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Beleidigen und beschuldigen: Skisprung-Zoff ums Material

Ein zu kurzer Anzug, eine zweite Sohle im Socken und verbotenes Wachs: Im Skispringen gibt es derzeit zahlreiche Disqualifikationen. Ein früherer Tournee-Sieger findet deutliche Worte.

Der Slowene Zajc wurde bei der Tournee zweimal disqualifiziert.
Foto: Daniel Karmann/dpa

Sven Hannawald ist frustriert, der Sportdirektor Österreichs spricht von Manipulation: Der Umgangston unter den Skispringern ist im ersten Winter nach dem Anzug-Skandal bei der Weltmeisterschaft in Trondheim deutlich schärfer geworden. Während der Vierschanzentournee werden gegenseitige Vorwürfe und Beschuldigungen laut, die Diskussionen über unzulässiges Material nehmen zu.

Vor allem im Mittelpunkt steht der Slowene Timi Zajc, der beim Tournee-Auftakt eigentlich den zweiten Platz belegte – und dann aufgrund eines zu kurzen Sprunganzugs disqualifiziert wurde. Da die Regelhüter Zajc in Garmisch-Partenkirchen erneut wegen desselben Verstoßes aus dem Wettbewerb nahmen, erhielt er eine Rote Karte, die aufgrund des Skandals in Trondheim in diesem Sommer eingeführt wurde. Zajc muss den Rest der Tournee von der Seitenlinie aus verfolgen.

Österreichs Sportdirektor spricht von «Manipulation»

Die Skisprung-Szene ist entsprechend sauer auf den Slowenen. Der ehemalige Tournee-Sieger Hannawald sagte bei Sport1: «Da habe ich zwei Worte für: respektlos und dumm! Das beschreibt genau das, was dieser Typ ist.» Besonders verärgert war Hannawald darüber, dass sich Zajc nach seiner ersten Disqualifikation noch in den sozialen Netzwerken über den Vorfall amüsiert und geschrieben hatte, er wolle seinen zu kurzen Anzug nun stretchen.

«Bei solchen Beispielen fehlen mir echt die Worte. Er scheint allgemein sehr kompliziert zu sein und in seiner eigenen Welt zu leben», kritisierte Hannawald. 

Disqualifikation wegen Fluor

Österreichs Sportdirektor Mario Stecher war ähnlich erbost. «Es ärgert mich wirklich maßlos. Das ist für mich absolut eine Manipulation», sagte Stecher vor dem Springen in Innsbruck. Die Slowenen hingegen hatten sich überrascht gezeigt, dass Chefkontrolleur Mathias Hafele in Garmisch-Partenkirchen plötzlich oben an der Schanze und nicht wie sonst unten im Auslauf die Ausrüstung überprüfte.

Zajcs Anzug war jedoch nicht das einzige Materialproblem während der Tournee und der Two-Nights-Tour der Frauen. Anna Odine Strøm aus Norwegen hatte beispielsweise eine zweite Sohle in ihren Socken, Halvor Egner Granerud trug einen zu kurzen Anzug und die Skier von Pawel Wasek aus Polen waren plötzlich mit Fluor unerlaubt gewachst.

Deutsches Team lobt bessere Kontrollen

Der Weltverband Fis um den neuen Kontrolleur Hafele bemüht infolge des Trondheim-Skandals eine Null-Toleranz-Politik, begutachtet noch mehr Details und begründet die Ausschlüsse detaillierter als vorher. «Regel ist Regel. Da kann man keine Ausnahmen machen. Ausnahmen machen wir nicht», sagte Hafele beim Tournee-Auftakt zum Thema Anzuglänge. Die Fis steht nach dem vorsätzlichen Betrug der Norweger bei der WM nun besonders im Fokus.

Das registrieren auch die nationalen Verbände. «Wir beobachten das schon und werten das auch aus. Ich finde, man hat das Gefühl, die Fis hat es deutlich besser im Griff als die vergangenen drei Jahre», sagte der deutsche Sportdirektor Horst Hüttel. Das deutsche Team war rund um den Jahreswechsel bislang nicht von Disqualifikationen betroffen.

Norweger reichen Attest nachträglich ein

Es ärgert einige besonders, dass es nach den Vorfällen in Trondheim erneut Disqualifikationen gegen Norweger gibt. Ein Beispiel dafür ist Hannawald, der die milden Strafen seit Monaten kritisiert und nach eigenen Angaben die Norweger nicht mehr ansieht.

Der Fall Strøm mache ihn «fassungslos», schilderte Hannawald. Die 27-Jährige hatte beim Springen in Garmisch-Partenkirchen eine zweite Sohle in ihrem Socken versteckt – eine zusätzliche Sohle ist laut Regularien verboten. Cheftrainer Christian Mayer erklärte daraufhin, Strøm leide seit einem Sturz unter einer Schiefstellung der Hüfte. Doch das nötige Attest für die zweite Sohle reichte der Verband erst verspätet nach. Die Fis prüft den Fall.

Hafele: Disqualifikationen als «wichtiges Signal»

Hannawald hingegen hat sein Urteil bereits gefällt. «Dieses Verstecken im Strumpf ist genau wieder der Punkt: Danach kannst du dir alle möglichen Ausreden einfallen lassen», sagte der 51-Jährige. Er hätte den Norwegern geraten, transparent damit umzugehen und die Fis zu kontaktieren. Seine Schlussfolgerung: «Also wollen die uns alle verarschen?».

Kontrolleur Hafele wähnt sich und sein Team auf dem richtigen Weg. Auf die Frage, wie er vier Disqualifikationen beim Neujahrsspringen beurteile, antwortete er in einem Interview der «Frankfurter Rundschau»: «Zumindest ist es ein wichtiges Signal. Die Fis muss dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Wenn man etwa nur Verwarnungen verteilt, dann beginnt wieder nur ein Spiel. Das braucht keiner.»

dpa