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Euphorie und Nachdenklichkeit: Paralympics in Peking enden

Die Paralympics in Peking verliefen aufgrund vieler Umstände alles andere als unbeschwert. Doch zumindest sportlich kann Deutschlands Verbandspräsident ein unerwartet positives Fazit ziehen.

Die Olympische Fahne und die chinesische Flagge wehen im Olympiastadion von Peking.
Foto: Michael Kappeler/dpa

So viele unterschiedliche Emotionen hat selbst Friedhelm Julius Beucher selten erlebt. Und solch seltsame Paralympics schon gleich gar nicht. Deshalb muss der 75-Jährige auch ungewöhnlich lange überlegen, wie er das Fazit der Winterspiele in Peking in einem Satz zusammenfasst.

«Mit Freude über die sportlichen Erfolge, aber auch mit sehr viel Nachdenklichkeit verlassen wir China», sagt der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur schließlich.

Paralympics enden mit «gemischten Gefühlen»

Der überlagernden Trauer durch den Ukraine-Krieg, dem Frust über das Leben in der rigorosen Corona-Blase und dem Ärger über Ausrichter China mit schwierigen Transporten, Verboten von Friedensbotschaften und teilweise wohl zweifelhaft klassifizierten Sportlern steht aus deutscher Sicht ein erfreuliches Abschneiden mit vielen Emotionen gegenüber.

«Ich bin unwahrscheinlich glücklich und euphorisiert über das Abschneiden», sagte Beucher, seit 2009 DBS-Präsident und davor unter anderem zwölf Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages. Mit einem nach Rücktritten, Krankheiten und Verletzungen dezimierten Team, das mit geringsten Erwartungen angetreten war, holte der DBS mit 19 Medaillen so viele wie vier Jahren in Pyeongchang, wenn auch weniger Gold. Mit Rang sieben im Medaillenspiegel wurde das Ziel Top 10 erreicht, zudem behauptete Deutschland Rang eins im ewigen Medaillenspiegel. «Wir feiern hier eigentlich jeden Tag eine Medaillenparty, Herr Bundeskanzler», verriet Snowboarder Matthias Keller in einer Videoschalte Bundeskanzler Olaf Scholz.

«Das haben wir im Ansatz nicht erwartet und auch nicht erwarten können», sagt Beucher: «Vor allem gab es viele schöne Medaillen.» Neben der erneuten Doppel-Paralympicssiegerin Anna-Lena Forster, die am Skihang die hohen Erwartungen erfüllte, holten die 15 Jahre alte Linn Kazmaier im Langlauf und die 18 Jahre alte Abschluss-Fahnenträgerin Leonie Walter im Biathlon Gold.

«Küken-WG» sammelt Medaillen

«Das Schwarzwaldmädel und das Schwabenmädel aus der ‚Küken-WG‘ haben eine sensationelle Geschichte geschrieben», sagt Beucher lachend: «Sie sollten nur Erfahrungen sammeln. Und dann sammeln sie gleich Erfahrung beim Medaillenabgreifen. Ich hoffe, dass sie eine Leuchtkraft entwickeln, die uns hilft, Nachwuchs zu generieren.»

Während die Youngster ihre Erfolge scheinbar gelassen genossen, flossen auch viele Tränen. So bei Andrea Rothfuss, die nach Bronze im Riesenslalom unerwartet auch von ihren fünften Spielen mit einer Medaille zurückkehrte und diese emotional sogar über Slalom-Gold von Sotschi stellte. Oder bei Eröffnungs-Fahnenträger Martin Fleig, der seine Karriere beendete und nach Gold in Pyeongchang diesmal im 10-Kilometer-Biathlonrennen Silber holte. Die Erfolge sind laut Beucher auch dem Team hinter dem Team zuzuschreiben: «Unsere Wachser sind Gold-Wachser, unsere Ärzte sind Künstler.»

Vieles um den Sport herum verlief jedoch betrüblich. Während die vom Krieg geplagten Ukrainer als Zweite im Medaillenspiegel erfolgreich waren und vielerorts gefeiert und bejubelt wurden, wurden zahlreiche Friedens-Signale gestoppt und verhindert. Laut Beucher nicht vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC), sondern vom Organisations-Komitee (OCOG). «Das OCOG hat mehr Einfluss auf die Ukrainer genommen als es dem IPC lieb war», sagt er vorsichtig.

DBS-Präsident mahnt Klassifizierungen an

Dem IPC bescheinigt der DBS-Präsident, mit dem Ausschluss der russischen und belarussischen Athleten «einen Riesenfehler innerhalb von 24 Stunden behoben zu haben. Und die Rede von IPC-Präsident Andrew Parsons war so gut, dass sie im chinesischen Fernsehen zensiert wurde.»

Unmut herrschte auch über die Einstufung vieler Chinesen, die klar die meisten Medaillen holten, obwohl sie zuvor nur eine Medaille im Curling gewonnen hatten. «Ärzte und Physios sagen mir, dass manche nicht in ihre Klasse gehören», sagt Beucher: «Dieses Gespenst der Klassifizierung tragen wir vor uns her. Das müssen wir regeln, sonst wird irgendwann von Schummel-Spielen die Rede sein.»

Die strikten Corona-Maßnahmen wirkten derweil. Nach einer offiziellen Erhebung, die der dpa vorliegt, wurden bis einschließlich Samstag während der Spiele 519.486 Tests entnommen. Davon waren sechs positiv, davon fünf Athleten oder Offizielle.

dpa