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Wie neue Pläne für Medizin-Cannabis polarisieren

Cannabis zu medizinischen Zwecken ist nicht schwer zu bekommen. Die Einfuhren sind verdächtig stark angestiegen. Doch Pläne zur Verschärfung rufen ein geteiltes Echo hervor.

Cannabiskonsum - hier ein Joint - mit Hilfe der Apotheke findet nicht nur aus medizinischen Gründen statt. (Illustration)
Foto: Fabian Sommer/dpa

Tonnenweise wird legales Cannabis für den Verbrauch auf Rezept importiert – jedoch stoßen Regierungsmaßnahmen zur Bekämpfung von Missbrauch auf unterschiedliche Reaktionen. Polizei- und Ärztevertreter unterstützen einen Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) zur Verschärfung von Medizinal-Cannabis. Patientenverbände und die Cannabisindustrie warnen hingegen den Gesundheitsausschuss des Bundestags vor solchen Verschärfungen. Dies geht aus Stellungnahmen hervor, die heute bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses in Berlin vorgestellt wurden.

Die Aussagen der vorgeschlagenen Sachverständigen der Fraktionen gewähren Einblicke in die Verwendung und Missbräuche der psychoaktiven Pflanze als Medikament. Seit April 2024 fällt Medizinal-Cannabis nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz. Nun soll es gesetzlich strenger reguliert werden.

Die Gewerkschaft der Polizei skizziert, was falsch gelaufen sei: «In Verbindung mit der erleichterten Online-Bestellpraxis wurde ein unvorhergesehener Effekt der Teillegalisierung sichtbar», so die GdP. «Immer mehr Menschen, die Cannabis zu Genusszwecken konsumieren, nutzen Privatrezepte aus dem Internet, um sich den Zugang auf scheinbar legalem Weg zu verschaffen.» Immer mehr Plattformen würden gleich das Rezept mitorganisieren. Wenige Klicks, ein kurzer Online-Fragebogen – und Cannabis sei bestellt. 

Warum Regeln verschärft werden sollen

Bereits der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) hatte in einem Interview von explodierenden Verschreibungszahlen und «Dealern im weißen Kittel» gesprochen. Die Importe nahmen laut Regierung im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um über 400 Prozent zu: auf 80 Tonnen Medizinal-Cannabis. Künftig soll es nur noch nach persönlichem Arzt-Patienten-Kontakt verschrieben und nach Apotheker-Beratung abgegeben werden dürfen. Per Versand soll es die Substanz gar nicht mehr geben.

Die Gewerkschaft der Polizei findet das nötig, ebenso die Bundesärztekammer. Den Ärztevertretern geht der Entwurf sogar nicht weit genug: Im Gegensatz zu Arzneimitteln mit dem Cannabiswirkstoff hätten Cannabisblüten «hohes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial» und sollten gar nicht mehr verordnet werden dürfen.

Große Rolle des Schwarzmarkts 

Ganz anders der Branchenverband Cannabiswirtschaft. Er fürchtet «eine massive Verschlechterung» des Zuganges für Patientinnen und Patienten. Stark gestiegene Einfuhrmengen räumt er zwar ein. Außer Acht gelassen würden unter anderem aber «wissenschaftliche Verwendungen und notwendige Vernichtungen» sowie Nachholeffekte. Folge des Gesetzes wäre laut Verband «ein erneutes Ausweichen auf den Schwarzmarkt».

Der spielt trotz Teillegalisierung wohl schon für viele Freizeitkonsumenten eine Hauptrolle. Der Zugang zu legalem Cannabis sei für sie «sehr hochschwellig», wie aus der Darstellung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hervorgeht. 

Patienten finden Verschärfung unnötig

Patientenvertreter warnen vor den Regierungsplänen. «Wir alle führen dank Cannabis-Medizin ein besseres Leben», so das CannabisSelbsthilfeNetzwerk (CSN). Ein Arzt-Gespräch oder persönliche Beratung seien in der Regel nach Jahren mit so einer Therapie nicht notwendig. Der Deutsche Hanfverband warnt, viele Hausärzte und Apotheker seien angesichts von hunderten Cannabissorten auch überfordert.

Die Ärztekammer erklärt, dass Cannabis als Medizin bei chronischen Schmerzen, Muskelkrämpfen bei Multipler Sklerose, Übelkeit und Erbrechen aufgrund von Chemotherapie oder ungewolltem Gewichtsverlust, wie bei AIDS, helfen kann.

Nicht berauscht im Dienst und auf der Straße

Auch der Straßenverkehr rückt in den Blick. «Jede Cannabis-Fahrt ohne ärztliche Kontrolle ist ein rollendes Pulverfass auf unseren Straßen», warnt der Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, Manfred Wirsch. Das Gesetz solle ohne Abstriche kommen.

Auf den Umstand, dass auch Polizeibeschäftigte Medizinal-Cannabis «zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit benötigen» können, weist ferner die Gewerkschaft der Polizei hin. Hier sei eine Nulltoleranz-Strategie angebracht: «Der Dienst kann – um nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch die eigenen Kolleg:innen zu schützen – nicht berauscht abgeleistet werden.»

dpa