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Neue Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt am Bahnhof

Bundespolizei berät und unterstützt in über 200 Fällen, bietet Rückzugsraum mit geschulten Polizistinnen.

Bei der Anlaufstelle am Berliner Ostbahnhof sollen Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, Beratung und Unterstützung erhalten können - in einer besonders vertrauenerweckenden Atmosphäre. (Archivfoto)
Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Seit der Eröffnung der neuen Anlaufstellen für von Gewalt betroffene Frauen am Bahnhof hat die Bundespolizei dort nach Angaben des Bundesinnenministeriums in mehr als 200 Fällen beraten und Unterstützung angeboten. Manchmal geht es für die Opfer anschließend zum Krankenhaus, zur Behandlung oder auch um Spuren einer Vergewaltigung von einem Arzt dokumentieren zu lassen. In anderen Fällen wird ein Platz in einem Frauenhaus gesucht oder mit Hilfe der Landespolizei dafür gesorgt, dass der Täter die gemeinsame Wohnung vorübergehend verlassen muss.

Laut einer Sprecherin des Ministeriums ist noch unklar, ob die Einrichtungen am Kölner Hauptbahnhof und am Berliner Ostbahnhof, die im Rahmen eines Pilotprojekts geschaffen wurden, über September 2027 hinaus betrieben werden. Ebenso ist die Entscheidung über die mögliche Eröffnung ähnlicher Anlaufstellen an anderen Bahnhöfen noch ausstehend.

Neben dem Sofa steht eine Box mit Taschentüchern

Am Kölner Hauptbahnhof, wo die Bundespolizei im Juni neue Räumlichkeiten bezogen hat, führt eine Treppe hinauf zu einem etwa elf Quadratmeter großen Raum mit Deko-Elementen, farbigen Wänden und Polstermöbeln in sanftem Grün. Auf einem Beistelltisch steht eine Box mit Papiertaschentüchern. Wenn die Tür geschlossen wird, sind die Geräusche der Dienststelle kaum noch zu hören.

Die Eröffnung der ersten Anlaufstelle in Berlin wurde am 15. August 2024 von der damaligen Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) offiziell durchgeführt. Der Rückzugsraum am Kölner Hauptbahnhof, der sich auch optisch von den ansonsten eher funktionalen Räumlichkeiten der Polizei abhebt, besteht seit dem 29. September 2025.

Polizistinnen für Umgang mit Gewaltopfern geschult

Der Grundgedanke hinter dem Pilotprojekt: Opfer häuslicher Gewalt werden oft stark vom Täter kontrolliert. Daher könnte es für sie möglicherweise einfacher sein, eine rund um die Uhr geöffnete Polizeidienststelle an einem stark frequentierten Ort wie einem Bahnhof zu erreichen als eine Wache der Landespolizei. In den Gewaltschutz-Anlaufstellen stehen Polizistinnen – ausschließlich Frauen – als Ansprechpartnerinnen für die Betroffenen bereit, die speziell für diese Aufgabe geschult wurden.

Wie das Bundesinnenministerium auf Anfrage mitteilte, hat die Bundespolizei in Berlin und Köln insgesamt bisher in 220 Fällen beraten. «33 Fälle waren dem Phänomenbereich der häuslichen Gewalt zuzuordnen», sagt die Sprecherin. 

Denn, wie Beamtinnen, die in der Kölner Einrichtung arbeiten, berichten: In dem separaten Raum, der hier für die Gespräche mit Betroffenen genutzt wurde, sprechen sie auch mit Frauen, Kindern und Jugendlichen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind oder aus anderen Gründen «stark aufgelöst» bei der Polizei ankommen. 

Schwangere 15-Jährige vom Freund verprügelt

Polizeimeisterin Hicran Aktas ist eine von 34 Kölner Bundespolizistinnen, die für den Umgang mit Gewaltopfern geschult wurde. Ein Fall aus den vergangenen Monaten ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Die Leitstelle meldet eine Körperverletzung am Bahnhof. Das Mädchen, das Aktas kurz darauf vor sich sitzen hat, ist 15 Jahre alt und schwanger. Ihr Freund hat sie geschlagen. Er will, anders als sie, nicht, dass sie das Kind behält. «Ich glaube, selbst würde sie niemals zur Polizei gehen», sagt die Polizistin, um dem Freund keine Schwierigkeiten zu machen. 

Nachdem das Mädchen im Gewaltschutzraum gesprochen hat, wird sie ins Krankenhaus gebracht. Es wurde eine Strafanzeige gegen den Freund erstattet, in Absprache mit der Landespolizei.

Anders als im Vernehmungsraum

Der Polizeibeauftragte des Bundes, Uli Grötsch, hat die Dienststelle der Bundespolizei am Kölner Hauptbahnhof vor einigen Tagen erstmals besucht, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen vor Ort zu machen. Er sagt: «In besonderen Situationen, in denen es um Gewalt gegen Frauen geht, ist es gut, den Raum zu haben, weil man sich in eine andere Umgebung bewegen kann, die eine andere Gesprächsatmosphäre erzeugt als das im Vernehmungsraum in einer Polizeidienststelle so ist.»

Für ihn sei auch klar, «dass eine Frau, die gerade Gewalt durch einen Mann erfahren hat, nicht einem Mann erzählen möchte, was ihr der Mann vorher der Mann angetan hat».

Im besten Fall können wir weiterhelfen

Maja Schomers, die zu den für den Umgang mit Gewaltopfern geschulten Bundespolizistinnen aus Köln gehört, sagt: «Im besten Fall können wir der Person weiterhelfen.» In manchen Fällen gehe es vor allem darum, die Strafverfolgung gegen den Täter einzuleiten. In anderen Fällen stehe für die Opfer die Suche nach einem sicheren Ort im Vordergrund.

Häusliche Gewalt wird der Polizei oft nicht bekannt

Im Jahr 2024 gab es in ganz Deutschland 187.128 Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden – ein Anstieg um 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahlen für 2025 sind bisher nicht bekannt.

Die Kriminalstatistik zeigt allerdings nur Fälle, die den Ermittlern auch bekanntwerden. Der gemessene Anstieg kann also damit zusammenhängen, dass es mehr Taten gibt, aber auch damit, dass Menschen verstärkt Taten anzeigen. Bei der Vorstellung der Zahlen im November sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), die Politik tue nicht genug – «da muss deutlich mehr kommen».

dpa