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Proteste im Iran: Jugendliche kämpfen für ihre Zukunft

Jugendliche im Iran erheben sich gegen politische Perspektivlosigkeit und autoritäre Staatsführung, fordern grundlegenden Wandel und kämpfen für ihre Zukunft.

Demonstranten marschieren in der Innenstadt von Teheran bei einem Protest gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen.
Foto: -/Fars News Agency/AP/dpa

Nach Einbruch der Dunkelheit huschen vermummte Gestalten durch die dunklen Straßen. Ihnen gegenüber stehen Sicherheitskräfte, die Tränengas einsetzen. Am Telefon beschreibt Madschid, 18, welche Szenen sich an diesen Tagen im Iran abspielen. «Wir schauen nicht mehr nur zu», sagt er. «Wir schreien unser Recht auf der Straße heraus und holen es uns.»

Madschid ist Schüler, einer von vielen Jugendlichen, die sich gegen die politische Perspektivlosigkeit im Land auflehnen. «Unsere Generation hat keine Hoffnung mehr», sagt er. Vor einer Festnahme fürchtet er sich nicht. «Angst hat nur jemand, der Hoffnung und eine Zukunft hat», sagt er. Es ist kein Protest aus Hoffnung, sondern aus dem Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben.

Gewalt gegen Aufstände vor allem auf dem Land

Seit über einer Woche erlebt der Iran eine neue Welle von Protesten. Die Demonstrationen wurden durch die schwere Wirtschaftskrise und den plötzlichen Wertverlust der landeseigenen Währung Rial ausgelöst, die an einem Tag um mehr als sechs Prozent fiel. In Teheran gingen daraufhin verärgerte Händler spontan auf die Straße, da sie befürchteten, Verluste zu erleiden.

Die Proteste haben sich mittlerweile auf verschiedene Landesteile ausgedehnt – und gehen über den wirtschaftlichen Frust hinaus. Wie bei den großen Aufständen der vergangenen Jahre fordern die Demonstranten nun offen das Ende der autoritären Staatsführung der Islamischen Republik. Der Staat reagiert vor allem in ländlichen Regionen mit massiver Repression. Bereits über 30 Demonstranten sind bei Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften ums Leben gekommen.

Proteste sind immer wieder «Stresstest für das System»

«Die Proteste sind immer wieder ein Stresstest für das System», sagt der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der Universität Marburg. Diese Momente zwängen das System inmitten einer politischen Krise zur Reaktion. Dabei könne die Staatsmacht Fehler machen, «die sich vielleicht akkumulieren und zu einem Regime Change oder Systemkollaps führen.» Gleichzeitig erhalte der Staat die Gelegenheit, seine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Aus diesem Grund hat sich die Regierung des moderat-konservativen Präsidenten Massud Peseschkian zu Beginn der Proteste kooperativ gezeigt und Reformen in Aussicht gestellt. Dazu gehörte unter anderem, die Subventionen für Importeure zu streichen, die bisher von einem staatlich begünstigten Wechselkurs profitiert hatten. Das System stand schon lange in der Kritik, da es Korruption ermöglichte und Unternehmer persönlich davon profitierten.

Regierung verspricht Reformen und erntet Kritik

Statt Subventionen plant die Regierung jetzt ein Guthabensystem für iranische Haushaltsmitglieder. Der niedrige Betrag von monatlich umgerechnet sechs Euro stieß jedoch sofort auf Kritik und Spott. Die massiven Preissteigerungen im Land dürften damit kaum abgemildert werden können. Offiziellen Angaben zufolge beträgt die Inflationsrate gut 40 Prozent.

Wie ist es möglich, dass das ölreiche Land keine Kursänderung vornimmt, fragte ein Autor in einem Kommentar für das Onlineportal Emtedad. Kritiker werfen der Führung seit Langem vor, die Staatseinnahmen in Militär und Atomprogramm zu stecken, anstatt in die Bevölkerung zu investieren.

Manche Lebensmittel teurer als in Deutschland

Kleine Veränderungen werden nach Einschätzung des Protestforschers Sydiq die Stimmung nicht grundlegend verändern. «Es sind nicht nur wirtschaftliche Sorgen, die die Leute umtreiben. Man konnte auch vor drei Jahren sehen, dass es viel um staatliche Gewalt ging, um Korruption und politische Rechte, also wie man partizipieren kann», erklärt er. Der Glaube an Reformen sei in weiten Teilen der Bevölkerung aber abhandengekommen.

Immer mehr Menschen sehnen sich daher nach einem grundlegenden Wandel. Ali, ein weiterer junger Demonstrant aus Teheran, ist 19 Jahre jung und studiert im ersten Semester. «Die wirtschaftliche Lage wird jeden Tag schlechter», sagt er. Mit der gleichen Geschwindigkeit werde die Zukunft zerstört. «Den Menschen bleibt kein anderer Weg als zu protestieren.» Wie teuer manche Lebensmittel geworden sind, darüber klagten auch Nutzer in den sozialen Medien. Speiseöl sei mancherorts im Iran gar teurer als in Deutschland. 

Sohn des 1979 gestürzten Schahs beansprucht Führungsrolle

Wie bei vielen Protesten der vergangenen Jahre ertönen auch dieses Jahr Slogans wie «Tod dem Diktator», gerichtet an Irans obersten Führer und Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Neu ist hingegen, wie regelmäßig Demonstranten den Namen Reza Pahlavi rufen, Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Im amerikanischen Exil beansprucht der 65-Jährige inzwischen eine Führungsrolle der zerstrittenen Auslandsopposition. Für Donnerstag und Freitag rief Pahlavi zu landesweiten Protesten auf.

Sadegh Sibakalam, ein iranischer Kritiker, schrieb, dass der aktuelle Erfolg weniger auf Führungsqualitäten zurückzuführen sei, sondern vielmehr auf die Unfähigkeit, Misswirtschaft und Fehlentscheidungen der Staatsführung. Es gibt keine politische Kraft im Land, die seit Jahren von den Demonstranten als glaubwürdige Opposition anerkannt wird.

Unabhängig davon, wie sich die Proteste entwickeln, will Madschid weitermachen. Er sagt: «Wir holen uns die Freiheit zurück.»

dpa