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Wachsender Antisemitismus: Israels Botschafter schlägt Alarm

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel haben die antisemitischen Straftaten in Deutschland drastisch zugenommen. Israels Botschafter spricht von «Angst» unter den Juden in Deutschland.

«Die Angst ist wirklich da», sagt Israels Botschafter Ron Prosor.
Foto: Carsten Koall/dpa

Israels Botschafter Ron Prosor fordert eine entschlossenere Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus in Deutschland. «Die Tatsache, dass Juden Angst haben, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen oder auf Hebräisch in ihre Handys zu sprechen, das kann einfach nicht sein. Wir müssen aufwachen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

«Leute, die Angst haben, ihre Kinder in die Schule zu bringen, wenn die Schule nicht geschützt wird: Das sind Verhältnisse, die nicht normal sind», mahnte Prosor, der seit 2022 Botschafter in Berlin ist. «Die Angst ist wirklich da.»

Mehr als 1100 antisemitische Straftaten

Seit dem Angriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober ist die Anzahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland deutlich angestiegen. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat allein im Zusammenhang mit der Eskalation des Nahost-Konflikts bis zum 21. Dezember mehr als 1100 Delikte im kriminalpolizeilichen Meldedienst für politisch motivierte Kriminalität registriert, wie ein Sprecher des BKA der dpa auf Anfrage mitteilte. Es handelt sich hauptsächlich um Sachbeschädigungen und Volksverhetzungen.

Das ist deutlich mehr als in jedem der ersten drei Quartale dieses Jahres, zu denen das Bundesinnenministerium zuletzt im November Zahlen veröffentlicht hat. Danach wurden im ersten Quartal 558 antisemitische Straftaten registriert, im zweiten Quartal waren es 609 und im dritten 540. Diese Zahlen beinhalten alle Delikte – die links- und rechtsextremistisch motivierten ebenso wie die aus den Kategorien «religiöse Ideologie» und «ausländische Ideologie».

Die über 1100 Straftaten seit Anfang Oktober sind jedoch nur die erfassten Straftaten im Zusammenhang mit der Eskalation des Nahost-Konflikts. Die Gesamtzahl dürfte also noch erheblich höher sein. Im gesamten letzten Jahr wurden – Stand November 2023 – insgesamt 2874 antisemitische Straftaten registriert, darunter 88 Gewalttaten.

Botschafter fordert: Bildungslücken schließen

Prosor betonte, dass der zunehmende Antisemitismus kein rein deutsches Problem sei. «In Deutschland ist es aber noch wichtiger als anderswo, das zu ändern», sagte er. «Wenn Molotowcocktails geworfen werden, um Synagogen in Brand zu stecken, dann kann man nicht nur mit Worten darauf reagieren, man muss praktisch etwas tun.»

Prosor forderte, in den Schulen anzusetzen und Bildungslücken zu schließen, was Israel angeht. «Wir haben ein echtes Problem bei Jugendlichen. Je jünger die Leute sind, desto mehr fremdeln sie gegenüber Israel», sagte er der dpa. «Wir haben da eine Aufgabe, wir müssen für bessere Bildung über Israel sorgen, etwa an den Schulen.»

Antisemitismus als Gefahr für gesamte Gesellschaft

Man müsse sich fragen, in welcher Wirklichkeit, in welcher Gesellschaft und in welchem Land man eigentlich leben wolle, sagte Prosor. «In einem Land, in dem Polizisten Kindergärten beschützen müssen? In einem Land, in dem jüdische Schulen Tag und Nacht geschützt werden müssen? In einem Land, in dem Davidsterne auf Häuser gesprüht werden, in denen Juden leben?», fragte er. «Das kann man nicht als normal ansehen.»

Antisemitismus sei gefährlich, egal ob er aus der rechtsradikalen, linksradikalen oder muslimischen Ecke komme, betonte der Botschafter. «Er ist immer eine Gefahr – nicht nur für Juden, sondern für die Gesellschaft insgesamt.»

Prosor würdigt Vorgehen der Sicherheitsbehörden

Der Diplomat lobte die Maßnahmen der deutschen Sicherheitsbehörden im Kampf gegen Antisemitismus und die zunehmende Terrorgefahr. Vor Mitte Dezember wurden vier vermeintliche Mitglieder der islamistischen Hamas in Berlin und Rotterdam in den Niederlanden festgenommen. Den drei Verdächtigen aus Berlin – einem Ägypter und zwei im Libanon geborenen Personen – wird von der Bundesanwaltschaft vorgeworfen, nach Waffen gesucht zu haben, die möglicherweise für Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Europa verwendet werden sollten.

«Ich glaube, dass die deutschen Behörden die Gefahr kennen. Wir müssen wachsam bleiben, weil der internationale Terrorismus ständig aufrüstet», sagte Prosor. «Der Rechtsstaat muss den Terroristen immer einen Schritt voraus sein.»

dpa