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Verheerender Erdrutsch in Niscemi, die Stadt steht am Abgrund

Infolge starker Regenfälle rutschen Häuser ab, Evakuierungen und Sorgen um Zuhause wachsen. Die Zukunft der Bewohner ist ungewiss.

Gefährdete Häuser und beschädigte Straßen in dem vom Erdrutsch betroffenen Gebiet in Niscemi.
Foto: Andrea Petrelli/IPA via ZUMA Press/dpa

Die Szenen aus Niscemi auf der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien nach einem massiven Erdrutsch wirken wie aus einer Apokalypse: Wohnhäuser ragen über eine fast senkrecht abfallende Wand, eine Straße ist abgerissen, Leitungen hängen lose heraus. Die Stadt mit 25.000 Einwohnern steht buchstäblich am Abgrund. Und der Erdrutsch ist noch immer im vollen Gange – langsam frisst sich der Abhang weiter in die Stadt hinein.

Aufgrund der starken Regenfälle am Wochenende ist in Niscemi im Süden Siziliens ein vier Kilometer langer Hang abgerutscht. Etwa 1.500 Menschen mussten aus den Häusern in der Nähe der Abrisskante evakuiert und in Sicherheit gebracht werden. Das Gebiet mit dem höchsten Risiko, jederzeit abzurutschen, wurde zur sogenannten roten Zone erklärt. Niemand – auch keine Feuerwehrleute – darf sie betreten.

Sorge vor weiteren Abbrüchen 

«Der Erdrutsch ist weiterhin aktiv», sagt der Chef des italienischen Zivilschutzes, Fabio Ciciliano, inzwischen fast täglich im Fernsehen, um jeden Zweifel an der Bedrohlichkeit der Lage auszuräumen. Zuletzt erklärte er auch, die rote Zone weite sich weiter ins Zentrum der Stadt aus. Jene Sicherheitszone geht von der Abbruchkante ungefähr 150 Meter ins Innere von Niscemi. 

Die Bedrohung rückt jedoch immer näher an die Kleinstadt heran. Die Bewohner machen sich große Gedanken um ihr Zuhause, ihren Besitz und ihre Erinnerungen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis auch die Häuser am Abhang in die Tiefe gerissen werden. Laut den sizilianischen Behörden besteht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass alle Häuser im Umkreis von 50 bis 70 Metern unweigerlich einstürzen werden.

Bewohner mussten in der Nacht evakuiert werden 

«Es reicht, einen Blick auf den Hang zu werfen, um zu verstehen, dass früher oder später viele Häuser herunterkommen werden. Und meines wird das erste sein», sagte Roberto Disca, der Bewohner eines Hauses, das besonders gefährdet ist, dem «Corriere della Sera». «Es ist noch nicht eingestürzt, aber es hängt über dem Abgrund, und wir werden nicht mehr zurückkehren können.» 

Der 44 Jahre alte Disca, seine Frau und die drei Kinder mussten wie viele der Einwohner in der roten Zone in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ihr Haus verlassen und fast alles zurücklassen. In der Eile konnte er nur wenige Sachen retten. «Das ist alles, was von unserem Leben übriggeblieben ist», sagte Disca. 

Neben Disca geht es vielen anderen ähnlich. Ein älterer Herr, Fabrizio Cirrone, schilderte dem «Corriere della Sera» die Nacht der Evakuierung: «Wir wollten nicht, man hat es uns befohlen. Sie kamen um halb zwei: „Sie müssen das Haus sofort verlassen“, haben sie gesagt, und wir sind gegangen. Sehr hart.» 

Zivilschutz-Chef: «Die Lage ist kritisch» 

Viele ehemalige Anwohner harren nun in Notunterkünften aus. Den meisten ist klar, dass sie notgedrungen bald dauerhaft nach anderen Unterkünften suchen müssen. Zivilschutz-Chef Ciciliano sagt, für die Evakuierten müsse bald ein Plan zur Umsiedlung erarbeitet werden. «Die Lage ist kritisch», betont er immer wieder. 

Die Regierung in Rom hat mittlerweile das Ausmaß der Situation erkannt. Nach den Unwettern am vergangenen Wochenende, die nicht nur Sizilien, sondern auch Sardinien und den Süden des italienischen Festlandes getroffen haben, wurde der Unwetternotstand für die betroffenen Regionen ausgerufen. Am Mittwoch besuchte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni Niscemi und machte sich bei einem Hubschrauberflug ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet.

Niscemi in geologischem Risikogebiet 

Grund für den verheerenden Erdrutsch sind wohl nicht nur die heftigen Regenfälle in den vergangenen Tagen, sondern die geologischen Verhältnisse – Niscemi liegt auf einem Hochplateau. Wahrscheinlich hat sich die Erde darunter wie ein Schwamm vollgesogen und die Regenfälle brachten den instabilen Untergrund dann ins Rutschen. Der «Corriere della Sera» zitierte den Geologen Nicola Casagli aus Florenz, er habe noch nie einen so riesigen Erdrutsch gesehen. 

Möglicherweise spielte auch die Bebauung eine Rolle. In den letzten Jahren wurden immer mehr Häuser am Rand des Plateaus errichtet. Bewohner der Stadt halten dies im Nachhinein für fahrlässig. Denn es ist nicht das erste Naturereignis dieser Art in der Gegend. Im Jahr 1997 waren Teile der Stadt bei einem Erdrutsch verschwunden und das Gebiet als gefährdet bekannt.

Der italienische Minister für Zivilschutz, Nello Musumeci, hat bereits angekündigt, eine Kommission zur Untersuchung der Ereignisse einzurichten. Dabei soll es einerseits um Aufarbeitung gehen, andererseits aber auch darum, Vorschläge zu machen, wie man künftig besser vorbereitet ist. Auch Entlastungsmaßnahmen für die betroffenen Menschen hat er bereits zugesagt.

«Was ist hier jetzt noch sicher?» 

Wie es aber in den nächsten Tagen weitergeht, ist unklar. Die Einwohner von Niscemi fühlen sich in einer Art Warteschleife gefangen: Wann werden die nächsten Häuser und Straßen in die Tiefe gerissen, fragen sie sich. Und wie wird ihre Zukunft in Niscemi aussehen, wenn sie sich dort überhaupt noch eine Zukunft vorstellen können. «Was ist hier jetzt noch sicher?», fragt Disca.

dpa