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Skandal im Skispringen: Fis suspendiert acht Norweger wegen manipulierter Anzüge

Der Schaden ist bereits enorm. Medial werden schnelle Lösungen gefordert, während der Weltcup weiterläuft.

Der Norweger Marius Lindvik wurde im Zuge des Skandals suspendiert.
Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa

Sandro Pertile, der Boss des Skispringens, saß mit zerzaustem Haar auf dem Pressepodium am Holmenkollen und verteidigte das Image seiner Sportart. Innerhalb von nur 24 Stunden hat der Weltverband Fis insgesamt acht Norweger – darunter die Weltmeister Marius Lindvik und Johann André Forfang – wegen des Skandals um absichtlich manipulierte Anzüge suspendiert.

Doch das dürfte nur der Anfang einer möglicherweise jahrelangen Aufarbeitung sein. «Der Schaden ist bereits enorm», gestand Pertile. Sein Verband, der in den vergangenen Tagen kein gutes Bild abgab, steht von allen Seiten massiv unter Druck: Medial werden nach dem per Video dokumentierten Betrug des WM-Gastgebers schnelle Lösungen gefordert, von den anderen Teams eine umfassende Aufarbeitung – und nebenbei läuft der Weltcup weiter.

Wenig Klarheit nach Pressekonferenz

Einen Tag nach den ersten fünf Suspendierungen hat die Fis nachgelegt: Nach den Top-Athleten Lindvik, Forfang und Trainer Magnus Brevig sowie zwei weiteren Offiziellen sind nun auch Kristoffer Eriksen Sundal, Robert Johansson und Robin Pedersen vorläufig gesperrt. Besonders kurios: Diese drei Athleten hatten kurz zuvor noch beim offiziellen Training in Oslo Sprünge absolviert.

Pertile und FIS-Generalsekretär Michel Vion verwiesen bei anderen Fragen auf die laufenden Untersuchungen. Die Runde brachte nicht viel Klarheit. Es wird viel Zeit benötigen, um alle Fragen zu beantworten. Die Auswertung der konfiszierten Anzüge ergab zumindest, dass es bei den Skispringerinnen und den beiden Teams der Nordischen Kombination keine Auffälligkeiten an der Sprungkleidung gab.

Hannawald beklagt «Dreistigkeit» der Norweger

Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die FIS, sondern vor allem gegen die norwegischen Skispringer. Viele Konkurrenten und Experten sind sehr verärgert über die Aussage von Lindvik und Forfang, dass sie von all diesen Betrugsmaschen nichts gewusst haben wollen.

Besonders laut schimpfte die deutsche Skisprung-Legende Sven Hannawald. «Wie kann man so dreist sein und uns alle irgendwie gefühlt verarschen, indem man sagt, ich konnte nichts dafür? Wenn das so sein soll, dann sind es die zwei blindesten Springer auf der ganzen Welt», sagte Hannawald.

Der WM-Gastgeber hatte bei Anzügen ein illegales steifes Band angebracht, das für mehr Stabilität nach dem Absprung sorgen soll. Dass es sich wie geschildert um Einzelfälle bei lediglich einem Wettbewerb handelt, glaubt in der Szene fast niemand. «Die Art der Dreistigkeit, die da an den Tag gelegt wird, die übersteigt jegliche Vorstellungen», schimpfte Hannawald im Sportschau-Podcast der ARD. Für alle anderen Springer sei dies «eine Watsche ins Gesicht».

Geheime Bilder aus dem Aufwärmraum

So sieht es auch Olympiasieger Severin Freund, der an Norwegens Darstellung des einmaligen Betrugs zweifelt. «Es ist erstens nicht glaubwürdig, weil du es im Vorfeld testen musst. Es ist routiniert, und man weiß haargenau, was man tut. Warum würde man das machen, wenn man auf der Kleinschanze schon eine Goldmedaille gemacht hat? Das macht absolut keinen Sinn», sagte Freund im ZDF.

Als ob die Situation für die Fis und alle Nationen nicht schon kompliziert genug wäre, sind am späten Mittwochabend erneut geheime Aufnahmen aufgetaucht. Im Gegensatz zu den Norwegern, die in einer abgeklebten Stadion-Loge Anzüge manipuliert haben, ist diesmal nicht der Inhalt des Materials besonders heikel, sondern der Ort der Aufnahmen.

Jakub Balcerski vom Portal «sport.pl» teilte die ihm aus anonymer Quelle zugespielten Fotos von Athleten aus Österreich im Aufwärmraum an der Skisprungschanze von Trondheim. In diesen Bereich der Anlage kommen nur sehr wenige ausgewählte Menschen. Das Filmen, Fotografieren und Veröffentlichen in und aus diesen Bereichen ist vom Weltverband Fis streng untersagt. Der Österreichische Skiverband (ÖSV) wollte die geheim aufgenommenen Fotos auf Anfrage nicht kommentieren.

Restliche Saison hat für Weltverband hohe Priorität

Der Autor erwähnt zwar Auffälligkeiten bei Handschuhen, Schuhen und dem oberen Teil des Anzugs, gibt aber zu, dass es keine Beweise oder echte Indizien für einen Betrug gibt. Österreich hat am vergangenen Samstag als eine der ersten Nationen Protest gegen den Start der Norweger eingelegt und von der Fis in der Folge gefordert, alle WM-Ergebnisse des Gastgebers zu annullieren.

Die Fis hat derzeit noch nicht den Fokus auf den Konsequenzen der WM. Der Weltverband beabsichtigt, die Saison ordnungsgemäß abzuschließen und plant dies – neben den acht Suspendierungen – insbesondere mit einem vorübergehend verschärften Regelwerk.

Fis übernimmt Kontrolle über die Anzüge

Die Athleten dürfen ab sofort bis zum Saisonfinale Ende März nur noch mit einem Sprunganzug antreten, der bereits in diesem Winter mit einem Identifikations-Chip ausgestattet wurde. Ein zweiter Anzug kann als Backup dienen, falls der erste beschädigt wird.

Jeder Anzug, der für den heutigen Weltcup am Holmenkollen in Oslo ausgewählt wurde, soll vor dem Wettkampf zusammen mit den Sportlern überprüft werden. Die Sprunganzüge werden nach dem Wettkampf von Offiziellen der Fis eingesammelt. Etwa 30 Minuten vor dem nächsten Training oder Wettbewerb sollen sie erneut ausgegeben werden.

dpa