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Wellingers Versprechen nach verpasstem Tourneesieg

Am liebsten hätte Andreas Wellinger noch vier weitere Wettkämpfe bei der Tournee. Nach seinem zweiten Platz ist er enttäuscht – und gibt sich kämpferisch.

Der Deutsche Andreas Wellinger im Zielbereich.
Foto: Daniel Karmann/dpa

Zum Abschluss einer hochemotionalen Vierschanzentournee gab der sichtlich enttäuschte Andreas Wellinger ein Versprechen. «Irgendwann werden wir den Hobel auch noch so knacken, dass der goldene Adler wieder bei uns ist», sagte der 28-Jährige im Schneetreiben von Bischofshofen. «Wir wollen es jedes Jahr. Irgendwann können wir es nicht mehr aufhalten.»

Die deutschen Skispringer waren lange nicht so nah dran am ersehnten Tourneesieg wie in diesem Winter. Wellinger hatte sich in einem packenden Duell mit Ryoyu Kobayashi gemessen. Am Ende musste er jedoch zusehen, wie der überragende Japaner die glänzende Trophäe in den Himmel reckte.

Nach strapaziösen Tagen mit hohem Druck war Wellinger zwar erschöpft. Die Sehnsucht, den ersten deutschen Tournee-Titel seit Sven Hannawald 2002 zu holen, war dennoch so groß, dass er sagte: «Von mir aus könnten wir noch vier Wettkämpfe dranhängen, dann hätte ich noch vier Chancen zum Aufholen.»

Trost von Hannawald

Wellinger war in Bezug auf seine Tournee-Bewertung zwiegespalten. Grundsätzlich erfüllte ihn seine Leistung mit Stolz. Trotzdem schmerzten die Bilder von dem jubelnden Kobayashi vor tausenden deutschen Fans beim großen Finale des Schanzenspektakels im Pongau. Vor dem letzten Wettkampf hatte Kobyashi nur 2,67 Meter Vorsprung vor Wellinger. In der Schlussabrechnung betrug der Rückstand des Deutschen umgerechnet 13,61 Meter.

Hannawald, der Wellinger in der ARD für «eine sensationelle Tournee» dankte, spendete Trost. Auch die Teamkollegen, Wellingers Freundin und seine Familie litten mit. Kumpel Stephan Leyhe nahm seinen Zimmerpartner herzlich in den Arm. Youngster Philipp Raimund sagte: «Wir haben definitiv mitgehofft – dass die Medien auch mal irgendwann Ruhe geben.» 2018 war Wellinger bereits einmal Tournee-Zweiter geworden. 2019 verfehlte Markus Eisenbichler, 2021 Karl Geiger den großen Triumph nur knapp um einen Platz.

«Mister Vierschanzentournee»

Auftaktsieg in Oberstdorf, Rang drei in Garmisch-Partenkirchen und dann zwei fünfte Plätze: Wirklich große Schwächen hatte sich der Bayer nicht geleistet. Wellinger löste an den Schanzen einen Hype aus, der an die großen Zeiten von Hannawald und Martin Schmitt erinnerte. Fans kreischten seinen Namen, die Stimmung war vielerorts noch ausgelassener als sonst. Doch es half nicht. Kobayashi war mit vier zweiten Plätzen der noch etwas konstantere zweier starker Springer. «Ryoyu war einfach besser, das muss man so neidlos anerkennen», sagte Wellinger.

Der Japaner, den der Stadionsprecher in Bischofshofen am Samstagabend passend als «Mister Vierschanzentournee» bezeichnete, feierte bereits seinen dritten Tourneesieg. Damit schloss er zum Polen Kamil Stoch und dem früheren DDR-Springer Helmut Recknagel auf. Nur der fünfmalige Sieger Janne Ahonen aus Finnland sowie Jens Weißflog (vier) haben mehr Titel.

Kobayashi mental stärker?

Kobayashi ist nicht nur sportlich außergewöhnlich. Während seine Kollegen aus Deutschland, Österreich oder Polen bei jeder Tournee-Station in ausführlichen Interviews über ihre Leistungen und ihre Gefühlswelt sprechen, gibt der 27-Jährige mittlerweile berühmte Kurz-Interviews und verrät darin praktisch nichts über sich selbst. Bundestrainer Stefan Horngacher will auch deshalb nicht akzeptieren, dass Kobayashi mental stärker ist als Wellinger und möglicherweise aus diesem Grund die Tournee gewonnen hat.

«Die mentale Stärke von Andi überwiegt Ryoyu», sagte er. «Ryoyu hat überhaupt nichts zu tun. Er geht ein bissl hin, macht sein Englisch-Interview, dann geht er heim. Andi hat Tag und Nacht was am Schirm, das ist eine andere Nummer. Von der mentalen Seite hat er es gut gemacht.» Horngacher lobte Wellinger für eine «Wahnsinnsshow» und eine «Super-Performance» – auch ohne goldene Siegestrophäe.

dpa