Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Betrug in der Stadion-Loge: Skispringer suchen Schuldige

Anzug aufschneiden, illegal ein Band anbringen, Anzug wieder schließen: Norwegens Skisprung-Betrug hatte Methode. Das Ausmaß des Skandals könnte noch viel größer werden.

Sportdirektor Aalbu beim Goldjubel auf der Normalschanze.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Manipulierte Anzüge, Lügen und eine öffentliche Schlammschlacht: Der Skisprung-Sport steht nach dem WM-Chaos um Gastgeber Norwegen vor der wohl größten Zerreißprobe seiner ruhmreichen Geschichte. Was mit ein paar wackligen Videos in einer unscheinbaren Loge im Fußballstadion von Rosenborg Trondheim begann, droht zu einem der größten Wintersport-Skandale der vergangenen Jahrzehnte zu werden.

Nach einem denkwürdigen Wochenende und vor dem weiteren Verlauf der Saison tauchen zahlreiche Fragen auf: Welche weiteren Manipulationen und Täuschungen werden aufgedeckt? Werden aufgrund des Anzugschaos Medaillen oder sogar ganze Wettbewerbe für nichtig erklärt? Und: Wem kann man in dem Durcheinander um Norwegens Skisprung-Duo Marius Lindvik und Johann André Forfang überhaupt noch vertrauen?

Anonyme Videos bringen Skandal ins Rollen

Für die deutsche Ikone Sven Hannawald bedroht der Skandal von Trondheim seine geliebte Sportart. «In meinem schlimmsten Alptraum hätte ich nicht gedacht, dass es so weit kommt. Ich hoffe, dass alle Entscheidungsträger endlich aufwachen und sich ein rigoroses Reglement überlegen», sagte Hannawald der «Bild»-Zeitung. «Ansonsten kann man Skispringen in zwei Jahren beerdigen.»

Die Ermittlungen bezüglich der Schanzen-Skandals haben begonnen. Videos, die anonym gefilmt und den Medien zugespielt wurden, haben die Enthüllung über absichtlich manipulierte Anzüge ins Rollen gebracht. Die Aufnahmen zeigen, wie das norwegische Team unter der Aufsicht von Cheftrainer Magnus Brevig die Wettkampfkleidung auf unzulässige Weise verändert. Lindvik und Forfang wurden daraufhin für das Großschanzen-Einzel disqualifiziert.

Wellinger fragt sich: Wäre ich Weltmeister?

Der Anzug wird angezogen, das Stabilisierungsband wird eingeführt, der Anzug wird geschlossen: Auf diese Weise operierten die Norweger so einfach an dem sensiblen Stoff, der im Skispringen so wichtig ist. Seit die heimlich durch ein abgeklebtes Fenster gefilmten Videos den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben, sind alle anderen Skisprung-Nationen empört darüber.

Deutschlands bester Skispringer Andreas Wellinger trauert in einem Instagram-Video dem verlorenen WM-Gold nach und fragt sich: „Ging eine Woche zuvor wirklich alles mit rechten Dingen zu? Wäre ich eigentlich Weltmeister?“ Der 29-Jährige hatte im Normalschanzen-Einzel Platz zwei hinter Lindvik, der nun wegen der Manipulation disqualifiziert wurde, belegt.

Der Weltverband Fis, der von bösen Überraschungen überwältigt wurde, strebt eine umfassende Aufklärung an, versäumte es jedoch bei der WM, alle Anzüge der Norweger in Trondheim schnell zu beschlagnahmen. Es ist fraglich, ob der WM-Gastgeber vollständig kooperiert. Sportdirektor Jan Erik Aalbu gab am Sonntag immerhin zu, dass die Norweger wissentlich betrogen haben – allerdings nur bei einem einzigen Wettbewerb und nur bei zwei Anzügen.

Lindvik und Forfang beteuern ihr Unwissen

Aalbu, der nach eigenen Angaben selbst nichts von den Praktiken wusste, räumte also nur das ein, wofür sein Team am Vortag schon bestraft wurde. Die teilweise skurrile Runde mit etwa 40 Journalisten gipfelte in einer Aussage Aalbus, wonach man «letzte Nacht festgestellt» habe, «dass wir betrogen haben». 

Auch Lindvik und Forfang versichern, dass sie nichts von der Betrugsmasche gewusst haben. Es wird interessant sein zu sehen, wie die sportlichen Rivalen das Duo bei den nächsten Weltcup-Stationen behandeln. Kurioserweise führt der Weltcup nach der WM direkt wieder nach Norwegen. Am Donnerstag (17.00 Uhr) findet in Oslo das erste Einzel nach dem großen Schanzen-Knall statt.

Die Äußerungen der Sportler klingen zumindest mutig, wenn man bedenkt, wie sensibel Skispringer und ihre Wettkampfanzüge verbunden sind. Offenbar hat man sich im norwegischen Verband darauf geeinigt, dem Skandal mit einer Art Wagenburg-Mentalität zu begegnen und nur so viel einzugestehen, wie wirklich offensichtlich ist. Trainer Brevig, der in den Videos klar zu erkennen ist, wird seinen Anteil nicht abstreiten können – und dürfte demnach das einfachste Opfer personeller Konsequenzen werden.

Deutscher Skiverband will «keine Lynchjustiz»

Der Deutsche Skiverband (DSV) sowie die Teams aus Österreich, Slowenien und Polen sind sehr verärgert und beklagen – schon jetzt – einen enormen Imageschaden für die gesamte Sportart. «Das macht einen schon sprachlos, wenn man sich vor Augen führt, wie hier offensichtlich ohne jegliche Skrupel manipuliert wurde», teilte Vorstandsmitglied Stefan Schwarzbach auf dpa-Anfrage mit.

Der DSV fordert von der Fis eine lückenlose Aufklärung, hat sich dem Protest der drei weiteren Nationen aber nicht angeschlossen. Diese forderten am Samstag nicht nur den Ausschluss für das Skisprung-Einzel, sondern die Annullierung aller norwegischen WM-Ergebnisse im Skispringen sowie in der Nordischen Kombination. «Wir wollen keine Lynchjustiz, sondern ein faires und transparentes Vorgehen», fügte Schwarzbach an.

Zweifel an neuen Kontrollchips

Die Österreicher sind in ihren Aussagen noch deutlich schärfer. Geschäftsführer Christian Scherer schimpfte nach Aalbus Pressekonferenz auf seinen norwegischen Amtskollegen: «Es gab null Einsicht. Das war sehr eigentümlich, arrogant und nicht sehr glaubwürdig. Auf die wesentlichen und offensichtlichsten Fragen hat er keine Antworten gegeben.» Polens Cheftrainer Thomas Thurnbichler redet gar nicht mehr mit Norwegens Verantwortlichen.

So wie das WM-Einzel von Trondheim zur Nebensache geriet, dürfte auch die restliche sportliche Saison maximal eine Randnotiz bleiben. Stattdessen wird es um die Aufklärung des Skandals und die Schlussfolgerungen der mit einer Kommission ermittelnden Fis gehen.

Falls die Kontrollchips an den Anzügen, die seit diesem Winter eingeführt wurden, tatsächlich solche gravierenden Sicherheitslücken haben, wie im WM-Chaos vermutet wurde, könnte dem Weltverband ein Fiasko von ganz anderem Ausmaß drohen. Dann müssten alle Springen in dieser Saison auf den Prüfstand gestellt werden.

dpa