Der Ukraine-Krieg geht ins dritte Jahr und Russland ist an vielen Frontabschnitten in der Initiative. Die Hoffnung auf einen schnellen Sieg der Verteidiger ist verflogen.
Zwei Jahre Ukraine-Krieg: Schmerz und quälende Ungewissheit

Wenn Russland aus der Luft angreift, kann es für die Ukrainer um Minuten gehen und manchmal nur um Sekunden. «Huzul» (20), Kommandant eines Flugabwehrkanonenpanzers Gepard, hat den mit Bolzen gesicherten Turm des Panzers, der rechts und links die Maschinenkanonen trägt, dann schon entriegeln lassen.
Das Radar am Heck dreht sich hektisch zur Zielerfassung. «Ich halte den Kontakt zum Gefechtsstand und warte auf den Feuerbefehl», sagt der junge Mann östlich der ukrainischen Hafenmetropole Odessa. Er wurde im vergangenen Jahr in Deutschland ausgebildet und schützt nun Infrastruktur.
Den Moment eines Abschusses beschreiben die Soldaten als eine erlösende Freude, die auf die enorme Anspannung folgt. 30 bis 40 Schuss hämmern die Maschinenkanonen dann rechnergesteuert auf das Ziel. Vor allem die langsamen Drohnen sind relativ leicht zu zerstören, wenn sie denn in Reichweite sind. Der Richtkanonier ist 21 Jahre alt und sein Rufname ist «Odessa». «Wir lassen sie möglichst nah kommen. Dann ist die Erfolgsrate höher», sagt er.
Moskau: Odessa «ist unsere russische Stadt»
Die «Gepard»-Besatzung gehört zu den Männern und Frauen, die in dem Abwehrkampf immer wieder an vorderster Stelle bestehen müssen. Mehrfach wird am Donnerstag im Raum Odessa Luftalarm ausgelöst. Und zwei Jahre nach dem Beginn des Angriffs lässt die Führung in Moskau auch politisch keinen Zweifel an ihren militärischen Ambitionen erkennen. Im Gegenteil: Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew spricht sich für die Annexion Odessas aus, später womöglich auch die Einnahme der Hauptstadt Kiew. «Odessa, komm nach Hause zurück», sagt er als Vizechef des russischen Sicherheitsrates. Und betont: «Das ist unsere russische Stadt.»
Es scheint unrealistisch, dass Russland in dieser Form vorstoßen könnte. Dennoch ist es auch unwahrscheinlich, dass Moskau in einen Rückzug oder eine Niederlage gezwungen wird. Westliche Militärexperten sind besorgt darüber, wie die russische Rüstungsindustrie ihre Produktion unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft über den Bedarf für den Ukraine-Krieg hinaus steigert. Die Ukraine klagt derweil über einen Mangel an Artilleriemunition, Flugabwehr und weitreichenden Waffen wie dem deutschen Marschflugkörper Taurus.
Auch in den Staaten der EU ist der Pessimismus gewachsen
Auch in wichtigen Staaten der EU wachsen Zweifel. Laut einer Studie der Denkfabrik «European Council on Foreign Relations» (ECFR) in zwölf Ländern gehen im Schnitt nur noch etwa zehn Prozent der Befragten von einem Sieg der Ukraine aus. Nach der vor dem zweiten Jahrestag der russischen Ukraine-Invasion veröffentlichten Untersuchung gehen die Befragten überwiegend davon aus, dass eine «Kompromisslösung» den Krieg beenden wird.
Die Konsequenzen des Ukraine-Krieges werden im Vergleich zu den Folgen des Gaza-Krieges überwiegend als bedeutsamer für das eigene Land angesehen. Eine Mehrheit der Befragten ist der Meinung, dass Europa seine Unterstützung für die Ukraine entweder beibehalten oder verstärken sollte, falls Donald Trump erneut US-Präsident wird.
Maxym kämpft sich ins Leben zurück
Maxym (34) berichtet, dass der Kampf gegen die russischen Angreifer am 8. Januar 2023 für ihn vorbei war, als eine Granate bei einem Kampfeinsatz in der Nähe von Luhansk einschlug. Er saß auf einem Fahrzeug und wurde am Kopf sowie an Armen und Beinen von Splittern getroffen. Maxym erzählt, dass er zwischen Leben und Tod schwebte, aber gerettet wurde. Zwei Splitter befinden sich noch in seinem Kopf, einer davon im Gehirn.
Mühsam hat er sich im Reha-Zentrum Motus in Odessa ins Leben zurückgekämpft. Mit Krafttraining und motorischen Übungen arbeitet er gegen noch unrund wirkende Bewegungen an, auch die Sprache ist schwerfällig. Trotzdem. «Wir haben nur ein Leben. Niemals aufgeben», sagt er und lächelt breit.
Staub und Trümmer – die Verklärungskathedrale wird repariert
Die Säulenhalle der Verklärungskathedrale in Odessa wird von Hammerschlägen und dem kreischenden Geräusch von Trennschleifern erfüllt. Bei einem Raketentreffer in der Nacht zum 23. Juli des letzten Jahres wurde sie beschädigt. Der Staub in der Luft glitzert im Lichtstrahl, aber das Gold der Fassadentrümmer, das wie von einer Mehlschicht bedeckt ist, schimmert nur matt.
Erst 2010 wurde der Wiederaufbau des Gotteshauses abgeschlossen, das Stalin 1936 zerstört hatte. «Die Geschichte wiederholt sich», sagt Vater Olexij. Die Zerstörung ist nicht nur für Odessa eine Wunde im Herzen. Wann der Wiederaufbau abgeschlossen sein wird, hängt auch von einer Finanzierung aus Italien ab.
Die Professorin und der Krieg: «Wir sind alle müde»
In den Anfangsmonaten gab es ein starkes Gefühl der Einigkeit und Mobilisierung, während russische Kriegsschiffe am Horizont schwammen und die Stadt bedrohten, erklärt Oxana Dowhopolowa, Philosophie-Professorin an der Nationalen Universität Odessa. Dieses Bedrohungsgefühl ist verschwunden. Jetzt gibt es quälende Ungewissheit darüber, ob dieser Krieg möglicherweise noch mehrere weitere Jahre dauern wird.
Fast protestierend weist sie die Frage zurück, ob sie das Land verlassen würde. Aber: «Wir sind alle müde. Niemand weiß, was als Nächstes passiert», sagt sie.
Russland ist an der Front in der Initiative
Der militärische Chefkoordinator der deutschen Ukraine-Hilfe, Generalmajor Christian Freuding, betont, dass die Entschlossenheit des Landes, den russischen Angriffskrieg abzuwehren, weiterhin stark ist. Freuding, der vor zwei Wochen in Kiew war, erklärt, dass die militärische Lage der Ukraine angespannt ist. Am Wochenende mussten ukrainische Kräfte das umkämpfte Awdijiwka aufgeben.
Mit Ausnahme dieses Gebietes gebe es auf der taktischen Ebene einen relativ unveränderten Verlauf der über 1000 Kilometer langen Frontlinie, sagt Freuding. Räumlich begrenzt würden aber intensivste Gefechte geführt. «Russland ist entlang dieser Frontlinie weit überwiegend in der Initiative», stellt er fest. Und: «Wir sind der Überzeugung, dass die Ukraine gewinnen kann. Dem gilt unsere ganze Kraft, unsere Anstrengungen und die unserer Partner.»








