Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Schmerz, lass nach: Dreßen und Co. mit Sorgen auf die Streif

In Wengen kämpfte Thomas Dreßen mit den Tränen. In Kitzbühel macht er erst einen ordentlichen Eindruck – und fehlt dann im zweiten Training. So oder so sind die Deutschen aber nur Außenseiter.

Hat mit seinem Körper zu kämpfen: Thomas Dreßen.
Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa

Die Streif ist die bekannteste Abfahrt der Welt. Die Skifahrer erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde, machen Sprünge über rund 80 Meter und müssen sich mit einer maximalen Hangneigung von 85 Prozent auseinandersetzen. Die Streif fordert alles von den alpinen Ski-Assen.

Jemand, der Thomas Dreßen nach dem Rennen in Wengen am letzten Samstag mit Tränen kämpfen sah, könnte Zweifel gehabt haben, dass er diese Woche in Kitzbühel dabei sein würde. Deutschlands langjähriger Spitzenabfahrer und Streif-Champion von 2018 reiste körperlich und geistig angeschlagen nach Tirol. Die ersten Eindrücke, die er dort hinterlassen hat, waren wieder etwas optimistischer. Das Training am Mittwoch ließ er jedoch aus.

«Ich möchte mein Knie schonen», sagte Dreßen. «Ich habe mir gestern alles angeschaut und weiß, wo die Kriterien liegen.» Das Training am Dienstag sei «solide» gewesen. Das Knie habe sich «gut angefühlt», es sei eine «kontrollierte Fahrt» von ihm gewesen.

Große Ski-Sause in Kitzbühel

Dreßen, der in den letzten Wintern von Verletzungen und Operationen betroffen war, wird – falls er startet – dieses Mal nicht zu den Kandidaten für die vorderen Plätze gehören, sechs Jahre nach seinem Sensations-Triumph auf der Streif. Genau wie seine Teamkollegen.

Der 30-Jährige symbolisiert die Leiden der deutschen Alpin-Athleten in der bisherigen Saison vor den Abfahrten am Freitag und Samstag (jeweils 11.30 Uhr/ARD und Eurosport). Bei der großen Ski-Sause in Kitzbühel, zu der wieder zigtausend Fans und viele Prominente wie Hollywood-Star Arnold Schwarzenegger oder Sänger Andreas Gabalier erwartet werden, spielen sie Nebenrollen.

«Es tut einfach weh», hatte Dreßen nach der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen zuletzt gesagt. Sein Körper spiele nicht mehr richtig mit. Das schwer vorbelastete Knie habe während der Fahrt nachgegeben, er habe seinen rechten Fuß nicht mehr gespürt. Das klang alles gar nicht gut. Mittlerweile scheint es dem Sportler des SC Mittenwald wieder etwas besser zu gehen. Doch was ist auf der so kraftraubenden Streif für ihn drin?

Inspiriert von der Geburt seiner Tochter Elena im vergangenen Juni und endlich mal wieder schmerzfrei, wollte Dreßen diesen Winter einen neuen Angriff starten. Doch er ist weit von seiner früheren Klasse entfernt, der 18. Platz im Super-G von Gröden kurz vor Weihnachten war sein bisher bestes Ergebnis der Saison.

Für seine Kollegen läuft es nur wenig besser. Gerade mal einen Top-Ten-Platz haben die Deutschen in den ersten fünf Abfahrten dieses Winters bejubelt – durch Romed Baumann, der in Gröden Neunter wurde. Zuletzt lagen zwischen der Spitze und den Athleten des Deutschen Skiverbands (DSV) Welten. Einen «beachtlichen Leistungsrückgang» habe es in den vergangenen Rennen gegeben, sagte Alpinchef Wolfgang Maier der dpa. Dem Team mangelt es augenscheinlich an Selbstvertrauen und Risikobereitschaft. «Sie fahren nicht überzeugt», sagte Maier über seine Speed-Spezialisten. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Wer siegt auf der Streif?

Schmerz, lass nach – das dürfte sich nicht nur Dreßen, der fünffache Weltcupsieger, denken. Auch Andreas Sander, WM-Zweiter von 2021, spürte lange noch die Folgen seines Trainingssturzes in Gröden vor gut einem Monat. Nun will er die «Trendwende» einleiten, wie er sagte. Dreßen, Baumann, Sander – allesamt haben sie in Kitzbühel schon Top-Ergebnisse eingefahren. Nicht ausgeschlossen, dass zumindest einer von ihnen auch diesmal den erhofften Sahne-Tag erwischt und sich weiter vorne einreiht als zuletzt.

Die Favoriten sind jedoch andere. Marco Odermatt, der zweimalige Gesamtweltcupsieger, zum Beispiel. Der schweizer Überflieger hat bereits sieben Saisonsiege errungen und feierte zuletzt in Wengen seine ersten Weltcup-Erfolge in der Abfahrt. Auch der ehemalige Weltmeister Vincent Kriechmayr bei seinem Heimspiel oder der in Form befindliche Franzose Cyprien Sarrazin dürften sich – insbesondere nach dem verletzungsbedingten Ausfall des norwegischen Speed-Dominators Aleksander Aamodt Kilde – Chancen ausrechnen.

Die Deutschen müssen all ihre Kräfte aufbringen, um den Weg aus der Krise zu finden, während sie die vielen Schlüsselstellen auf der insgesamt gut 3,3 Kilometer langen Streif wie Mausefalle, Karussell, Lärchenschuss und Hausbergkante meistern.

dpa