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Auch im Libanon geraten Zivilisten zwischen die Fronten

Hauptleidtragende der eskalierenden Gewalt zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah sind wie im Gaza-Krieg Zivilisten. Hunderte werden getötet, fast 2.000 verletzt – und Zehntausende flüchten.

Die UN-Beobachtermission Unifil setzt Patrouillen im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon wegen der erhöhten Gefahr für ihr Personal vorübergehend aus.
Foto: Taher Abu Hamdan/XinHua/dpa

Trotz der hohen Zahl ziviler Opfer setzt Israel seine massiven Luftangriffe auf die Hisbollah-Miliz im Libanon fort. Laut libanesischen Behörden wurden seit Montag mindestens 558 Menschen getötet, darunter 50 Kinder, 94 Frauen und 4 Sanitäter. Außerdem wurden 1.835 Menschen verletzt.

Chaos und Panik im Libanon

Zehntausende Menschen aus dem Südlibanon flohen Richtung Norden. Straßen waren verstopft, Krankenhäuser überfüllt und Menschen in Panik. Der Libanon ist verarmt und hat seit 2011 rund 1,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien aufgenommen. Diese lebten bereits zuvor unter sehr prekären Bedingungen.

Israel ruft Menschen erneut zur Flucht auf

Israel forderte erneut die Menschen im Südlibanon auf, sich bei Raketenabschussrampen oder Waffenlagern der Hisbollah in Sicherheit zu bringen. Die israelische Luftwaffe griff erneut Stellungen und Waffenlager der Hisbollah an, die laut israelischer Darstellung oft absichtlich in Wohngebieten platziert werden.

Israel plant nach eigenen Angaben, die mit dem Iran verbündete Hisbollah so zu schwächen, dass sie nicht mehr in der Lage ist, täglich den Norden Israels zu beschießen. Deshalb mussten mindestens 60.000 Israelis in andere Teile des Landes fliehen.

Hisbollah will nach eigenen Angaben Hamas unterstützen 

Die Hisbollah hat erklärt, dass sie mit ihren Angriffen, die im vergangenen Oktober begonnen haben, die Hamas im Gazastreifen unterstützen will. Am 7. Oktober 2023 hatten Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen mehr als 1.200 Menschen in Israel getötet und etwa 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen gebracht.

Das unvergleichliche Massaker führte zum Gaza-Krieg, bei dem laut Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde bisher mehr als 40.000 Menschen im Küstenstreifen getötet und über 90.000 verletzt wurden, ohne zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden. Trotz internationaler Vermittlungsbemühungen konnten sich beide Seiten bisher nicht auf einen Waffenstillstand und die Freilassung israelischer Geiseln im Gazastreifen einigen.

Israels Militärchef: Hisbollah keine Pause gewähren

Israels Generalstabschef Herzi Halevi kündigte eine weitere Verschärfung der massiven Angriffe im nördlichen Nachbarland an. Bei einer Beratung sagte Halevi nach Militärangaben: «Wir dürfen der Hisbollah keine Pause gewähren. Wir müssen mit aller Kraft weitermachen.» Israel will erreichen, dass sich die Miliz wieder hinter den 30 Kilometer von der Grenze entfernten Litani-Fluss zurückzieht – so wie es die UN-Resolution 1701 vorsieht.

Israel will Zehntausende Raketen zerstört haben

Laut Verteidigungsminister Joav Galant wurden bei den Angriffen Zehntausende Raketen der Hisbollah zerstört. Vor Beginn der Angriffe am 8. Oktober wurde das Waffenarsenal der Miliz auf 150.000 Raketen, Drohnen und Marschflugkörper geschätzt.

Das libanesische Gesundheitsministerium gab bekannt, dass bei einem erneuten israelischen Luftangriff in einem Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut mindestens sechs Menschen getötet wurden.

Israels Militär teilte ohne weitere Details mit, einen «gezielten Angriff» in Beirut durchgeführt zu haben. Er soll dem Leiter der Raketeneinheit der Hisbollah-Miliz gegolten haben, meldeten mehrere israelische Medien unter Berufung auf Verteidigungsbeamte. Es war demnach zunächst unklar, ob er verletzt oder getötet wurde.

Guterres warnt vor «zweitem Gaza»

UN-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer weiteren Eskalation. «Das libanesische Volk, das israelische Volk und die Menschen auf der ganzen Welt können es sich nicht leisten, dass der Libanon zu einem zweiten Gaza wird», sagte er in New York. Guterres hat mehrfach die israelische Kriegsführung in Gaza kritisiert.

Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats

Frankreich hat aufgrund der Eskalation eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats für diese Woche beantragt. Jedoch ist das mächtigste Gremium der Vereinten Nationen aufgrund politischer Konflikte nur begrenzt handlungsfähig. Der Nahost-Konflikt wird voraussichtlich auch bei der mehrtägigen Generaldebatte der UN-Vollversammlung eine bedeutende Rolle spielen.

Mehr als 100.000 Vertriebene im Libanon

Laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR wurden seit Montag aufgrund der israelischen Angriffe Zehntausende Menschen zur Flucht gezwungen. Seit den palästinensischen Terroranschlägen in Israel am 7. Oktober 2023 und den darauf folgenden Militärschlägen Israels im Gazastreifen wurden nach UNHCR-Angaben im Süden des Libanon aufgrund zunehmender Angriffe 102.000 Menschen vertrieben.

Auch syrische und palästinensische Flüchtlinge im Libanon betroffen 

Auch für syrische und palästinensische Flüchtlinge wird die Situation im Libanon immer schwieriger. Internationale Geldgeber haben bereits ihre Unterstützung reduziert, so der Norwegische Flüchtlingsrat. Das kleine Mittelmeerland hat laut UN-Angaben pro Kopf und in Relation zu seiner Größe mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land der Welt.

Auch wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise haben sie nur begrenzten Zugang zu Lebensmitteln, medizinischer Versorgung, Bildung und anderer Grundversorgung. Viele Flüchtlinge haben keinen weiteren Zufluchtsort etwa bei Verwandten oder ein Auto für die Flucht. Hunderte flohen deshalb in ihrer Not sogar nach Syrien. «Es sind hauptsächlich Libanesen mit syrischen Ehefrauen und andere mit Verwandten in Syrien», sagte ein Grenzpolizist der Deutschen Presse-Agentur.

Israels Heimatschutz: Bürger müssen landesweit in Bereitschaft sein

Israels Bürger müssen sich nach Angaben des Heimatschutzes landesweit auf weitere mögliche Gegenangriffe der Hisbollah vorbereiten. Ein Sprecher sagte der Nachrichtenseite «ynet», die Menschen sollten darauf vorbereitet sein, gegebenenfalls Schutzräume aufzusuchen. Wenn Sirenen im Großraum Tel Aviv heulten, hätten die Menschen dafür nur anderthalb Minuten Zeit.

Hisbollah spricht von Gegenangriffen auf Israel

Die Hisbollah, die im Libanon praktisch wie ein Staat im Staate agiert, reagierte ihrerseits mit heftigen Raketenangriffen auf israelisches Gebiet. Sie erklärte, sie habe seit dem Morgen mindestens sechsmal mit Raketen des Typs Fadi-1 und Fadi-2 angegriffen. Unter anderem habe sie den Militärflughafen Megiddo westlich von Afula angegriffen und erneut auch den Militärstützpunkt Ramat David nahe der Küstenstadt Haifa. Über Opfer wurde zunächst nichts bekannt.

dpa