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Deutsche Wirtschaft in Rezessionsgefahr

Deutschland droht nach einem Schrumpfen des BIP erneut in die Rezession zu fallen, während die Inflation weiter hartnäckig bleibt.

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal leicht geschrumpft (Archivfoto)
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die deutsche Wirtschaft steht vor düsteren Aussichten: Nach einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,1 Prozent im zweiten Quartal droht Deutschland eine Rezession. Laut vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden bleibt die Inflation hartnäckig, da der Anstieg der Verbraucherpreise im Juli mit einer Rate von 2,3 Prozent wieder an Fahrt gewinnt, nachdem die Inflation im Juni gesunken war.

Europas größte Volkswirtschaft muss nach einer kurzen Erholung zu Jahresbeginn einen erneuten Rückschlag verkraften. Als Grund nannten die Statistiker schwache Investitionen und die Flaute am Bau. Das exportabhängige Deutschland zieht damit auch die Eurozone herunter, die laut Statistikamt Eurostat im zweiten Quartal dennoch um 0,3 Prozent gewachsen ist. Ökonomen zeigten sich enttäuscht, sie hatten für die deutsche Wirtschaft nach einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent im ersten Quartal nun zumindest ein leichtes Plus erwartet.

Die Hoffnungen auf einen stärkeren Konsum der Bürger im zweiten Halbjahr erhielten zudem umgehend einen Dämpfer mit den wieder anziehenden Verbraucherpreisen. Zugleich verharrte die Inflationsrate ohne die schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie («Kerninflation») bei 2,9 Prozent.

Der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater, sieht dennoch Zeichen für eine weitere Beruhigung der Inflation in Deutschland: «Der Rohölpreis ist zuletzt weiter zurückgegangen. Dies zusammen mit einer langsamen Beruhigung des Preisauftriebs bei Dienstleistungen sollte die Inflation auch in den kommenden Monaten entlasten.» 

Höchstens «blutleeres Wachstum» im Gesamtjahr

«Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise fest», sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Konjunkturumfragen beim Ifo-Institut. Vor allem in der Industrie, der es an Neuaufträgen fehle, lasse die Trendwende auf sich warten. Auch beim privaten Konsum laufe die Erholung schleppend. 

Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zeige erneut, dass von einem nennenswerten Aufschwung keine Rede sein könne, meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. «Der dreimalige Rückgang des Ifo-Geschäftsklimas und die Schwäche der anderen Konjunkturindikatoren legen für das zweite Halbjahr allenfalls ein blutleeres Wachstum nahe.»

Sorgen um den Standort Deutschland

Im letzten Jahr geriet Deutschland in eine leichte Rezession. Die exportorientierte deutsche Wirtschaft spürte die Abkühlung der Weltkonjunktur, die gestiegenen Energiepreise und die rasant steigenden Zinsen. Außerdem gibt es einen Fachkräftemangel und Unternehmen beklagen sich über zu viel Bürokratie.

Eine erste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juni hat für die deutsche Wirtschaft noch keine durchschlagende Besserung gebracht. Viele Ökonomen rechnen mit einer weiteren Zinssenkung im September. Doch die wieder gestiegene Inflation im Juli in Deutschland deutet darauf hin, dass die EZB noch Arbeit vor sich hat.«Eine Zinssenkung im September ist noch nicht ausgemacht», sagt Carsten Brzeski, Ökonom bei der Bank ING.

Wachstumsprognosen nur knapp oberhalb der Null-Linie

Brzeski kritisiert, dass die deutsche Wirtschaftsleistung genauso wenig überzeugend ist wie die bisherige Medaillenausbeute des Landes bei den Olympischen Spielen in Paris. Eine Verbesserung bei den Exporten ist nicht absehbar, da sowohl die USA als auch China an wirtschaftlichem Schwung verlieren. Deutschland bleibt der Verlierer der Eurozone, wo Länder wie Italien und Spanien zuletzt ein Wachstum verzeichneten.

Eine schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft liegt in weiter Ferne: Für dieses Jahr erwartet die Bundesregierung lediglich ein Wachstum von 0,3 Prozent. Das zarte Wachstum im ersten Quartal erweist sich nur noch als Zwischenhoch. Ökonomen sprechen von einer «technischen Rezession», wenn die Wirtschaft in zwei aufeinander folgenden Quartalen schrumpft. Für das dritte Quartal sei aber kaum Besserung zu erwarten, sagte Ifo-Experte Wohlrabe mit Blick auf das im Juli gesunkene Ifo-Geschäftsklima. 

Abhängigkeit von Weltmärkten bremst Konjunktur

Immerhin ein paar Hoffnungsschimmer sehen Ökonomen für das zweite Halbjahr. Zwar stehe die wirtschaftliche Erholung auch im laufenden dritten Quartal auf wackligen Füßen, sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin bei der Förderbank KfW. «Der Dienstleistungssektor dürfte jedoch weiter expandieren und auch das Baugewerbe könnte angesichts einer wieder anziehenden Nachfrage nach Wohnungsbaukrediten den Tiefpunkt überschritten haben.» Auch der private Konsum könnte Lichtblicke liefern.

Trendwende erst 2025 erwartet

Laut der Bundesbank wird auch im dritten Quartal eine etwas stärkere Konjunktur erwartet. Jedoch warnte die Notenbank in ihrem neuesten Monatsbericht davor, dass das Wachstum der Wirtschaftsleistung möglicherweise hinter den bisherigen Erwartungen zurückbleiben könnte. Im Juni hatten die Währungshüter ein Wachstum von 0,3 Prozent für dieses Jahr prognostiziert. Erst im Jahr 2025 wird sich laut Bundesbank die Situation verbessern. Zu diesem Zeitpunkt wird ein Wachstum der deutschen Wirtschaft um 1,1 Prozent erwartet.

dpa