«Vizekusen»? Der Begriff ist zwar noch bis 2030 geschützt, könnte aber in diesem April inhaltlich Geschichte sein. Die nahende Meisterschaft von Bayer Leverkusen begeistert nicht alle.
«Geschmäckle» – Bayers mögliche Meisterschaft und die Folgen

Millionen Fans im deutschen Fußball haben jahrelang auf einen anderen Meister als den FC Bayern gehofft. Und jetzt? Bayer Leverkusen? Der bevorstehende erste Titel der Werkself, die nur noch einen Sieg aus sechs Spielen benötigt, scheint bei den neutralen Anhängern keine Begeisterung hervorzurufen.
«Bayer Leverkusen hat mit sportlichem Geschick eine fabelhafte Saison hingelegt. Es gehört sich, diese Leistung anzuerkennen», hieß es in einer Antwort des Fan-Bündnisses «Unsere Kurve» an die Deutsche Presse-Agentur auf die Frage wie es in den Fanszenen gesehen wird, dass ausgerechnet Bayer 04 jetzt die Bayern als Dauermeister ablöst. Durch die 50+1-Ausnahme seien die finanziellen Voraussetzungen bei Bayer aber anders als bei anderen Vereinen – insbesondere im Nachgang der Corona-Pandemie. Es werde im Falle einer Meisterschaft für neutrale Fans daher ein «Geschmäckle» bleiben.
Die 50+1-Regel besagt im Wesentlichen, dass der Stammverein die Mehrheit der Stimmen an der Kapitalgesellschaft der ausgegliederten Profi-Abteilung behält. Ausnahmen gemäß der Satzung der Deutschen Fußball Liga sind Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg.
«Aufmerksamkeitsschübe sind wichtig»
Dennoch gibt es positive Aspekte in der bisher makellosen Saison des Teams von Trainer Xabi Alonso, obwohl aus Sicht einiger Fans der falsche Club die Dominanz der Bayern bricht. Laut Sportökonom Christoph Breuer trägt die überragende Saison von Bayer, die bisher ohne einzige Pflichtspiel-Niederlage verlief, zur Vermarktung der Bundesliga bei. Diese Leistungen, zusammen mit Alonso als international anerkanntem Trainer und Nationalspielern aus verschiedenen Ländern, sorgen laut dem Professor der Deutschen Sporthochschule in Köln für eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Bundesliga.
«Solche Aufmerksamkeitsschübe sind wichtig, damit die Bundesliga international noch attraktiver wird. Es kann bereits jetzt helfen, wenn die TV-Rechte für das Ausland veräußert werden.»
Der Tabellenführer Leverkusen könnte bereits an diesem Wochenende den Titel perfekt machen. Die 170.000-Einwohner-Stadt könnte danach von zwei weiteren Titeln und damit dem Triple träumen. Bayer steht im Finale des DFB-Pokals und im Viertelfinale der Europa League. Das Image der grauen Maus im Schatten der rheinischen Nachbarn aus Köln und Mönchengladbach könnte Leverkusen dann endgültig ablegen.
Und auch der um die Jahrtausendwende geprägte Spottname «Vizekusen» könnte ein für alle Mal Geschichte sein – wenn Bayer denn will. Laut dem Deutschen Patent- und Markenamt wurde die Marke «Vizekusen» 2010 eingetragen und für die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH bis derzeit Ende Februar 2030 geschützt.
Dies sei damals kein Akt der Selbstironie gewesen, erklärt der frühere Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser heute. «Der Boulevard wollte aus Vizekusen eine Kampagne machen, T-Shirts verkaufen und so weiter. Dem wollte ich vorbeugen, um die Marke zu schützen», sagte Holzhäuser der dpa.
Auch «Meisterkusen» war den Angaben des Amts zufolge für Bayer einst geschützt, allerdings wurde die Eintragung nicht verlängert und die Marke im März 2020 somit gelöscht.
Fußballer siegen, Konzern macht Verluste
Während es für die Fußballer von Bayer so gut läuft wie nie zuvor, hat der Haupt- und Namenssponsor zu kämpfen. Das traditionelle Chemiegeschäft hat die 1863 gegründete Firma längst aufgegeben, um sich auf zwei Kerngeschäfte – Arzneimittel und Agrarchemie, also Saatgut und Pflanzenschutzmittel – zu konzentrieren. Durch die Fokussierung auf das Wesentliche wollte das Unternehmen so stark wie möglich werden, um im globalen Wettbewerb mit anderen großen Rivalen zu bestehen.
Durch den Kauf des US-Rivalen Monsanto im Jahr 2018 wagte der damalige Konzernchef Werner Baumann einen großen Schritt, um den globalen Agrarchemie-Markt zu beherrschen. Angesichts einer zunehmenden Weltbevölkerung und des steigenden Bedarfs an Ernten sollte dies eine Investition in die Zukunft darstellen.
Jedoch erwies sich die Meisterschaft in diesem Wirtschaftsbereich als nicht profitabel, da milliardenschwere rechtliche Risiken im Zusammenhang mit dem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat, den Monsanto unter dem Namen Roundup im Sortiment hatte, die Bilanz belasteten. Bayer betont zwar immer wieder, dass Glyphosat bei ordnungsgemäßer Anwendung sicher ist, dennoch stieg die Anzahl der Schadenersatzklagen aufgrund von Krebsgefahr stark an. Statt eine Lösung zu bieten, wurde der über 55 Milliarden Euro teure Monsanto-Deal zu einer schweren Belastung für das Unternehmen, dessen Aktienkurs kontinuierlich fiel.
Zusätzliche Attraktivität für Arbeitgeber Bayer?
Bayer ist derzeit an der Börse nur noch etwa 27 Milliarden Euro wert – einschließlich Monsanto. Im Jahr 2019 verweigerten die Aktionäre dem Bayer-Chef Werner Baumann sogar die übliche Entlastung auf der Hauptversammlung. Statt wie die Fußballer zu glänzen, hat das Unternehmen derzeit Schwierigkeiten: Im Jahr 2023 verzeichnete Bayer bei einem Umsatz von 47,6 Milliarden Euro einen Verlust von 2,9 Milliarden Euro.
Ob das Unternehmen Bayer durch einen Meistertitel in der Fußball-Bundesliga nicht nur sportlich, sondern dann auch wirtschaftlich wieder vermehrt positive Schlagzeilen macht, ist abzuwarten. «Aus der Vergangenheit lernen wir, dass sich das Engagement der Bayer AG im kulturellen, sozialen und sportlichen Bereich positiv auf das Image des Unternehmens auswirkt. Wir hoffen, dass sich dieser Effekt durch Titel der Bayer 04-Fußballer künftig noch verstärkt», sagte der im Unternehmen für den Sport verantwortliche Nicolas Limbach der dpa.
Limbach versicherte, dass auch die Bekanntheit der Marke Bayer durch den Erfolg des kickenden Personals steigen werde. Sportökonom Breuer sagte, dass direkte finanzielle Auswirkungen auf den Börsenwert oder den Aktienkurs eher nicht zu erwarten seien. Dennoch könne Bayer als Arbeitgeber an Attraktivität gewinnen.








