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Die Sehnsucht nach dem besseren Deutschland

Viele Deutsche wollen ihr Land nur noch im Rückspiegel sehen, AfD-Wähler besonders oft. Traumziel: die Schweiz. Was sagt das nun wieder über die potenziellen Republikflüchtlinge?

Wenn Deutsche so könnten, wie sie wollten, dann würden sie am liebsten in die Schweiz auswandern. (Archivbild)
Foto: Marcel Bieri/KEYSTONE/dpa

Viele Menschen träumen davon, alle Zelte abzubrechen, dem Chef «Du kannst mich mal» zu sagen und an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen. Laut einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur könnte sich mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung vorstellen, ins Ausland auszuwandern. Dabei geht es ihnen nicht nur um eine Flucht vor dem deutschen Winter und den klimatischen Grausamkeiten der Heimat, sondern auch um ein grundsätzliches Unbehagen am eigenen Land.

Auf die Frage «Einmal angenommen, Sie wären beruflich, privat und finanziell völlig unabhängig: Könnten Sie sich grundsätzlich vorstellen, Deutschland zu verlassen und ins Ausland auszuwandern?» antworteten 31 Prozent der Befragten «auf jeden Fall» und 27 Prozent «wahrscheinlich». 22 Prozent würden «wahrscheinlich» nicht auswandern und 15 Prozent «auf keinen Fall». Besonders hoch ist der Anteil der Auswanderungswilligen unter den AfD-Wählern: Von ihnen würden 55 Prozent «auf jeden Fall» und 24 Prozent «wahrscheinlich» auswandern.

Schweiz bei Auswanderungswilligen besonders beliebt

Es scheint, dass der untergründige Strom der Unzufriedenheit derzeit noch stärker wird: 36 Prozent derjenigen, die grundsätzlich oder eventuell erwägen, ins Ausland auszuwandern, haben in den letzten Monaten verstärkt darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen.

36 Prozent der Befragten geben an, dass sie unter anderem aufgrund der Migrationssituation in Deutschland auswandern möchten. 41 Prozent nennen die Rezession in Deutschland als Grund, während 29 Prozent das Erstarken der AfD als Motivation angeben. Die militärische Bedrohung durch Russland wird von 22 Prozent als relevant betrachtet, während 12 Prozent das potenzielle Wegfallen der USA als Schutzmacht Europas aufgrund von Trumps Präsidentschaft erwähnen.

Als neue Heimat infrage kommen für die potenziellen Republikflüchtlinge in erster Linie die Schweiz und Österreich (30 und 23 Prozent) infrage, gefolgt von Spanien und Kanada (22 und 17 Prozent). «Diese Länder liegen schon seit den 90er Jahren immer ganz vorn, wenn es um Auswanderungsziele geht – wie auch die USA und Australien», erläutert Simone Blaschka, Migrationshistorikerin und Direktorin des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven. Bei der Schweiz und Österreich spiele sicher eine Rolle, dass dort ebenfalls Deutsch gesprochen werde und die politischen Verhältnisse vergleichbar seien.

Sehnsucht nach einer verloren geglaubten Normalität

Die Schweiz ist bei AfD- und FDP-Wählern besonders beliebt. Der deutsche Soziologe Oliver Nachtwey lebt eben dort, er lehrt an der Universität Basel. Ihm fällt Folgendes auf: «Die Schweiz ist zwar relativ konservativ, aber auch nicht viel konservativer als Deutschland. Und vor allem ist sie ein Land, in dem prozentual viel mehr Migranten wohnen. Gut 40 Prozent der Wohnbevölkerung haben einen Migrationshintergrund und etwa jeder Vierte ist Ausländer.» Wenn man also aus Deutschland weg wolle, weil einen die vielen Migranten störten, dann sei die Schweiz nicht unbedingt ein logisches Ziel. «Wenn’s um Migration geht, ist die Schweiz viel diverser.»

Professor Nachtwey glaubt deshalb, dass die Abtrünnigen in der Schweiz etwas anderes suchen: das Deutschland der 80er und 90er Jahre, als die Infrastruktur noch in Ordnung war und die Politik noch halbwegs funktionierte – jedenfalls im nostalgisch eingefärbten Rückblick. Bei der Infrastruktur sei die Schweiz dem deutschen Nachbarn in der Tat um Längen voraus: «Hier ist die Frage, ob der Zug drei oder vier Minuten zu spät kommt und nicht, ob er überhaupt kommt. Hier werden auch keine Brücken über Jahre gesperrt so wie in Nordrhein-Westfalen. Deshalb glaube ich, dass bei diesem Auswanderungswunsch auch die Sehnsucht nach einer gefühlt verlorenen Normalität mitspielt.»

Der individuelle Exit als Antwort auf kollektives Versagen

Eine Verbesserung der Lage etwa durch Sanierung der Infrastruktur und Revitalisierung der Wirtschaft trauten viele ihrem Heimatland Deutschland offenbar nicht zu. «Die Antwort auf dieses wahrgenommene kollektive Versagen ist dann der individuelle Exit», so Nachtwey.

Historisch gesehen seien wirtschaftliche Probleme so wie jetzt die Rezession immer schon das Hauptmotiv für Auswanderung gewesen, sagt Historikerin Blaschka. Bevor eine solche Bewegung in Gang komme, müsse es allerdings schon ein paar Jahre in Folge richtig schlecht laufen – erst dann reagierten Menschen in größerer Zahl mit Auswanderung. «Man sieht eine ganze Zeit lang zu, wie sich der Niedergang vollzieht – so wie jetzt mit der Autoindustrie – und kommt dann irgendwann für sich selbst zu dem Schluss: Das ist für mich nicht mehr handelbar, ich habe hier keine Zukunft mehr.»

Unzufriedenheit über die politische Entwicklung sei historisch gesehen weit seltener ein Motiv gewesen. «In den 20er Jahren sind allerdings auch rechtskonservative Militärs nach Südamerika ausgewandert, weil ihnen die Hinwendung Deutschlands zur Demokratie nicht zugesagt hat», sagt Blaschka.

Ex-Außenminister Joschka Fischer (77) kann sich übrigens nicht vorstellen, jemals aus Deutschland auszuwandern – auch dann nicht, wenn die AfD an die Regierung käme. «Ich bin in diesem Land zuhause, ich bin hier eingeboren», sagt der Grünen-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Er gehe nicht weg.

dpa