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Crans-Montana: Warum Überlebende ersten Prognosen trotzen

Fischhaut aus Island, Hightech-Gewebe aus Zürich, Wurm-Gel aus Frankreich: Diverse Innovationen retten Brandopfern von Crans-Montana das Leben. Experten sprechen von einem «Gamechanger».

Das Gedenken an die Opfer ist in Crans-Montana allgegenwärtig (Archivbild)
Foto: Cyril Zingaro/KEYSTONE/dpa

Seit einem Monat ist die Katastrophe von Crans-Montana nun vergangen, und selbst Mediziner sind überrascht: Die Zahl der Toten ist seit dem verheerenden Brand in der Neujahrsnacht nicht gestiegen. 40 überwiegend junge Menschen kamen damals um, viele der gut 80 teils schwer verbrannten jungen Menschen hatten zunächst keine guten Überlebenschancen.

«Wir waren positiv überrascht», sagt Frank Siemers, der bisherige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin, der Deutschen Presse-Agentur. «Es ist davon auszugehen, dass viele großflächig verletzt wurden, 60 oder 70 Prozent. Dazu kam der Rauch, womöglich toxische Substanzen – das bedeutet ein hohes Risiko, dass sie das nicht überleben.»

Der tödliche Brand

Rückblick: Bei einer Neujahrsparty in einer Bar in der Schweiz wurde durch funken sprühende Partyfontänen ein Feuer entfacht. Die Flammen breiteten sich schnell aus, und aufgrund der engen Treppe konnten viele Menschen aus dem Keller nicht rechtzeitig ins Freie gelangen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Brandstiftung.

Siemers sagt, dass die Verletzten die erste kritische Phase überlebt haben, dank mehrerer Faktoren. Sie waren hauptsächlich jung und ihr Immunsystem war intakt. Zudem wurden sie in den ersten Stunden gut versorgt, z.B. mit lebenswichtigen Infusionen, um Herz- und Kreislaufversagen zu verhindern. Die Schweizer haben auch schnell spezialisierte Kliniken in Nachbarländern gebeten, Patienten aufzunehmen, auch in Deutschland.

Weiter kritische Phasen für Patienten

«Viele haben die erste kritische Phase überstanden und sind erst einmal über den Berg, aber es gibt in diesen Wochen immer noch kritische Phasen», sagt Siemers. «Nach den Operationen zum Abtragen der verbrannten Haut müssen die großen Wundflächen verschlossen werden, damit keine Keime eintreten.» 

Viele schwer verletzte Personen werden voraussichtlich Wochen oder Monate im Krankenhaus verbringen. Aus Gründen des Datenschutzes geben Kliniken keine Informationen über den Genesungsprozess ihrer Patienten preis. Nur das Universitäts-Kinderspital Zürich bestätigt auf Nachfrage, dass von den fünf Patienten aus Crans-Montana in dieser Woche noch zwei auf der Intensivstation liegen. Im Zentrum für Brandverletzte der Uniklinik CHUV in Lausanne werden weiterhin neun Patienten behandelt.

«Es hat sich in den vergangenen 10, 20 Jahren enorm viel getan, was die Überlebenschancen deutlich verbessert hat», sagt Siemers. Eine Auswahl: 

Hautzüchtung I

Das Zellproduktionszentrum ist Teil der Klinik CHUV. Dort wird aus einer kleinen Menge gesunder Haut eines Patienten innerhalb von zwei bis drei Wochen Gewebe gezüchtet, das für einen ganzen Rücken ausreicht. Das Programm ist seit dem 2. Januar aufgrund von Crans-Montana in vollem Gange. In Deutschland liefert das Deutsche Institut für Zell- und Gewebeersatz (DIZG) in Berlin ähnliches Material, das auch im Brandverletztenzentrum von Siemers in Halle (Saale) verwendet wird.

Hautzüchtung II

Ein neues Verfahren hat das Spin-off Cutiss der Universität Zürich entwickelt: Dort stellen Biotechnologen aus wenigen körpereigenen Zellen lebende, mehrschichtige Haut her, die elastisch ist und mitwachsen kann. Noch steht das Material nur im Rahmen von Studien zur Verfügung. Siemers, der damit schon Patienten behandelt hat, ist beeindruckt: «Das könnte die nächste Generation der Behandlung von Verbrennungspatienten werden.» 

Fischhaut

Aus Island kommt aus Kabeljau gewonnene Fischhaut. Sie sieht aus wie ein Netz. Die Zellen sind entfernt, aber die Struktur bleibt, wie das Unternehmen Kerecis erläutert. Die CHUV-Klinik hat sie bei Crans-Montana-Patienten verwendet. «Fischhaut kann dank des Gehalts an Omega-3-Fettsäuren die Wundheilung beschleunigen», sagt eine CHUV-Sprecherin.

«Die Fischhaut ist für die Versorgung von chronischen oder akuten Wunden und Verbrennungen ein Segen», sagt die deutsche Herz- und Gefäßchirurgin und Wundspezialistin Saziye Karaca in Genf, die damit arbeitet. «Anders als gezüchtete Haut ist sie sofort und praktisch unbegrenzt verfügbar, und sie ist günstiger.» Ihr sei kein einziger Fall einer allergischen Reaktion bekannt.

Gels

Von einer israelischen Firma stammt das Gel NexoBrid. Es entfernt verbranntes Gewebe durch eine Enzymmischung, ohne gesunde Hautstrukturen zu beschädigen, ist aber nur für Verbrennungen von 10 bis 15 Prozent zugelassen. Zum Vergleich: Ein Arm entspricht etwa 9 Prozent der Hautfläche. Manchmal könne die Wunde danach von allein heilen, sagt Siemers. Er bezeichnet das Gel als «Gamechanger» – ein Produkt, das neue Standards setzt.

Auch Wattwürmer kommen einigen Opfern in Gelform zu Hilfe. Ein Gel der französischen Firma Hemarina enthält Moleküle aus dem Hämoglobin des Wurms, das deutlich mehr Sauerstoff binden kann als menschliches Hämoglobin, wie der Erfinder Franck Zal erklärt. Das Gel ist noch nicht zugelassen, wird aber schon experimentell verwendet.

Auch das CHUV-Krankenhaus hat es für Crans-Montana-Patienten bestellt. Es wird nach der Entnahme von abgestorbenem Gewebe auf die Wunde aufgetragen und soll zur Wundheilung beitragen. Bei Verbrennungen werde auch die Mikrozirkulation beschädigt, sodass die Wunde nicht mit Sauerstoff versorgt werden könne, sagt der Meeresbiologe Zal. Die bessere Sauerstoffversorgung durch das Gel könne Zellgewebe erhalten.

Die Frage der Lebensqualität

Welche Lebensqualität die Patientinnen und Patienten später erwartet, sei sehr unterschiedlich, sagt Siemers. Manche dürften monatelang in Kliniken sein. Einige brauchen noch über Jahre weitere Operationen, etwa wegen Narbenbildung. «Es hängt viel davon ab, welche Körperteile betroffen sind, ob es etwa funktionelle Einbußen gibt wie an den Händen. Und es hängt davon ab, wie sie die Situation psychisch verarbeiten.»

dpa