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«Beschissen»: Sieg-Ultimatum von Reizfigur Werner

Der Reißbrett-Fußball von RB Leipzig ist ganz hübsch anzuschauen – aber erfolglos. Trainer Domenico Tedesco ist nach Boss-Kritik und Punkte-Armut in der Bredouille.

Leipzigs Timo Werner findet deutliche Worte für die Krise beim RB.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa

«Beschissen». Auch Timo Werner kam am neuen Leipziger Fäkal-Vokabular nicht vorbei.

Frustriert von einem verweigerten Elfmeter und entnervt angesichts der unerwarteten Ergebniskrise und dem schlechtesten Saisonstart in der eigenen Bundesliga-Historie redete der Nationalspieler gleich nach dem 1:2 von RB beim unfassbar frechen 1. FC Union Berlin Klartext. «Ich will ja nicht sagen, dass harte Zeiten auf uns zukommen, aber ich glaube, wir müssen dringend mal ein Spiel gewinnen», forderte der Chelsea-Rückkehrer nach nur zwei Punkten aus drei Spielen eine schnelle Trendwende für RB in der Fußball-Bundesliga.

Sein derzeit glückloser Trainer Domenico Tedesco, der den Glanz des DFB-Pokalsiegs nicht in die neue Saison mitnehmen konnte, dozierte zeitgleich im Foyer des Stadions an der Alten Försterei, erklärte detailliert seine aus seiner Sicht unglücklicherweise misslungene Taktik, nüchtern und glatt, als halte er einen Vortrag auf einem Manager-Seminar. Doch dann wurde der 36-Jährige plötzlich doch noch auf dem falschen Fuß erwischt.

RB-Chef in der Kabine

Tedesco wurde mit einem Kabinenbesuch von Club-Chef Oliver Mintzlaff konfrontiert, von dem Torschütze Willi Orban freimütig berichtet hatte. «Er ist oft bei uns in der Kabine, auch die Woche war er da, hat mit uns geredet. Er vertraut uns, gibt uns ein gutes Gefühl. Da ist alles gut», erzählte Orban vom blendenden Verhältnis zur Chefetage. Konfrontiert mit dieser Aussage, blitzten die Augen des offenbar ahnungslosen Tedesco kurz und die statische Mimik geriet ganz kurz in Schieflage. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass Mintzlaff nicht in der Kabine war, sondern lediglich im Profitrakt der Akademie mit einigen Spielern gesprochen hatte.

Gut für Tedesco, denn Kontrollverlust kann er sich jetzt nicht leisten. Hatte er doch gerade zum x-ten Mal betont, dass es keine Probleme zwischen ihm und dem mächtigen Mintzlaff gäbe, der mit seiner Klar-Kritik vom «beschissenen Saisonstart» schon vor der Union-Demütigung für reichlich Wirbel gesorgt und Tedesco unter Druck gesetzt hatte. «Ich wurde in allen Interviews danach befragt, es ist bei uns kein Thema, es wird versucht, fokussiert zu arbeiten. Das schaffen wir auch nächste Woche», versprach Tedesco.

Werner hatte größere Sorgen als die mit Inbrunst gebrüllten Beleidigungen der Union-Fans, die überraschenderweise von Berlins Trainer Urs Fischer mehr gerügt wurden, als von seinem eigenen Coach Tedesco. «Unter der Gürtellinie dürften sie nicht sein», meinte der RB-Trainer, dabei waren sie genau das. Werner musste sich derweil mit dem von Mintzlaff gesetzten ordinären Duktus beschäftigen. Klar: «Beschissen» sei ein «hartes Wort». Aber: «Im Endeffekt war es ja ein beschissener Start», meinte der 26-Jährige.

RB mit Reißbrett-Fußball

Bei der sportlichen Spurensuche für die RB-Krise hielt sich Tedesco an seine Taktik-Vorgaben. «Keine Pässe in die rote Zone», habe er verordnet. Doch sie wurden vor den Blitz-Toren von Jordan Sibatcheu (32.) und Sheraldo Becker (38.) doch gespielt. Mit Detailanalysen seines Reißbrett-Fußballs verdeckte Tedesco grundlegende Fragen. Verliert Christopher Nkunku neben Timo Werner an Tempo und Brillanz? Ist die auch von Mintzlaff in den Blickpunkt gerückte Restverteidigung ein Grundproblem? Und: Kann Tedesco so schnell wie von Werner gefordert die Grundstimmung ändern?

Noch ein Dämpfer am Samstag gegen den ebenfalls noch sieglosen VfL Wolfsburg wäre für RB und seinen Trainer, na ja, ziemlich bescheiden. Der Glanz des ersten Titels der Clubgeschichte, von dem Tedesco noch zehrt, könnte schnell ermatten. Auch wenn die Spieler von Diskussionen um den Arbeitsplatz des Trainers nichts wissen wollen. «Das ist natürlich absurd. Letzte Saison haben wir den Pokal geholt und wurden alle hochgejubelt», sagte Nationalspieler Marcel Halstenberg. «Das ist nun einmal so im Fußball, das geht ganz schnell. Aber das lasse ich links liegen.»

dpa