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Perfekter Prellbock: Chancen und Risiken des Kroos-Comebacks

Toni Kroos stellt sich das EM-Ticket via Instagram selber aus. Das zeigt, mit welchem Standing der Rio-Weltmeister in die Nationalmannschaft zurückkommt. Für den Bundestrainer ist das auch ein Wagnis.

Toni Kroos wird rund drei Jahre nach seinem Rücktritt wieder für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen.
Foto: Marius Becker/dpa

Aus dem «interessanten Gedanken» von Julian Nagelsmann wird Realität. Und das hat Folgen. Mit dem Comeback von Toni Kroos (34) wird keine vier Monate vor dem EM-Anpfiff ein Reizpunkt in der Fußball-Nationalmannschaft gesetzt. Der Bundestrainer verfolgt offenbar einen speziellen Plan, um die lange Zeit der Enttäuschungen zu stoppen. Ob dieser aufgeht, liegt aber nicht nur an Kroos. Ein Restrisiko bleibt für den Weltmeister von 2014 und für Nagelsmann. 

Warum holt Julian Nagelsmann Toni Kroos zurück in die Nationalmannschaft?

Der Bundestrainer war überrascht und möglicherweise sogar schockiert. Die Niederlagen im November gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2) machten Nagelsmann klar, dass er seine DFB-Elf überschätzt hatte. Die aufbauenden Spiele in Übersee gegen die USA (3:1) und Mexiko (2:2) bei seinem Debüt einen Monat zuvor waren wertlos.

Eine Erkenntnis: Wenn es um den kleinsten Widerstand geht, zerfällt das hoch veranlagte Nationalteam kollektiv als Team. Es fehlt an Handlungssicherheit und Siegermentalität. Genau diese Eigenschaften besitzt Titelsammler Kroos wie kein anderer deutscher Fußballer, auch nach fast drei Jahren Länderspielpause.

Was kann Kroos dem Team noch geben?

Ruhe am Ball, sicherlich. Diese ist garantiert. Und ein gesundes Selbstbewusstsein als Star von Real Madrid. Nagelsmann holt sich jedoch auch einen Verbündeten für schwierige Momente abseits des Platzes. Kroos kann für das Team einerseits nach außen ein Prellbock sein, wenn die Kritik überbordend werden sollte, und nach innen vielfältig wirken, als Provokateur und als Entschleuniger – beide Fähigkeiten hat der 106-malige Nationalspieler sicherlich.

Mit seiner Erfahrung und seinem Fußball-Intellekt ist er auch ein Seismograf. So war er bereits im Frühjahr 2018, als er das drohende WM-Debakel vor vielen anderen voraussah. Er konnte es jedoch genauso wenig verhindern wie die nächste Enttäuschung bei der EM 2021 vor seinem nun revidierten Rücktritt. Die Zeit von Kroos schien mit dem Ende der Ära von Bundestrainer Joachim Löw abgelaufen zu sein.

Wie verändert sich jetzt das Spielsystem der Mannschaft?

Kroos wird nicht nur bei den März-Tests in Frankreich und gegen die Niederlande spielen, sondern auch beim Heim-Turnier. Es ist klar. Sich selbst das Turnier-Ticket über Instagram auszustellen, das hat es in der deutschen Turniergeschichte so noch nicht gegeben.

Ein Platz in der Zentrale ist also bereits besetzt – und die große Frage lautet, wer neben Kroos spielt? Möglicherweise setzt Nagelsmann auf einen echten Abräumer auf der Sechs wie Leverkusens Robert Andrich. Joshua Kimmich? Wird höchstwahrscheinlich nach hinten rechts verschoben. Ilkay Gündogan? Der Kapitän scheint Nagelsmann weiter vorne zu sehen – dies könnte dann auf Kosten von Jamal Musiala oder Florian Wirtz gehen. Sollten jedoch beide Jungstars spielen, könnte es sein, dass für Leroy Sané oder Kai Havertz kein Platz mehr ist – eine Kettenreaktion wird ausgelöst. Routinier Thomas Müller oder Leon Goretzka könnten sogar als Härtefälle komplett aus dem Kader fliegen.

Nagelsmann betont die Bedeutung von Stabilität. Antonio Rüdiger hatte die Rückkehr seines Real-Kollegen Kroos als Erster öffentlich befürwortet. Als Innenverteidiger war er zuletzt häufig gezwungen, Lücken zu schließen, wenn vorne Lücken entstanden. Mit Kroos wird Deutschland langsamer und kontrollierter spielen.

Welche Auswirkung hat das Comeback auf die Team-Hierarchie?

Die «Generation Kimmich», jener einst verheißungsvolle und zuletzt besonders kritisch beäugte Jahrgang 1995/96, hat seinen Führungsanspruch endgültig eingebüßt. Nagelsmann baut auf das Prinzip 30+. Neben Kroos (34) sind auch Manuel Neuer (37) und Mats Hummels (35) reaktivierte Fix-Größen. Gündogan (33) und Niclas Füllkrug (31) sind auch schon im gleichen Lebensjahrzehnt wie Nagelsmann (36) selbst. Das könnte manchem ehrgeizigen Spieler aus dem Mittelbau nicht passen. Kroos galt zudem schon immer als Eigenbrötler, der verbal auch piesacken kann. Als große Integrationsfigur taugt er eher nicht. Dieses Wagnis nimmt Nagelsmann mit zur EM.

dpa