Der Vorstandschef schwärmte vom wahren Gesicht des FC Bayern und forderte Konstanz für die Champions League.
Bayerns Triumph in London

London-Rückkehrer Harry Kane lächelte, als sein Chef an diesem glorreichen Ort der Münchner Vereinshistorie eine nächtliche Kampfansage an die Champions-League-Konkurrenz schickte. «Was soll ich sagen? Totgesagte leben länger», fasste Jan-Christian Dreesen vergnügt den turbulenten Königsklassen-Abend zusammen.
Der Vorstandschef schwärmte nach dem 2:2 im kniffligen Viertelfinal-Hinspiel beim FC Arsenal vom «wahren Gesicht» des FC Bayern – und forderte zugleich, dass die Stars dieses nun konstant zeigen sollten. «Und dann muss sich jeder in Europa vor uns in Acht nehmen.»
Der Ärger über eine kuriose Handspiel-Szene war zumindest bei Dreesen zu später Stunde verflogen. Wie auch bei Londons Fußball-Held Kane, der nach diesem emotionalen Abend in weniger als 50 Tagen noch einmal in seine Herzensstadt zurückmöchte – dann zum großen Finale. «Der Traum von Wembley ist immer noch da», erklärte die Tottenham-Ikone.
Bayern beschwören Geist vom 2013er Triumph
Im Luxushotel The Landmark, in dem der deutsche Rekordmeister vor elf Jahren beim Champions-League-Triumph logiert hatte, lebte Dreesen nach dem Remis gegen den Premier-League-Tabellenführer die neue Zuversicht auf dem Weg ins Endspiel am 1. Juni vor. Man habe den Ort des Banketts nicht ohne Grund ausgesucht, sagte Dreesen im Grand Ballroom. «Er soll uns daran erinnern, was uns hier vor mehr als zehn Jahren gelungen ist. Und es soll euch inspirieren, liebe Mannschaft, wieder diesen Geist aufleben zu lassen.»
Bei seiner Bankettpremiere durfte sich Sportvorstand Max Eberl an der Seite von Präsident Herbert Hainer Mini-Burger, gebratenen Wolfsbarsch oder Chimichurri-Hähnchen schmecken lassen. «In der Summe war das eine sehr erwachsene Leistung», urteilte Eberl über den Formanstieg. Nach den jüngsten Tiefschlägen nahm der spannende Auftritt im Emirates Stadion Druck aus der brisanten Diskussion um eine frühere Ablösung des am Saisonende scheidenden Thomas Tuchel.
Eberl zur Tuchel-Debatte: Auch mal würdigen
«Dass die Mannschaft und der Trainer zusammenpassen, wenn man funktioniert, das hat man heute wieder gesehen», hob Eberl hervor. Bei allem Verständnis für die stetigen Fragen zu Tuchel müssten Erfolge auch mal gewürdigt werden: «Hey, Chapeau vor der Leistung des Trainers mit der Mannschaft.»
Tuchel, der mit Sportdirektor Christoph Freund im Kreis der Edelfans lachend plauderte, war trotz seines Ärgers über den schwedischen Schiedsrichter Glenn Nyberg erfreut, dass einige seiner Pläne gegen Arsenal aufgegangen waren. Mit der Rückkehr von Manuel Neuer als sicheren Rückhalt und von Leroy Sané, der an beiden Toren entscheidend beteiligt war, schaltete das in der Bundesliga oft enttäuschende Starensemble in einen viel bestaunten Champions-League-Modus.
«Die Leidenschaft und den Einsatz von heute brauchen wir nächste Woche», forderte Tuchel, der als früherer Chelsea-Coach in der englischen Metropole das eine oder andere bekannte Gesicht von einst wiedersah.
«Spiel gibt viel Interpretationsspielraum»
Das emotionale Spiel ohne Bayern-Fans hatte Thomas Tuchel, der an der Seitenlinie schimpfte und jubelte, eine Woche vor dem Rückspiel in München – dann wieder mit lautstarkem Anhang – viel abverlangt.
Nachdem Bukayo Saka (12.) früh in Führung gegangen war, drehten der ehemalige Arsenal-Profi Serge Gnabry (18.) und Englands Nationalmannschaftskapitän Kane (32./Foulelfmeter) zunächst das Spiel. Der Joker Leandro Trossard (76. Minute) traf im intensiven Kampf um den Halbfinaleinzug erneut für das Team von Nationalspieler Kai Havertz.
«Man kann hadern, man kann auch ein bisschen froh sein», sagte Vizekapitän Thomas Müller. «Das Spiel gibt Interpretationsspielraum in alle Richtungen.» Was wäre gewesen, wenn Neuer nicht das 0:2 gegen Ben White verhindert hätte? Was, wenn Kingsley Coman beim Stand von 2:2 nicht am Pfosten gescheitert wäre. Und was erst, wenn ein kurioser Handelfmeter für den FC Bayern gepfiffen worden wäre.
Anfängerfehler oder Regelverstoß?
Eine Szene in der zweiten Halbzeit war gemeint, in der Arsenal-Torwart David Raya einen Abstoß zu dem am Fünfmeterraum postierten Gabriel spielte. Der Brasilianer nahm den Ball mit der Hand auf, legte ihn wieder auf den Rasen und spielte ihn zu Raya zurück – das zuvor schon freigegebene Spiel ging weiter: Kein Elfmeter.
Tuchel berichtete, dass der Schiedsrichter den Spielern gesagt habe, dass es sich um einen Anfängerfehler («kids mistake») gehandelt habe und er dies nicht in einem Viertelfinale der Champions League pfeifen würde.
«Ich glaube nicht, dass der Schiri sich da über die Gesetze hinwegsetzen darf», moserte Müller. Für Kane war es «der klarste Elfmeter». Der 30-Jährige räumte aber ein, dass auch Arsenal nach einem Kontakt zwischen Neuer und Saka in der Nachspielzeit einen Elfmeter hätte bekommen können.
Kane will nochmal zurück: Langer Weg nach Wembley
Ausgerechnet die Rückkehr in seine Heimatstadt gab dem gegen Arsenal stets treffsicheren Kane neue Zuversicht, dass er für das Finale am 1. Juni in der Kultstätte Wembley-Stadion eine noch viel bedeutsamere Reise antreten darf. «Wembley ist für mich natürlich etwas Besonderes. Aber es ist noch ein langer Weg dorthin», sagte Kane.
Gnabry schien beim Bankett zwar auch zufrieden zu sein. Allerdings wird die Muskelverletzung, die ihn in einer Saison voller Verletzungen zum vorzeitigen Aus in diesem Spiel zwang und das Rückspiel gefährdet, seine Stimmung wahrscheinlich trüben.
Dreesen hob Gnabry für sein «tolles Tor» hervor – und erst recht Kane. «You love scoring here», wandte sich der Vorstandschef unter Beifall im rot-gelb beleuchteten Saal an den 100-Millionen-Mann. Der Traum von seinem Endspiel lebt.








