Sportlerinnen und Sportler sind immer wieder Opfer von Internetkriminalität. Teilweise erhalten sie sogar Morddrohungen. Für den deutschen Sport ist eine Grenze längst überschritten.
Schutz statt Hetze: Sport will gegen Hass im Netz vorgehen

Wenn Sportlerinnen und Sportler Erfolg haben, werden sie oft als Helden gefeiert. Wenn nicht, können sie schnell ins Visier geraten, beleidigt, belästigt und bedroht werden. Es gibt genügend Beispiele für Opfer aus dem deutschen Sport: Fußballstars wie Jonathan Tah, Wintersportler wie Biathletin Vanessa Voigt oder Sommersportler wie die Moderne Fünfkämpferin Annika Zillekens, die früher unter dem Nachnamen Schleu startete – sie alle mussten in der Vergangenheit Beleidigungen oder sogar Morddrohungen ertragen.
Diesen Hass im Netz – die sogenannte Hate Speech – hat der deutsche Sport nun satt. Er will in Zukunft und vor allem auch mit Blick auf die anstehende Fußball-EM und die Olympischen Spiele im Sommer rigoros gegen die Internetkriminalität vorgehen. Das machten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Frankfurt am Main deutlich. «Wir werden unsere Sportlerinnen und Sportler schützen, nicht nur, aber gerade während der Sportgroßveranstaltungen, bei denen sie besonders im Fokus stehen», sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert.
Künstliche Intelligenz soll helfen
Um Hasskommentare zu identifizieren, wird Künstliche Intelligenz (KI) eine entscheidende Rolle bei den Olympischen Spielen in Paris spielen. Durch den Einsatz von KI sollen Angriffe auf die Social-Media-Kanäle der Athleten bereits im Voraus erkannt und die Möglichkeit geboten werden, schwerwiegende Verstöße zu melden und gezielt Anzeige zu erstatten.
Man werde den Athletinnen und Athleten Schutz und Hilfe für ihre Social-Media-Kanäle anbieten, erklärte Weikert. «Wir akzeptieren keine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, rassistischen Beleidigungen oder gar Bedrohungen. Aber wir wollen auch keine aus anderen Gründen – weil der erhoffte Erfolg nicht eintritt, weil die letzte Läuferin in der Biathlon-Staffel zwei Strafrunden kassiert, weil der entscheidende Siebenmeter verworfen wird, weil ein Pferd scheut.»
Das IOC verfolgt für Paris ein ähnliches Konzept wie der DOSB. Laut Angaben wolle man die Athletinnen und Athleten sowie die Offiziellen bei den Olympischen Spielen vor Diskriminierungen in den sozialen Medien schützen, indem ein auf Künstlicher Intelligenz basierendes System eingesetzt wird. Demnach soll das System Tausende Konten auf allen wichtigen Social-Media-Plattformen in Echtzeit überwachen und somit für 15 000 Sportlerinnen und Sportler und mehr als 2000 Offizielle zur Verfügung stehen.
DFB, DOSB und die Deutsche Fußball Liga (DFL) haben angekündigt, eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und konsequent Strafanzeigen zu erstatten, wenn gewalttätige, rassistische oder diskriminierende Sprache verwendet wird. Laut eigenen Angaben arbeiten sie mit der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main zusammen, die den Kontakt zu den Partnerdienststellen in den Bundesländern pflegt.
Forderung an die Politik
Die Verbände fordern die Politik auf, die Strafverfolgung zu vereinfachen, um Hass im Internet besser bekämpfen zu können. Laut DFB, DOSB und DFL ist es bisher erforderlich, dass Sportlerinnen und Sportler für jedes Posting einen schriftlichen Strafantrag stellen, um Beleidigungen und Verleumdungen verfolgen zu können.
Aus Sicht der Verbände muss die Strafverfolgung auch ohne ausdrücklichen Strafantrag ermöglicht werden. Für Politikerinnen und Politiker ist das schon möglich. Man wolle den Druck auf die Politik erhöhen, damit dies auch im Sport gelte, sagte Weikert. Benjamin Krause von der ZIT unterstützt diesen Vorschlag. «Aus meiner Sicht ist das vor allen Dingen ein sinnvoller Vorschlag, weil es uns die Strafverfolgung sehr erleichtern würde.»
Einer der Auslöser, stärker gegen Hass im Netz vorzugehen, waren drei internationale Fußballturniere im vergangenen Jahr, an denen Juniorennationalmannschaften des DFB teilnahmen. Zum EM-Auftakt der U21 gegen Israel (1:1) sei dieser Zustand «eskaliert», nachdem zwei Elfmeter verschossen wurden, sagte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann. «Da gab es dann gegen die beiden Elfmeterschützen wirklich eine unfassbare Menge widerlichster Nachrichten, Meldungen auf unseren Seiten.»
Social Media habe sehr viele Vorteile, sagte Fußball-Nationalspieler Jonathan Tah in einer Videobotschaft. «Weil es einfach so ist, dass Menschen ihren Idolen, Vorbildern nahe sein können.» Aufgrund der Anonymität könne aber auch sehr viel «Negativität» verbreitet werden, sagte er. Auch der 28-Jährige habe schon Hasskommentare nach Spielen erhalten. «Das hat sich nicht gut angefühlt.» Umso wichtiger sei es, über dieses Thema zu sprechen.
Kooperation zeigt Erfolge bei Ermittlungen
Eine schon etwas länger andauernde Kooperation des DFB mit der ZIT zeigt, dass das Vorgehen gegen Hass im Netz trotz der Anonymität kein aussichtsloser Kampf ist. Im Rahmen der Kooperation seien bislang 45 Ermittlungsverfahren wegen Hate Speech im Netz eingeleitet worden, teilte Krause mit. Dabei seien 15 Tatverdächtige «zweifelsfrei identifiziert» worden.
Seit etwa fünf Jahren versuchen Krause und sein Team, Hate Speech auf den sozialen Plattformen zu identifizieren. «Man muss sagen, am Anfang war unsere Identifizierungsquote unter 30 Prozent. Mittlerweile ist unsere Identifizierungsquote bei einzelnen Plattformen bis zu 80 Prozent und höher.» Durchschnittlich liege die Identifizierungsquote bei etwas mehr als 50 Prozent. Man sei damit aber noch nicht zufrieden, betonte Krause. Er machte deutlich, dass die Identifizierungsquote auch von der Plattform abhängig sei. «Man kann auf der einen Plattform besser ermitteln als auf der anderen.»
Wie gut oder wie schlecht sich die Plattform Tiktok eignet, darauf gingen die Beteiligten nicht konkret ein. Mit Tiktok, das vom chinesischen Unternehmen ByteDance betrieben wird, sind sowohl der DFB als auch der DOSB zuletzt eine Partnerschaft eingegangen. Einen Konflikt gibt es aus Sicht der beiden Verbände damit aber nicht. «Wenn du eine Partnerschaft hast, kommst du vielleicht auch besser an die Entscheidungsträger ran und kannst auch eher für Veränderungen sorgen», sagte Zimmermann. Außerdem gehe es darum, auch positive Gedanken auf diesen Plattformen zu streuen.








