Ernste Lage in Brandenburg erwartet, EU-Unterstützung gefordert, Todesopfer steigen auf mindestens 23.
Hochwasser in Deutschland und Polen: Deiche halten, Aufräumarbeiten laufen

In Sachsen wird vorsichtig aufgeatmet, während in Breslau besorgte Blicke auf die Deiche der Oder gerichtet sind. Laut dem Landeshochwasserzentrum hat der Hochwasserscheitel der Elbe den sächsischen Flussabschnitt erreicht. Am ersten Pegel Schöna an der Grenze zu Tschechien betrug der Wert am frühen Nachmittag 6,54 Meter, mit langsam fallender Tendenz. Normal sind dort 1,58 Meter. Die Gefahr in Deutschland ist jedoch noch nicht gebannt.
In Brandenburg wird ab nächster Woche bis zur Wochenmitte mit einer ernsteren Hochwasserlage an der Oder gerechnet. Das Landesumweltamt schließt nicht aus, dass die höchste Alarmstufe vier erreicht wird. Am späten Nachmittag ist ein Treffen der Krisenstäbe geplant. Die Stadt Frankfurt (Oder) hat bereits Schutzwände an der Uferpromenade errichtet und Sandsäcke bereitgestellt. Wachdienste überprüfen die Deiche und gehen die Schutzanlagen ab, falls sich die Lage verschärft.
Lage in Mittel- und Südosteuropa
Die Aufräumarbeiten in den meisten von Hochwasser betroffenen Regionen in Mittel- und Südosteuropa sind jetzt im Gange: Schutt und Schlamm werden von den Straßen geräumt oder aus den Häusern entfernt. Andere versuchen, zu retten, was noch zu retten ist.
Das Ausmaß der Schäden ist noch unklar. Aus diesem Grund drängt das Europäische Parlament auf eine verstärkte EU-Unterstützung für Katastrophenhilfe. Eine Mehrheit des Parlaments fordert, dass das EU-Katastrophenschutzverfahren mit mehr Ressourcen ausgestattet wird.
Am Nachmittag wird erwartet, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Breslau ankommt. Dabei wird voraussichtlich auch die Frage der EU-Mittel für die betroffenen Länder diskutiert.
Die Anzahl der Todesopfer ist mittlerweile auf mindestens 23 gestiegen. In Tschechien werden noch mindestens acht Personen vermisst.
Auch in Italien sind die Auswirkungen von starken Regenfällen mittlerweile spürbar. Ein Feuerwehrmann verlor dort sein Leben.
Der britische König Charles zeigte sich erschüttert: «Meine Frau und ich sind zutiefst schockiert und traurig über die Zerstörung und Verwüstung, die von den katastrophalen Überschwemmungen in Mitteleuropa hervorgerufen wurden», hieß es in einer Mitteilung.
Tschechien
In Tschechien erreichte die Elbe in Usti (Aussig) unweit der Grenze zu Sachsen ihren Höchststand bei knapp über 6,8 Metern – normal sind rund 2 Meter. Die Schutzwände hielten den Wassermassen stand. In den Katastrophengebieten im Osten des Landes halfen Feuerwehrleute, Soldaten und Gefängnis-Insassen bei den Aufräumarbeiten. Die Beseitigung der Schäden könnte nach Einschätzung von Präsident Petr Pavel Jahre dauern. Eine wichtige Staatsstraße wurde wegen Unterspülung selbst für die Rettungskräfte gesperrt. Die Polizei sprach von weiteren Fällen von Plünderungen.
Polen
In Polen ist die Hochwasserwelle in der Nacht in der niederschlesischen Stadt Breslau angekommen. „Der Wasserstand beträgt 6,38 Meter“, sagte Bürgermeister Jacek Sutryk dem Sender TVN24. Ein Pegelstand von 6,30 bis 6,40 Meter wird länger anhalten. Normalerweise liegt der Wasserstand bei etwas mehr als 3 Metern. Die aktuelle Flutwelle ist deutlich niedriger als beim Oderhochwasser 1997, als der Wasserstand 7,24 Meter erreichte.
Der Regierungschef Donald Tusk warnte bei einer Sitzung des Krisenstabs davor, die Situation zu unterschätzen. «Es ist zu früh, um den Sieg über das Hochwasser bei Breslau zu verkünden.» Man müsse die Lage weiter im Auge behalten. Das Hochwasser bei Breslau könnte laut Prognosen bis Montag anhalten – die Hoffnung ist, dass die Deiche halten.
Österreich
In Österreich wird der Reparatur der Schäden nach dem Hochwasser wohl sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Die Ministerpräsidentin des besonders betroffenen Bundeslands Niederösterreich, Johanna Mikl-Leitner, geht inzwischen davon aus, dass der Wiederaufbau der zerstörten Regionen «nicht Tage, Wochen oder Monate, sondern Jahre dauern» werde. Sie halte dafür einen «nationalen Schulterschluss» für notwendig, sagte sie.
Die Lage beruhigt sich weiter, und die Wasserstände sinken überall. In Niederösterreich können immer noch rund 300 Gebäude nicht betreten werden, was vor wenigen Tagen noch bei 1400 lag.
Slowakei
Die Hochwassersituation im Westen der Slowakei um die Hauptstadt Bratislava entspannt sich, während der Pegel der Donau weiter südöstlich noch ansteigt. In Komarno an der ungarischen Grenze wird die Scheitelwelle für Freitag erwartet. Auch Nebenflüsse aus dem Norden der Slowakei verstärken dort die Wassermassen der Donau.
Im Zentrum von Bratislava erreichte die Donau am Mittwochabend ihren Höchststand von über 9,8 Metern und ist seitdem kontinuierlich gesunken. Am Donnerstagmorgen wurden noch 9,3 Meter gemessen. Der durchschnittliche normale Wasserstand beträgt 3 Meter.
Italien
Vor allem in Italien hat die Region Emilia-Romagna im Norden des Landes unter starkem Regen gelitten. In Städten wie Ravenna, Forlì und Castel Bolognese stand Wasser auf den Straßen, da Flüsse über die Ufer traten. Hunderte von Menschen wurden evakuiert und in Notunterkünften untergebracht.
Viele Schulen in der Regionalhauptstadt Bologna und anderen Orten blieben aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die örtlichen Behörden forderten außerdem die Menschen auf, lieber zu Hause zu bleiben.
In der Lagunenstadt Venedig wurde erstmals nach den Sommerferien das System «Mose» aus stählernen Barrieren zum Schutz vor Hochwasser in Betrieb genommen.








