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Stromausfall in Berlin: Hollywoodreife Szenen im Südwesten

Die Dunkelheit legt sich über die Stadtteile, während Bewohner auf Hilfe und das Ende der sechstägigen Stromlosigkeit hoffen.

Für viele ein Schock: Noch bis Donnerstag könnten Teile des Berliner Südwestens ohne Strom bleiben.
Foto: Michael Kappeler/dpa

Berlin – Es spielt sich ab wie in einem Hollywoodthriller. Der Berliner Südwesten ist ohne Strom. Möglicherweise ein Brandanschlag auf eine Stromtrasse am Teltowkanal. Täter: noch unbekannt. Motiv: noch unbekannt. Die Ermittlungen werden vom Landeskriminalamt durchgeführt. Bis Donnerstag müssen sich bis zu 45.000 Berliner Haushalte auf einen Stromausfall einstellen.

Keine Ampel, kein Licht, geschlossene Läden

Der Strom ist ausgefallen. Dies mag einfach klingen, ist es jedoch nicht. Es ist ein Zeichen der Verletzlichkeit moderner Gesellschaften. In den Villenvororten der Hauptstadt, Heimat vieler wichtiger Akteure des politischen Berliner Betriebs, sowie den Hochhäusern entlang der Einfahrtstraßen nach Berlin sind alle Fenster am ersten Abend des Stromausfalls dunkel. Keine Ampel, kein Licht, Restaurants, Kioske, Tankstellen und Supermärkte sind geschlossen. Einzig hier und da spendet eine batteriebetriebene Lichterkette, die von Weihnachten übrig geblieben ist, etwas Licht. Das dichte Schneetreiben sorgt in den Vierteln Wannsee, Nikolassee, Schlachtensee, sowie in Teilen Zehlendorfs und Lichterfeldes für eine noch unheimlichere Atmosphäre. Die Polizei fährt mit Lautsprecherwagen durch die menschenleeren Straßen, bietet Hilfe für Pflegebedürftige und Kranke an und warnt zur Vorsicht. Im Gespräch verkünden die Beamten auch immer wieder, was die Bevölkerung nur langsam im Laufe des Tages erreicht: Die Stromversorgung wird voraussichtlich erst am Donnerstag der Folgewoche wiederhergestellt sein. Am Samstagmittag war zunächst noch vom Abend desselben Tages die Rede gewesen.

Viele Carports und Parkplätze sind verwaist

Die neue Nachricht führt zu hektischer Betriebsamkeit. Viele Autos werden beladen, man sucht bei Verwandten oder Freunden Unterschlupf, einige sogar im Hotel. Andere Betroffene, die gerade wegen des Endes der Berliner Schulferien am Sonntag auf dem Rückweg sind, legen unterwegs einen Zwischenstopp ein. Als am späten Nachmittag die Dunkelheit über den Südwesten hereinbricht, sind viele Carports und Parkplätze jedenfalls verlassen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt endet auch die Phase des heiteren oder zumindest etwas aufregenden Staunens über das vermeintliche Abenteuer. Als der Berliner Südwesten am Samstag erwacht, denken viele zunächst an einen Stromausfall in ihrem eigenen Zuhause. Ärgerlich, aber meist leicht zu beheben. Vielleicht ist die Lichterkette draußen durchgebrannt? Sicherungskästen werden überprüft, Schalter umgelegt. Der Blick aus dem Fenster belehrt die Menschen dann eines Besseren – der Stromausfall ist flächendeckend. Dort leuchtet nicht der vertraute Herrnhuter Stern der Nachbarn, hier fehlt das regelmäßige Bild des frühaufstehenden Nachbarn, der immer schon in der Küche werkelt.

Erst die Fahrt mit dem Auto bringt nach einigen Kilometern Gewissheit 

Viele gehen auch früh am Morgen auf die Straße. Nicht nur wie sonst an einem Samstag gegen halb sieben die Hundebesitzer. Man tauscht sich aus: Alle wissen nichts. Denn das Internet funktioniert nicht, die Handys haben kein Netz. Kaum einer hat noch ein Kofferradio. Erst die Fahrt mit dem Auto bringt nach einigen Kilometern Gewissheit aus dem wieder erreichbaren Internet und dem Autoradio: «Großflächiger Stromausfall in Berlin.»Das ganze Ausmaß wird aber erst im Laufe der Stunden offensichtlich. Pflegeheim- und Krankenhausbetreiber beginnen, ihre Heime zu evakuieren. Andere Heimplätze müssen gesucht werden. Feuerwehrleute tragen Kranke und Gebrechliche die Treppen herunter. Auch die Aufzüge haben schließlich keinen Strom.Aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur verfügt Steglitz-Zehlendorf über ein breites Angebot an Pflegeeinrichtungen. Fast an jeder größeren Straße gibt es Seniorenresidenzen und Privatkliniken. Mit seinen rund 300 000 Einwohnern hatte Steglitz-Zehlendorf Ende 2024 einen Altersschnitt von 46,5 Jahren gegenüber 42,8 Jahren in Berlin.

Szenerie erinnert manchmal an Momente der Corona-Lockdowns 

In den Supermärkten wird am Nachmittag wieder Licht eingeschaltet. Das Personal, das gerufen wurde, versucht zu retten, was noch in den Kühltruhen gerettet werden kann. Der Schaden wird wahrscheinlich erheblich sein. Feuerwehr und Polizei rufen Krankentransporter auf der Straße Unter den Eichen für weitere Hilfseinsätze zusammen. Dadurch kommt es zu Verkehrsbehinderungen in Zehlendorf-Mitte.

Einige Menschen tauen ihren heimischen Kühlschrank ab, um Schäden zu vermeiden, während andere Hamsterkäufe tätigen. Im Woolworth am Teltower Damm sind Batterien, batteriebetriebene Lampen und Kerzen beliebt und der Vorrat geht zur Neige, wie die Kassiererin berichtet. Auch Bäcker, Feinkostläden und Apotheken verzeichnen gute Umsätze. Die Szenerie erinnert manchmal an Momente während der Corona-Lockdowns. Allerdings kann man der Gefahr diesmal entkommen, indem man zehn Kilometer weiter fährt, wenn es möglich ist.

Am Ende bricht die Dunkelheit über die von Stromausfällen betroffenen Stadtteile herein. Einige Bewohner haben die Gegend verlassen, während andere aus Mangel an Alternativen oder aus Sorge um ihr Eigentum zu Hause geblieben sind. Ohne Strom für sechs Tage gibt es auch keine Alarmanlagen und keine Außenbeleuchtung. Die Angst vor Einbrüchen wächst, die in dieser Gegend während der dunklen Jahreszeit sowieso häufig vorkommen.

Beim nächtlichen Spaziergang sieht man hinter einigen Fenstern Kerzen leuchten, ähnlich wie an Weihnachten. Doch niemand hat Lust zu feiern. Alle sind sich bewusst: Die Herausforderung des Lebens ohne Strom hat gerade erst begonnen.

dpa