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Gibt es bald viele neue Autokennzeichen?

B steht für Berlin, HH für Hamburg – und BEN? Künftig vielleicht für Bensheim. Das sieht eine Initiative vor, die für 320 mittelgroße Städte eigene Kennungen vorschlägt. Ist das realistisch?

Bald könnten auch mittelgroße Städte eigene Kfz-Kennzeichen bekommen - jedenfalls nach dem Willen einer Initiative (Illustration).
Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Kfz-Kennzeichen bestehen nur aus ein paar ins Blech gedrückte Buchstaben und Zahlen. Oft sind sie jedoch mehr als das: Städte werben mit dem Kürzel der Ortskennung, manche Menschen drücken so ihre Heimatverbundenheit aus – und für Rate-Fans ist es eine willkommene Abwechslung bei langen Fahrten. Nun gibt es einen Vorschlag, für Hunderte mittelgroße Städte auch eine solche Kombination zuzulassen. Hat das Aussicht auf Erfolg? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Um was genau dreht sich das Vorhaben? 

Verkürzt gesagt: Um eigene Kfz-Ortskennungen für 320 Städte in Deutschland. Der Vorschlag kommt von Ralf Bochert. Er ist Professor für Destinationsmanagement an der Hochschule Heilbronn. «Mit der Einführung eigener Buchstabenkürzel auf dem Nummernschild könnten viele Kommunen die lokale Identität – sowohl nach innen als auch nach außen – stärken», sagte Bochert. Das Autokennzeichen sei wichtig für das Stadtmarketing und verstärke die Relevanz einer Kommune. 

«Es ist ein kleines, aber nettes Thema», ist Bochert überzeugt. «Natürlich haben die Kommunen größere Sorgen. Aber hier geht es ausnahmsweise mal ums Herz, um Identifikation und Heimat.» Es gebe in der Bevölkerung einen großen Wunsch nach mehr lokaler Verortung. Diesem Wunsch könne man unbürokratisch entsprechen. Kosten entstünden nicht. 

Gibt es regionale Kennzeichen nicht bereits länger?

In Deutschland galt lange Zeit die Regel, dass jedem Verwaltungsbezirk – meist Landkreisen und kreisfreien Städten – ein spezifisches Kennzeichen zugeordnet war, das sich von anderen Regionen unterschied. Diese Vorgabe wurde erst im Jahr 2012 geändert. Seit dieser Liberalisierung haben Autofahrerinnen und Autofahrer oft die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Orts- und Regionalkürzeln zu wählen.

Regionalkennzeichen sind also keine neue Erscheinung. Die Öffnung von 2012 betrifft hauptsächlich ausrangierte Buchstaben-Kombinationen, die durch Gebietsreformen oder Kreisfusionen abgeschafft wurden. Vor der Neuvergabe der alten Kürzel müssen die Länder weiterhin die Wiedereinführung beim Bund beantragen. Die Entscheidung sieht lediglich in Sonderfällen komplett neue Ortskennungen vor.

Wurde die neue Regelung überhaupt genutzt?

Nach der Liberalisierung wurden laut Bundesverkehrsministerium weit über 300 Alt-Kennzeichen wieder eingeführt. Es gibt zahlreiche Beispiele: Im Bodenseekreis im Süden Deutschlands sind neben FN für Friedrichshafen seit Jahren auch ÜB für Überlingen und TT für Tettnang unterwegs. In Harz wurde beispielsweise QLB für Quedlinburg wiederbelebt, in Recklinghausen CAS für Castrop-Rauxel und GLA für Gladbeck. Insgesamt existieren derzeit über 700 Ortskennungen. Laut Bochert sind etwa fünf Millionen Fahrzeuge mit Alt-Kennzeichen auf deutschen Straßen unterwegs.

Wie viele Städte könnten nun ein neues Kennzeichen bekommen? 

Bocherts Entwurf beinhaltet 320 Mittelstädte mit über 20.000 Einwohnern, die bisher keine eigenen Ortskennungen haben – und daher seiner Meinung nach beim Marketing benachteiligt sind. Er schlägt auch sofort Abkürzungen vor. Ein paar Beispiele:

  • BKR – Bad Krozingen (Baden-Württemberg)
  • BEN – Bensheim (Hessen)
  • BUX – Buxtehude (Niedersachsen)
  • DOM – Dormagen (Nordrhein-Westfalen)
  • GMR – Germering (Bayern)
  • NOS – Norderstedt (Schleswig-Holstein)
  • HZA – Herzogenaurach (Bayern)
  • RAD – Radebeul (Sachsen) 
  • TEL – Teltow (Brandenburg)

Welche Änderungen wären dafür notwendig?

Der Prozess ist recht einfach: Ein Land muss zunächst beim Bundesverkehrsministerium eine Änderung der Fahrzeugzulassungsverordnung beantragen. Diese muss im weiteren Verlauf durch den Bundesrat. «Im Prinzip muss man nur zwei Sätze streichen und ergänzen, dass weitere Kennzeichen möglich sind. Dann ist das Ding durch», erläuterte Bochert. 

Auch künftig ist das bislang übliche Verfahren nötig. Ein Beispiel: «Das Land Baden-Württemberg beantragt für den Bezirk Böblingen zusätzlich SFI und HBG für Sindelfingen und Herrenberg. Dann wird geprüft: Gibt es diese Kennzeichen schon oder sind sie sittenwidrig?», erläuterte Bochert. Wenn das nicht der Fall sei, würden die neuen Kennungen im Bundesanzeiger veröffentlicht und könnten im Anschluss ausgegeben werden.

Bochert geht davon aus, dass viele Länder – wie bei den Alt-Kennzeichen – einen solchen Antrag erst auf Wunsch eines Bezirks oder Kreises stellen würden. Oft sei dafür ein Kreistagsbeschluss oder eine Entscheidung des Landrats notwendig. «Ob die Städte also tatsächlich eine eigene Kennung bekommen, ist Teil der politische Aushandlung vor Ort. Und das ist auch gut so.»

Wie stehen die Chancen dafür?

Zahlreiche Bürgermeister und Oberbürgermeister haben sich in den vergangenen Tagen in verschiedenen Medien für eigene Kfz-Kennzeichen ausgesprochen. So sagte zum Beispiel der OB von Dormagen, Erik Lierenfeld (SPD), der «Bild»-Zeitung: «Es sind zwar nur zwei oder drei Buchstaben. Doch diese Buchstaben zeigen an, wo man herkommt, wo man hingehört.» 

Aussichtsreiche Signale kommen auch von der Bundesregierung: Der Parlamentarische Staatssekretär im FDP-geführten Bundesverkehrsministerium, Oliver Luksic, teilte auf Anfrage mit, dass man dem Wunsch nach noch mehr lokaler Verortung durch entsprechende Kennzeichen positiv gegenüberstehe. Das Anliegen der Initiative werde wohlwollend geprüft.

Es ist derzeit nicht bekannt, ob eine Landesregierung einen entsprechenden Antrag stellen wird. Die Verkehrsministerkonferenz der Länder hat bisher noch nicht über das Thema diskutiert. Es ist auch nicht bekannt, ob bereits ein solcher Antrag beim Bund eingereicht wurde.

Gibt es auch Kritik?

Ja, die gibt es. Und zwar vom Landkreistag: «Es gibt wesentlich dringlichere Probleme, Herausforderungen und Zukunftsfragen für unser Land, die unsere gesamte Aufmerksamkeit und Kraft erfordern», teilte Präsidenten Achim Brötel (CDU) mit. Er halte den Vorschlag aber auch in der Sache für überflüssig. «Konnte man bei den historischen Alt-Kennzeichen im Sinne einer nostalgischen Reminiszenz wenigstens noch auf die früher bestehenden Regelungen zurückgreifen, wäre das jetzt etwas völlig Neues.»

Kfz-Kennzeichen haben Brötel zufolge, der Landrat im Neckar-Odenwald-Kreis ist, primär keine Marketingfunktion. Er warnte deshalb: «Eine weitere Zersplitterung der Kennzeichenlandschaft bringt deshalb für mich auch keinen Mehrwert, sondern allenfalls einen unnötigen Mehraufwand.»

dpa