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Aus dem Nebel: Ter Stegens WM-Angriff in der Provinz

Marc-André ter Stegen erfüllt die Nagelsmann-Forderung. Nach dem Wechsel von Barcelona nach Girona will er beweisen, dass er bei der WM im DFB-Tor stehen muss. Los geht es im katalanischen Nebel.

Ter Stegen wechselt von Barcelona nach Girona, um seine WM-Chancen zu wahren. (Archivbild)
Foto: Daniel Karmann/dpa

Ein Foto mit der Freundin während eines Kurztrips nach London. Oder eine schnelle Probefahrt mit einem Sportwagen, die auch WM-Held Mario Götze gefiel. Für solche angenehmen Ablenkungen hat Marc-André ter Stegen jetzt viel weniger Zeit. Im Nebel fuhr der Torhüter auf den sandigen Parkplatz am Trainingsgelände des FC Girona vor, schüttelte viele Hände der Club-Mitarbeiter zur freundlichen Begrüßung.

Ter Stegen hat mit seinem Wechsel von FC Barcelona zu einem Club in der unteren spanischen Mittelklasse im Januar eine Kernforderung von Bundestrainer Julian Nagelsmann erfüllt. Nach schwierigen Monaten mit Verletzung und Degradierung möchte er nun seine WM-Chance als Leihspieler in Girona unbedingt nutzen.

https://x.com/GironaFC/status/2013899601229594857

«Jetzt geht meine Reise in Katalonien weiter, und ich freue mich sehr auf das, was vor mir liegt», schrieb der 33-Jährige. Kein Wort verlor ter Stegen in seiner fünf Absätze langen und enorm emotionalen Abschiedsbotschaft an die Kollegen und Fans bei Barça allerdings zur deutschen Nationalmannschaft und zur WM in den USA, Kanada und Mexiko. 

WM als großer Antrieb

Und dennoch ist es offensichtlich. Der Umzug in die (Fußball-)Provinz nur etwa 100 Kilometer nördlich seines bisherigen Wohnorts hat nur einen Grund. Ter Stegen möchte spielen, ter Stegen muss spielen. Denn sein Ziel ist das DFB-Trikot mit der Nummer eins. Am 14. Juni in Houston beim WM-Auftakt gegen Curaçao und laut einem perfekten Plan auch am 19. Juli beim Finale in East Rutherford.

Bundestrainer Nagelsmann hat mehrfach die Voraussetzungen für eine Rückkehr ins DFB-Tor beschrieben. Absolute Fitness und regelmäßige Spielpraxis sind erforderlich. Andernfalls wird es nichts mit ter Stegens erstem Auftritt als Nummer eins bei einem bedeutenden Turnier, nach zahlreichen Enttäuschungen im Schatten von Manuel Neuer, dessen DFB-Comeback viele Fans und Experten bereits jetzt lautstark fordern.

Girona, international allenfalls Fußball-Insidern ein Begriff, soll nun das WM-Sprungbrett für ter Stegen sein. «Ob das jetzt ein absolut europäischer Top-Club ist oder nicht, ist nicht das alles Entscheidende», hatte Nagelsmann vorab gesagt. «Einigermaßen gut spielen» müsse ter Stegen freilich schon. 

Der Bundestrainer wirkte zuletzt genervt über die Torwart-Thematik, zu der er immer wieder befragt wurde, obwohl es keine neuen Entwicklungen gab. Trotz seiner Wertschätzung für den tadellos spielenden Ersatzmann Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim hielt er unter allen sportlich logischen Bedingungen immer am Status von ter Stegen als seiner Nummer eins fest.

Viele Turnierenttäuschungen

Bei seiner Abwesenheit von Turnieren aufgrund seiner Klasse ist ter Stegens Fehlen fast tragisch. Nur beim Gewinn des Confederations Cup 2017 wurde er die deutsche Nummer eins, weil Bundestrainer Joachim Löw seiner A-Besetzung Neuer einen freien Sommer gönnte. In der Treue schwang auch immer ein bisschen Kompensation mit.

Ein Jahr später war Neuer Torhüter bei der WM. Auch Nagelsmann entschied sich für den Münchner für die Heim-EM 2024 und ernannte ter Stegen erst danach zum Stammtorhüter. Ausgerechnet dann kam es zu seinem Verletzungsdrama, zuerst am Knie und später am Rücken.

ter Stegen hat seit dem Turnier im eigenen Land nur vier seiner insgesamt 44 Länderspiele bestritten. Die Degradierung des Kapitäns zum Ersatzmann hinter dem neun Jahre jüngeren Joan Garcia bei Barça durch Nagelsmann, den DFB-Vorgänger von Hansi Flick, war ein weiterer Tiefschlag. Öffentlich ausgetragene Streitigkeiten zwischen Verein und Spieler inklusive – und das trotz vieler erfolgreicher Jahre und zahlreicher Titel.

Flick wünscht alles Gute

Flick ist nicht als Fußball-Unmensch bekannt und wünschte seinem Ex-Schlussmann nun alles Gute. «Vielleicht sehen wir ihn im deutschen Nationalteam bei der WM. Die Daumen sind gedrückt dafür. Ich denke, er hat gute Chancen», sagte der frühere Bundestrainer.

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Der erste klare Fingerzeig, ob ter Stegens Taktik aufgeht, wird im März folgen, wenn Nagelsmann seinen Kader für die WM-Testspiele in der Schweiz (27. März) und gegen Ghana (30. März) benennt. Die logische Torwart-Reihenfolge wäre dann wieder ter Stegen, Baumann und Alexander Nübel. Doch das Neuer-Thema wird wie ein Störfeuer brennen – garantiert. Zu gut ist der Bayern-Torwart drauf.

Ter Stegen ist smart. Er kennt die Mechanismen des Geschäfts. Beim ersten Rundgang in Girona parlierte er im fließenden Spanisch mit den Club-Mitarbeitern, inspizierte aber auch mit genauem Blick den Kraftraum. Dafür sei er hier, «zum Trainieren», sagte er. Und meinte sicherlich eher: zum Spielen. 

Debüt gegen Getafe

Am Montag (21.00 Uhr) beginnt La Liga mit dem Duell gegen den FC Getafe. Sein neues Team hat zuletzt dreimal in Folge gewonnen und ist durch die neun Punkte in der Tabelle auf Platz zehn geklettert. Paulo Gazzaniga, der ter Stegen nun weichen muss, hat dabei nur ein Tor kassiert. Mit insgesamt 34 Gegentoren nach 20 Spielen ist Girona jedoch die Schießbude der spanischen Topklasse.

Den geforderten Nummer-eins-Status hat ter Stegen sicher. Girona-Trainer Míchel hatte schon vor der offiziellen Verkündung des Transfers geschwärmt. «Er ist ein Top-Spieler. Welcher Club würde nicht gerne einen Torwart wie ter Stegen haben?» Sagt Nagelsmann im Sommer das gleiche, hat sich die Provinz-Leihe für den Schlussmann gelohnt.

dpa