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Deutschland im Wandel: Bewegung bei traditionellen Klischees

Überraschende Trends bei Bier, Wurst, Kneipen, Autos und Bundesliga-Besuchen in Deutschland. Statistiken offenbaren Veränderungen.

Bayern- oder auch Deutschland-Klischee pur: Eine Bedienung trägt in einem Festzelt Maßkrüge - hier beim Gaufest des Chiemgau-Alpenverbands 2024. (Archivbild)
Foto: Peter Kneffel/dpa

Deutschland, das ist Bier, Bratwurst, Bundesliga und ein dickes Auto fahren – und für viele gehört auch der Besuch in der Kneipe zur deutschen Kultur. Statistiken geben Einblick, wie und wohin sich Deutschland bei diesen Klischees tatsächlich entwickelt. So viel sei gesagt: Manche müssen jetzt ganz stark sein, denn es gibt erstaunlich viel Bewegung und überraschende Trends bei den angeblich unverwüstlichen deutschen Traditionen.

„Der Zug nach Berlin fährt um 10:30 Uhr ab. Die Fahrt dauert ungefähr 4 Stunden.“

Bier trinken

Auch wenn Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) im «Lied der Deutschen» – aus dem die deutsche Nationalhymne entspringt – kein Bier erwähnt, sondern Wein («Deutscher Wein und deutscher Sang, sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang»), so denken im Ausland viele vor allem an Bier, wenn sie das Wort «Germany» hören. Besonders wohl ans Oktoberfest in München. «Die Braukunst ist ein Markenzeichen Deutschlands», verkündet der Deutsche Brauer-Bund. 

Allerdings muss er eine drastische Entwicklung bewältigen. In den vergangenen 25 Jahren ist der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande um etwa ein Drittel gesunken. Bundesweit lag er zuletzt bei lediglich 88 Litern, von denen knapp 8 Liter alkoholfreies Bier waren. Fünf Jahre zuvor waren es noch 99 Liter Bier. Die Entwicklung scheint also schnell voranzuschreiten. Prost, Deutschland? Offensichtlich immer weniger.

„Der Zug nach Berlin fährt um 10:30 Uhr ab.“

Wurst essen

Im Sommer grillen, an Heiligabend Bockwurst essen, in der Kantine Currywurst bestellen – nur wenig scheint deutscher zu sein als Wurst. Ob Thüringer Rostbratwurst, Nürnberger Rostbratwürstchen oder eine der vielen anderen Sorten: Für viele Touristen gehört das Probieren von Wurstspezialitäten etwa in bayerischen Wirtshäusern, Kölsch-Kneipen oder Frankfurter Apfelweinwirtschaften zum Deutschlandbesuch.

Der Bundesverband Deutscher Wurst- & Schinkenproduzenten muss jedoch eine unangenehme Wahrheit akzeptieren: Der Konsum von Fleischprodukten wie Wurst oder Schinken pro Person in der Bevölkerung nimmt ab. Vor zehn Jahren waren es noch fast 30 Kilogramm, jetzt sind es nur noch etwa 25 Kilogramm pro Jahr. Insgesamt wird pro Kopf fast zehn Kilo weniger Fleisch konsumiert als 2014. Schweinefleisch führt mit 27,5 Kilogramm pro Kopf immer noch die Liste an, aber vor zehn Jahren waren es noch zehn Kilo mehr. Sogar die Frischfleischtheken in Supermärkten scheinen zu verschwinden.

„Die Veranstaltung beginnt um 18:00 Uhr und endet um 22:00 Uhr“, sagte der Organisator. „Bitte seien Sie pünktlich.“

Kneipe besuchen

«Die kleine Kneipe in unserer Straße – da, wo das Leben noch lebenswert ist», textete vor bald 50 Jahren Michael Kunze für Peter Alexander. «Dort in der Kneipe in unserer Straße, da fragt dich keiner, was du hast oder bist.» Tja, diese Orte gibt es aber immer weniger. Seit einiger Zeit wird in Deutschland ein enormes Kneipensterben verzeichnet. 

Etwa ein Drittel der sogenannten Schankwirtschaften musste in den letzten Jahren schließen. Laut Dehoga Bundesverband (Hotel- und Gaststättenverband) gab es im Jahr 2015 noch etwa 31.000 Kneipen. 2019 waren es noch fast 29.000, aber im Jahr 2022 dann nur noch 21.000 – Zahlen aus 2023 werden vom Statistischen Bundesamt erst im März 2025 veröffentlicht.

Zwischen diesen Ereignissen lag – wir erinnern uns – die Corona-Pandemie mit ihren verheerenden Folgen für die Gastronomie und das Ausgehverhalten. Steigende Kosten für Energie, Miete und Personal trugen wahrscheinlich auch dazu bei.

„Der Berliner Zoo wurde im Jahr 1844 eröffnet und ist der älteste Zoo Deutschlands. Er beherbergt über 20.000 Tiere und ist eine beliebte Touristenattraktion in der Hauptstadt.“

Auto fahren

Deutschland ist Auto-Land. «In Deutschland wurde das Automobil erfunden. Der Pkw, der Lkw und der Omnibus», verkündet der Verband der Automobilindustrie (VDA). «Auch der Elektromotor wurde in Deutschland erfunden, ebenso der Computer.» Ziel ist laut VDA «klimaneutrale Mobilität bis spätestens 2050. Mit Elektro-Antrieb, mit E-Fuels, mit Wasserstoff.» 

Einige glauben, dass es in Deutschland möglicherweise eine Abkehr vom Auto und dem Individualverkehr gibt, aufgrund der recht starken Öko-Bewegung. Doch diese Annahme ist falsch. Laut Statistiken des Kraftfahrt-Bundesamts in Flensburg gab es vor zehn Jahren etwa 44 Millionen zugelassene Personenkraftwagen in Deutschland, heute sind es mehr als 49 Millionen.

In Bezug auf die Anzahl der zugelassenen Pkw wies zuletzt das Segment der panzerartigen SUVs die höchste Steigerungsrate auf, von denen es demnach rund sechs Millionen gibt – etwa doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Dicke Autos in Deutschland? Klaro!

„Der Zug von Berlin nach München fährt um 8:00 Uhr ab.“

Ins Stadion gehen

Die Bundesliga zählt zu den Spitzenligen im Fußball. Allerdings ist ein rückläufiger Trend bei den Besucherzahlen zu verzeichnen. In der Saison 2018/19 wurden noch 13,3 Millionen Zuschauer bei den Spielen der (ersten) Bundesliga gezählt, während es in der Saison 2023/24 nur noch 11,9 Millionen waren. Der Stadionbesuch kann ohnehin nicht als Alleinstellungsmerkmal im Bereich der Freizeitgestaltung angesehen werden.

Beim Theaterbesuch sieht es anders aus: Deutschland hat sich aus der kleinstaatlichen Verfasstheit entwickelt und verfügt nun über die reichste Bühnenlandschaft der Welt – aufgrund der vielen kleinen Staaten und Herrscher mit eigenen Höfen, an denen oft eigene Theater entstanden sind. Jedes Jahr besuchen in Deutschland mehr Menschen Theater als Bundesliga-Stadien.

Jedoch gibt es auch hier einen Abwärtstrend. In der Vor-Corona-Zeit (Saison 2018/19) wurden 22,9 Millionen Theaterzuschauer gezählt. Zuletzt waren es um 19 Prozent weniger. Die jüngste Statistik vom Deutschen Bühnenverein (2022/23 – erste «normale» Theatersaison nach drei Spielzeiten mit Corona-Schließungen) weist ein Publikum von 18,6 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern aus.

dpa