und Heizungsversorgung an. Laut russischen Behörden löste ein ukrainischer Drohnenangriff einen Brand in der Raffinerie von Pensa aus.








