Einige sahen Hassan Nasrallah als Nummer Zwei hinter Irans oberstem Führer. Die Folgen seiner Tötung im Konflikt mit Israel sind völlig offen. Im Libanon entsteht ein ebenso gefährliches Machtvakuum.
Was bedeutet der Tod von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah?

Nach schweren Explosionen südlich von Beirut stürzen mehrere Gebäude zu Trümmerbergen zusammen, als Israels Armee nach eigenen Angaben das Hauptquartier der Schiitenmiliz Hisbollah angreift. Ihr Generalsekretär Hassan Nasrallah wird getötet. Nasrallahs Tod, den zuerst Israel und dann auch die Hisbollah bestätigen, erschüttert den Nahen Osten wie ein Donnerschlag. Die wichtigsten Fragen:
Was wird jetzt aus der Hisbollah?
Nach dem Tod ihres charismatischen Anführers ist die schiitische Organisation gewissermaßen kopflos. Ohne Chef und nach der Tötung fast der gesamten oberen Führungsebene ist unklar, wer innerhalb der Hisbollah nun die Kommandos geben könnte, auch bei weiteren Angriffen auf Israel. Vermutlich wird sie Anweisungen des Irans abwarten. Der Iran ist die eigentliche Schutzmacht und wichtigster Unterstützer der Hisbollah. Auch wie der Iran reagiert, ist offen. Fest steht: Die Hisbollah ist nach massiven Angriffswellen Israels so geschwächt und gedemütigt wie seit Jahren nicht.
Wird die Miliz einen Nachfolger benennen?
Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Die Hisbollah ernennt ihre Anführer zwar meist in geheimen und undurchsichtigen Verfahren. Es gibt jedoch bereits einen Namen im Umlauf für die Nachfolge: Haschim Safi al-Din, der Chef des Hisbollah-Exekutivrats, wird als aussichtsreichster Kandidat angesehen. Er ist ein Cousin von Nasrallah und der Vater des Schwiegersohns des mächtigen iranischen Generals Ghassem Soleimani, der 2020 im Irak durch einen US-Drohnenangriff getötet wurde. Safi al-Din soll bereits seit den 1990er Jahren auf eine Führungsrolle innerhalb der Hisbollah vorbereitet worden sein. Laut arabischen Medienberichten war er zuletzt unter anderem für finanzielle Fragen und den täglichen Betrieb innerhalb der Miliz verantwortlich.
Wie bedeutend ist der Tod Nasrallahs?
Nasrallah war eine der wichtigsten Figuren in der sogenannten «Achse des Widerstands», in der der Iran mit Verbündeten in der Region gegen den erklärten Erzfeind Israel kämpft. Teilweise wurde er sogar als Nummer Zwei hinter Irans oberstem Führer Ali Chamenei betrachtet. Für seine Unterstützer hatte Nasrallah fast Gott-ähnlichen Status. «Nasrallahs Tod ist mehr als nur der Verlust eines Anführers, es ist der Verlust einer festigenden Kraft im Kern von Irans regionaler Strategie», schrieb das «New Lines Magazine» in einem Nachruf. Ohne ihn könne die «Achse» möglicherweise ganz zusammenbrechen.
Der Chefredakteur der libanesischen Zeitung «L’Orient Le Jour», Anthony Samrani, schrieb, die Tötung sei noch bedeutender als die von Top-General Soleimani 2020 und die von Osama bin Laden, Anführer des Terrornetzwerkes Al-Kaida und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.
«Er war unser Bin Laden mal 10. Mehr als 30 Jahre lang tötete er unsere Zivilisten, während er anderen Terrororganisationen zugleich half, besser darin zu werden, uns zu töten», schrieb Nadav Pollak, Dozent an der israelischen Reichman-Universität.
Welche Folgen hat sein Tod für den Konflikt mit Israel?
Es existieren verschiedene Szenarien. Die derzeit kopflose Organisation könnte beispielsweise trotz aller Rückschläge versuchen, besonders gewaltsam auf diesen Angriff zu reagieren – um zu demonstrieren, dass sie noch immer zur Durchführung von Attacken in der Lage ist. Dies könnte beispielsweise in Form eines koordinierten Angriffs der Milizen im Irak und im Jemen oder erneut aus dem Iran selbst geschehen.
Falls sich die Hisbollah nicht wie gefordert von der südlichen Grenze mit Israel zurückzieht, könnte eine begrenzte Bodenoffensive der israelischen Armee in Betracht gezogen werden, um den Druck auf die Miliz aufrechtzuerhalten. Solche Kämpfe könnten jedoch zugunsten der Hisbollah verlaufen, die bereits zuvor im Süden eine Art Guerillakrieg gegen Israel geführt hat. Aufgrund der deutlichen Schwächung der Hisbollah und der Hamas im Gaza-Krieg könnten insbesondere die Huthi im Jemen als Verbündete Teherans an Bedeutung gewinnen.
Was bedeutet der Tod für den Libanon?
In dem kleinen Land am Mittelmeer, das seit zwei Jahren ohne Präsident ist und faktisch ohne Regierung, entsteht durch Nasrallahs Tod ein Machtvakuum. Es gibt vorerst keine Anzeichen aus dem Iran, dass dieser als wichtigster Unterstützer der Hisbollah die Lücke schließen will. Möglich scheint deshalb auch ein neuer Machtkampf anderer Gruppierungen in dem konfessionell stark gespaltenen Land. Gegner der Hisbollah dürften jetzt eine einmalige Chance sehen, die Strukturen der Hisbollah innerhalb des Staats dauerhaft zu zerlegen und eine stärkere Kontrolle der Regierung wiederherzustellen. Es könnte aber auch zu einem größeren Zusammenbruch der Sicherheit im Land kommen, zu neuen konfessionellen Konflikten und insgesamt chaotischen Zuständen. Das Land erlebte von 1975 bis 1990 bereits einen blutigen Bürgerkrieg.
[Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah getötet: Machtvakuum im Libanon],Die Hisbollah steht nach dem Tod ihres Anführers vor ungewisser Zukunft. Ein neuer Machtkampf im Land könnte bevorstehen, mit ungewissen Folgen.








