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Gegen das Störgeräusch: Neuers Comeback als EM-Signal

550 Tage hat Manuel Neuer nicht für Deutschland gespielt. Gegen die Ukraine ist die Nummer eins rechtzeitig vor der EM bereit. Mit einem Testsieg soll ein unliebsames Thema schnell abgeräumt werden.

Torwart Manuel Neuer beim DFB-Training in Herzogenaurach.
Foto: Federico Gambarini/dpa

Manuel Neuer kann auf dieses Störgeräusch bei seinem hart erarbeiteten Länderspiel-Comeback verzichten. Wenn Deutschlands Nummer eins am Montagabend (20.45 Uhr/ARD) gegen die Ukraine erstmals seit dem frühen und heftigen WM-K.o. in Katar gerade rechtzeitig wieder im Tor der Fußball-Nationalmannschaft steht, soll nur der tickende Countdown zur Heim-EM zählen. In die über das Wochenende aufflammende Diskussion um Umfragewerte zu Migration und Vielfalt in der DFB-Auswahl hatte Neuers Teamkollege Joshua Kimmich schon energisch reingegrätscht.

«Quatsch» und «rassistisch» nannte der Münchner Rechtsverteidiger jenes Ergebnis einer WDR-Umfrage, wonach sich jeder Fünfte wünsche, dass wieder mehr weiße Spieler in der deutschen Nationalmannschaft spielen würden. Kimmichs Reaktion war vehement und aus Sicht von Julian Nagelsmann hoffentlich auch final. Denn genau solche Ablenkungen vom sportlichen Titel-Masterplan wollte der Bundestrainer jetzt und in den kommenden Wochen unbedingt vermeiden.

Alle DFB-Kräfte, einschließlich DFB-Präsident Bernd Neuendorf, betonten, dass der Fokus auf dem Sport liegen soll. Deutschland strebt danach, ein fröhlicher und unbeschwerter Gastgeber zu sein. Der 14. Juni mit dem Eröffnungsspiel gegen Schottland in München markiert den Beginn eines sportlichen Traums. Trotzdem empfinden Neuer und seine Teamkollegen die reflexartigen Kommentare zum gesellschaftlichen Dauerthema Einwanderung als unangenehmes Déjà-vu.

550 Tage seit letztem Neuer-Spiel

Als Manuel Neuer vor 550 Tagen letztmals im DFB-Tor stand, wurde nicht nur das WM-Aus beim nutzlosen 4:2 gegen Costa Rica besiegelt. Es war die Erkenntnis gereift, dass auch die Vielzahl an gesellschaftlichen Nebenthemen rund um Gastgeber Katar den sportlichen Fokus fatal ins Rutschen gebracht hatte. Gerade Neuer war durch die Diskussion um die Kapitänsbinde zu einer zentralen Figur geworden.

Nagelsmann und DFB-Sportdirektor Rudi Völler werden alles dransetzen, die Debatte um die Herkunft der Vorfahren vieler Nationalspieler ganz rasch abzubinden. «Wenn man überlegt, dass wir vor einer Heim-EM stehen, ist es schon absurd, so eine Frage zu stellen, wo es eigentlich darum geht, das ganze Land zu vereinen. Es geht jetzt nur darum, gemeinsam Großes zu erreichen. Wir als Mannschaft versuchen, alle Menschen in Deutschland hinter uns zu bringen», sagte Bayern-Profi Kimmich.

Typisch für die Diskussion: Im Fokus stehen plötzlich die 20 Prozent, die gegen Vielfalt sind. Und nicht jene 65 Prozent, die mit Migration und Herkunft laut Umfrage kein Problem haben. «Wir selber sind bestürzt, dass die Ergebnisse sind, wie sie sind, aber sie sind auch Ausdruck der gesellschaftlichen Lage im heutigen Deutschland», sagte WDR-Sportchef Karl Valks. Die Umfrage sei in Auftrag gegeben worden, nachdem ein Reporter des Senders bei Dreharbeiten für die Dokumentation «Einigkeit und Recht und Vielfalt» mit rassistischen Aussagen konfrontiert worden sei.

Auch für Neuer spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe oder Religion seine Kollegen haben. Vor seinem achten Turnier in Folge als Nummer eins seit der WM 2010 hatte der 38-Jährige wirklich wichtige Themen zu bewältigen.

Kimmich äußert großen Respekt

Sein schwerer Beinbruch bei einem Skiunfall kurz nach Katar bedrohte die Karriere. «Es ist eine unglaubliche Leistung, was er da vollbracht hat. Nicht nur, dass er zurückgekommen ist, sondern auch die Art und Weise, wie er zurückgekommen ist», sagte Kimmich.

Die Trainingsverletzung im März war im Vergleich dazu relativ harmlos und verhinderte die Teilnahme an den Spielen in Frankreich (2:0) und gegen die Niederlande (2:1). Ebenso zwang der Magen-Darm-Infekt Neuer zu einem verspäteten Beginn der EM-Vorbereitung. Neuer ist – zum Bedauern des ewigen Stellvertreters Marc-André ter Stegen – bereit.

«Nach wie vor ist meine Euphorie groß. Ich bin positiv gestimmt. Ich freue mich auf das, was kommt», sagte Neuer in Herzogenaurach. Der Routinier weiß nach 117 Länderspielen, wie richtungsweisend der Ukraine-Test und der finale EM-Prüfstein Griechenland am Freitag in Mönchengladbach sein werden. «Die beiden Testspiele sind sehr wichtig für uns, das ist die letzte Wasserstandsmeldung. Wenn wir positive Ergebnisse gestalten, lässt sich das erste Spiel etwas einfacher gestalten», sagte Neuer.

Minimum drei Änderungen

Nagelsmann kann mit einem mittlerweile gut gefüllten Kader seinen radikalen EM-Personalplan fortführen. Fest steht: Drei Änderungen zu den März-Mutmachern wird es gegen die Ukraine mindestens geben. «Wir versuchen, dem zarten Pflänzchen Stabilität zu verleihen», hatte Nagelsmann als Motto für die Vorbereitung ausgegeben.

Neuer ersetzt ter Stegen im Tor. Toni Kroos und Antonio Rüdiger, die nach ihrem Champions-League-Triumph mit Real Madrid fehlen, treffen auf ihre Dortmunder EM-Kollegen Niclas Füllkrug und Nico Schlotterbeck. Pascal Groß tritt anstelle von Kroos auf. Stuttgarts Waldemar Anton könnte Rüdiger in der Abwehr ersetzen. Füllkrug und Schlotterbeck sind sowieso Ersatzspieler.

Nagelsmanns Königsklassen-Quartett wird erst nach dem Testspiel in Franken eintreffen. Dann sollen auch die politischen Themen endgültig abgeräumt sein. Das lehrt die Vergangenheit. Um Migration ging es auch vor der EM 2016 und der WM 2018. Vor acht Jahren provozierte der AfD-Politiker Alexander Gauland mit ausgrenzenden Aussagen gegen Jérôme Boateng – und erntete Kritik, Spott, aber eben auch Aufmerksamkeit.

Zwei Jahre später sorgten die Fotos von Mesut Özil und dem aktuellen DFB-Kapitän Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan für eine umfangreiche Diskussion über die Zugehörigkeit der Nachkommen von Einwanderern. Diese Diskussion erreichte staatstragende Ausmaße und wurde als einer der Gründe für das frühe Ausscheiden bei der WM in Russland genannt.

dpa