Besuch bei Modi und Fokus auf Wirtschaftskooperation – eine neue diplomatische Richtung für Deutschland
Merz auf Asienreise: Erster Stopp in Indien

China? Nein. Japan? Auch nicht. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich für seine erste größere Asienreise anders als seine Vorgänger Indien als Ziel ausgesucht. Heute bricht er – acht Monate nach seinem Amtsantritt – zu einem zweitägigen Besuch in dem mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichsten Land der Welt auf.
Der indische Premierminister Narendra Modi zeigt seine Dankbarkeit für die ungewöhnliche Vorzugsbehandlung mit einer besonderen und sehr seltenen Geste der Wertschätzung: Er empfängt Merz am Montag in Ahmedabad in seiner Heimatregion Gujarat, führt ihn zu einer ehemaligen Wirkungsstätte des Nationalhelden Mahatma Gandhi und zum traditionellen Drachenfest am Sabarmati-Fluss. Die üblichen politischen Gespräche dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Am Dienstag wird die Reise nach Bengaluru fortgesetzt, früher Bangalore, dem Zentrum der indischen Hightech-Industrie. Dort liegt der Fokus auf der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der beiden Länder. Merz wird erstmals von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet, zu der mehr als 20 Manager von großen und mittelständischen deutschen Unternehmen gehören. Die indische Hauptstadt Neu-Delhi wird von Merz nicht besucht – ungewöhnlich für einen Antrittsbesuch.
Merz weitet seinen außenpolitischen Blick
Der Kanzler hat in den ersten acht Monaten seiner Amtszeit hauptsächlich die Bündnispartner in Europa und Nordamerika besucht. Jetzt plant er, sich vermehrt anderen Weltregionen zuzuwenden. Im November nahm er am G20- und EU-Afrika-Gipfel in Südafrika und Angola teil und zuvor am Weltklimagipfel in Brasilien.
Nun reist Merz nach Asien. Bisher war er nur kurz in der größten Weltregion während seines Türkei-Besuchs im letzten Jahr: Die Hauptstadt Ankara befindet sich im asiatischen Teil des Landes, welches ein Brückenstaat zwischen Asien und Europa ist.
Es ist interessant zu bemerken, dass Merz Indien vor China als wichtigstem Absatzmarkt der deutschen Wirtschaft in Asien und vor Japan als einzigem asiatischen Partner in der G7-Gruppe demokratischer Wirtschaftsmächte besucht hat. Seine Vorgänger haben dies auf ihren ersten Asien-Reisen anders gehandhabt. Olaf Scholz (SPD) besuchte zuerst Japan, dann China und erst ein Jahr nach Amtsantritt Indien. Angela Merkel (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) begannen ihre Asien-Diplomatie mit Doppelbesuchen in Japan und China: Schröder reiste zuerst nach Tokio und von dort aus nach China. Merkel machte es umgekehrt. Indien war für beide das dritte Ziel.
Neue Partnerschaften in einer neuen Weltordnung
Merz macht das Land nun zur Nummer eins, was vor allem mit dem aktuellen Umbruch der Weltordnung zusammenhängt. Auf bewährte Allianzen wie das transatlantische Bündnis zwischen Europa und Nordamerika ist immer weniger Verlass. Deutschland strebt daher danach, seine Partnerschaften breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Großmächten zu verringern – insbesondere von den USA im Sicherheitsbereich und China in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Merz möchte mit der Entscheidung, Indien als erstes Reiseziel zu wählen, diesem Anspruch gerecht werden. Indien hat mittlerweile China als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst und ist die Nummer fünf unter den stärksten Volkswirtschaften.
Indien weiterhin eng mit Russland verflochten
Es ist aber auch ein Land, das sich «zwischen den Welten» bewegt und sowohl zu Russland als auch zu westlichen Ländern enge Beziehungen pflegt. Modi hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin erst im Dezember in Neu-Delhi empfangen und ist über die Brics-Staatengruppe mit Russland verbunden.
Indien bezieht nach wie vor in großem Umfang russisches Öl und finanziert mit den Einnahmen Putins Krieg gegen die Ukraine. Indien hat diesen Krieg anders als die meisten anderen Länder in der UN-Vollversammlung nicht verurteilt, könnte aber möglicherweise aufgrund seiner Kontakte zu Russland bei den diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges hilfreich sein. Bei dem Besuch des Kanzlers wird all dies thematisiert werden.
Rüstung: Indien will deutsche U-Boote
Die enge Bindung Indiens zu Russland zeigt sich darin, dass die indischen Streitkräfte hauptsächlich mit Ausrüstung aus Moskau ausgestattet sind. Deutschland strebt an, diese Situation zu ändern. Thyssenkrupp Marine Systems verhandelt derzeit über den Verkauf von sechs U-Booten an die indische Marine. Auch das Transportflugzeug Airbus A400M stößt in Indien auf Interesse.
Beim Besuch des Kanzlers wird es wahrscheinlich keine konkreten Abschlüsse geben. Es wird jedoch eine Absichtserklärung der beiden Verteidigungsministerien zur Stärkung der Kooperation der Rüstungsunternehmen beider Länder unterzeichnet werden.
Wirtschaft: Warten auf das Freihandelsabkommen
Auch eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit könnte dazu beitragen, die Bindungen Indiens zu Russland zu lösen. An dieser Stelle ist noch Luft nach oben. Indien ist unter den deutschen Handelspartnern nur auf Platz 23. «Angesichts seiner wirtschaftlichen Dynamik, der jungen Bevölkerung und der wachsenden industriellen Basis gewinnt Indien für unsere Unternehmen rasant an Relevanz», sagt der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier.
Der Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien würde einen Schub nach vorne bringen. Die Verhandlungen begannen vor 18 Jahren und wurden zwischendurch für mehrere Jahre unterbrochen. Ein Abschluss beim geplanten EU-Indien-Gipfel Ende Januar ist bisher noch nicht in Sicht.
Fachkräfte: Deutlicher Anstieg bei der Anwerbung
Es wird erneut um die Anwerbung von Fachkräften aus Indien gehen, für die die Ampel-Regierung im Oktober 2024 bereits eine eigene Strategie beschlossen hat. Laut Angaben der Bundesanstalt für Arbeit ist die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inder in Deutschland zwischen 2015 und 2025 von knapp 25.000 auf knapp 170.000 gestiegen. Die größte Gruppe ausländischer Studentinnen und Studenten in Deutschland kommt mit knapp 60.000 aus Indien.








