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Grüne Zukunft oder nicht? Was von Visionen wirklich bleibt

Wer das Klima retten will, muss groß denken. An vielen Orten der Welt gibt es grüne Mammutprojekte. Doch nicht immer folgen den großen Ankündigungen auch große Taten.

Nicht alle Hoffnungen erfüllt: das Projekt Neom. (Archivbild)
Foto: -/Saudi Press Agency/dpa

Sie sollten die Vorreiter einer nachhaltigeren Zukunft werden: Großprojekte wie die Große Grüne Mauer in Afrika mit Tausenden Kilometern Bäumen oder die mit Flugtaxis ausgestattete Stadt The Line in Saudi-Arabien.

Große Beträge werden in die Projekte investiert, die demonstrieren sollen, wie eine moderne Zivilisation lebenswert und umweltfreundlicher funktionieren könnte. Nicht immer werden die Erwartungen erfüllt. Ein Realitätscheck.

Neom und «The Line» – Saudi-Arabiens Zukunftsstadt am Roten Meer

Das ist das Vorhaben

Die futuristische Stadt Neom im Nordwesten Saudi-Arabiens soll neue Maßstäbe beim nachhaltigen Wohnen, Leben und Arbeiten setzen. In einer zuvor eher dünn besiedelten Wüstengegend ist dafür am Roten Meer eine Fläche vorgesehen, die fast der Größe Belgiens entspricht. Der Name Neom – eine Wortschöpfung aus Altgriechisch und Arabisch – steht für «neue Zukunft». Diese soll die Stadt, die vollständig von erneuerbaren Energien betrieben werden soll, nach dem Willen von Kronprinz Mohammed bin Salman einläuten.

Das Vorzeige-Projekt innerhalb Neoms ist «The Line», eine Art 170 Kilometer langer und verspiegelter Gebäudekomplex, mit 500 Metern noch deutlich höher als das Empire State Building in New York. Für Technologie und Forschung soll Neom zu einem Knotenpunkt zwischen Asien, Europa und Afrika werden. Bis 2030 sollen hier eine Million und bis 2045 rund neun Millionen Menschen leben. Der Kronprinz sprach von nicht weniger als einer «Revolution der Zivilisation».

Was daraus geworden ist

Seit dem Start des Projekts im Jahr 2017 sorgen die Entwürfe und Ankündigungen, die an Science-Fiction erinnern, für Schlagzeilen. Dazu gehören die geplanten Flugtaxis, ein künstlicher Mond und das geplante Skigebiet in trockenem Gebirge. Die enormen Ausmaße und die langsamen Bauarbeiten haben jedoch auch Zweifel aufkommen lassen. Es gab auch Kritik, weil Mitglieder des örtlichen Huwaitat-Stamms laut Menschenrechtlern vertrieben und teilweise getötet wurden.

Die Entwickler halten an den Plänen fest. Mehr als 140.000 Menschen aus mehr als 100 Ländern seien an dem Projekt beteiligt, sagte Entwicklungs-Chef Denis Hickey im Februar und erwähnte bisherige Investitionen von mehr als 140 Milliarden US-Dollar zur Entwicklung der Infrastruktur. Für «The Line» seien die Ziele aber schon deutlich zurückgeschraubt worden, berichtete der Finanzdienst Bloomberg unter Berufung auf Insider. Bis zum Jahr 2030 werde inzwischen nur die Fertigstellung von 2,4 Kilometern des Projekts erwartet.

Woran es hapert

Der Golfstaat zählt zu den weltgrößten Ölproduzenten und den vermögendsten Ländern der Region, könnte sich mit Neom aber heftig verkalkuliert haben. Medienberichten zufolge sind die geplanten Kosten regelrecht explodiert. Bis zu einem möglichen Abschluss im Jahr 2080 würden Investitionen von 8,8 Billionen US-Dollar nötig, berichtete das «Wall Street Journal» aus internen Unterlagen des Projekts. Das entspricht etwa dem 25-fachen Staatshaushalt Saudi-Arabiens. 

Hinzu kommt, dass Kritik gegenüber dem Königshaus und der Regierung in Saudi-Arabien mit härtesten Mitteln verfolgt wird. Einige Landsleute wurden wegen Posts in sozialen Medien zu jahrzehntelanger Haft verurteilt. Der Kronprinz und faktische Herrscher soll strikt an seinen ehrgeizigen Zielen festgehalten und Projektleiter ihm die echten Kosten vorenthalten haben, berichtete das «Wall Street Journal». Selbst Finanzminister Mohammed al-Dschadaan äußerte inzwischen Sorgen über die «die Fähigkeit der (saudischen) Wirtschaft, diese Art von Ausgaben aufrechtzuerhalten».

«Great Green Wall» – Afrikas Baumgrenze gegen die Wüste

Das ist das Vorhaben

Entlang des gut 8.000 Kilometer langen südlichen Randes der Sahara sollte mit der «Great Green Wall» (Große Grüne Mauer) ein Schutzwall aus Bäumen gepflanzt werden – so das Ziel, das afrikanische Staatschefs 2007 ausriefen.

Der Schutzwall sollte sich von Atlantik bis zum Roten Meer durch elf Länder erstrecken. Bis zum Jahr 2030 war geplant, auf einer Fläche von 100 Millionen Hektar – fast dreimal so groß wie Deutschland – Land wiederherzustellen, das durch Abholzung, Überweidung oder Wüstenbildung geschädigt wurde. Dies sollte dazu dienen, klimaschädliches Kohlendioxid zu binden und Millionen grüne Arbeitsplätze zu schaffen.

Was daraus geworden ist

Der Baumgürtel ist jetzt ein Ort, an dem verschiedene ländliche Entwicklungsprojekte zusammenkommen, darunter Obstgärten, Weideflächen, Maßnahmen zur Wasserspeicherung und Bodenverbesserung.

Laut einem UN-Zwischenbericht wurden bis 2020 nur 4 Millionen Hektar der geplanten Baumzone von insgesamt 100 Millionen Hektar aufgewertet. Davon wurden lediglich knapp 670.000 Hektar aufgeforstet, was weniger als ein Prozent des Ziels entspricht. Weitere Umweltprojekte erstrecken sich über 18 Millionen Hektar in anderen Landesteilen.

Die internationalen Geldgeber haben für 2021 weitere Milliarden zugesagt, aber das Ziel für 2030 kann nicht mehr erreicht werden. Die Afrikanische Union hat eine neue Strategie für die Zeit bis 2034 vorgestellt, die auf konkrete Zahlen verzichtet.

Woran es hapert

Die Sicherheitslage in sieben der elf Staaten ist teilweise dramatisch eingeschränkt aufgrund bewaffneter Aufstände bis hin zu Bürgerkriegen. Die Ausdehnung der Wüste im Sahel führt zu Konflikten zwischen Viehhirten und sesshaften Bauern, die islamistische Terrorgruppen ausnutzen.

Es wird geschätzt, dass nur 20 bis 40 Prozent der neu gepflanzten Bäume überleben. Die Setzlinge werden entweder zu Feuerholz, Viehfutter oder sterben aufgrund von Dürren oder Überflutungen, die durch den Klimawandel verschärft werden.

Das Konzept der grünen Wand aus Bäumen wird von Kritikern als veraltet angesehen. Die Abbildung dient eher als Metapher, um Gelder zu sammeln. Alleiniges Aufforsten belastet das Grundwasser und könnte die Temperaturen weiter erhöhen.

Erschaffen aus dem Wattenmeer: Südkoreas «Smart City» Songdo

Das ist das Vorhaben

Die erste «Smart City» Südkoreas wurde wortwörtlich aus dem Wattenmeer erschaffen. Seit der Jahrtausendwende haben Bagger Hunderte Millionen Tonnen Sand aufgeschüttet, um 50 Kilometer südwestlich von Seoul eine Stadt der Zukunft zu erschaffen. Ziel war es, dass in Songdo bis 2020 eine halbe Million Menschen auf einer Fläche vergleichbar mit Manhattan leben würden. 

Während der Planung des Projekts war die Digitalisierung immer von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig wurde die Smart City auch als nachhaltig beworben: 40 Prozent der Flächen in Songdo sind für Grünanlagen vorgesehen, und ein automatisiertes Entsorgungssystem soll Mülleimer überflüssig machen. Bewegungsmelder sollen sicherstellen, dass die Straßen nachts nur bei Bedarf beleuchtet werden.

Was daraus geworden ist

Wer nach Songdo reist, entdeckt eine moderne und für südkoreanische Verhältnisse extrem ruhige Stadt: Zwischen den futuristischen Hochhäusern gibt es weitläufige Grünflächen, wobei der Central Park, benannt nach dem gleichnamigen Vorbild in Manhattan, als zentrales Erholungsgebiet gilt. Mit großzügigen Fahrradspuren ist Songdo wahrscheinlich die einzige radfreundliche Großstadt des Landes. Auch Ladestationen für Elektroautos sind überall präsent.

Es ist auffällig, dass die Stadt immer noch ziemlich leer ist: Von den geplanten 500.000 Bewohnern leben bisher nur knapp 200.000 in der Planstadt. Einige Teile von Songdo sind immer noch im Bau.

Woran es hapert

«Die Art und Weise, wie in Songdo bereits Digitalisierung zum Management des Verkehrs eingesetzt wird, ist sicherlich sehr fortschrittlich. Als Vorbild für Nachhaltigkeit würde ich die Stadt aber nicht bezeichnen», sagt Frederic Spohr, Leiter des Südkorea-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Er kritisiert, dass die Stadt sehr stark auf den Autoverkehr ausgerichtet ist. Auch beim Bau wurde wenig Rücksicht auf die Ökologie genommen. 

Viele Koreaner beschreiben die Lebenskosten als zu hoch – von Wohnraum über Schulgebühren bis zu den meist privat geführten Krankenhäusern.

Xi Jinpings sozialistisches Herzensprojekt Xiong’an in China

Das ist das Vorhaben

Südlich von Peking ließ Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping 2017 drei Landkreise zusammenziehen, um für heute umgerechnet rund 77,5 Milliarden Euro eine sozialistische Modellstadt aus dem Boden zu stampfen: Xiong’an. Die Vorgabe lautete, eine «grüne, kohlenstoffarme, intelligente, effiziente und umweltfreundliche Stadt» für fünf Millionen Einwohner zu bauen. Xiong’an sollte die Hauptstadt Peking entlasten und Teile der Verwaltung übernehmen.

Was daraus geworden ist

Xiong’an hat im Vergleich zu anderen chinesischen Städten viele Grünflächen. Den Bewohnern wird versichert, dass sie innerhalb von 15 Minuten zu Fuß alle Bildungs-, Einkaufs-, Kultur- und Betreuungseinrichtungen erreichen können. Das Bahnhofsdach, das mit Solarzellen bedeckt ist, erzeugt jährlich bis zu 5,8 Millionen Kilowattstunden Strom und reduziert 4.500 CO2-Emissionen.

Woran es hapert 

Xiong’an fehlt vor allem eins: Menschen. An einem sonnigen Wochenende wirkt die Stadt mit ihren mittlerweile 1,3 Millionen Einwohnern fast wie ausgestorben. Zahlreiche Gewerbeflächen stehen leer. Menschen, die es nach Jahren harten Studierens oder Arbeitens nach Peking geschafft haben, wollen die Hauptstadt nicht für das Experiment Xiong’an verlassen. Zudem geht der Stadt Kapital durch die Lappen. Der Wohnungsmarkt ist nämlich zum Schutz vor Spekulanten stark reguliert. Außerdem bevorzugt Xiong’an Tech-Firmen für Neuansiedlungen statt Unternehmen traditioneller Branchen.

dpa