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Experten fordern politische Zurückhaltung nach Amoktaten

Verbal abrüsten und auf Gefährdungshinweise achten, um Taten zu verhindern. Sensationsberichterstattung kann Nachahmungseffekte haben.

Ermahnungen in der Nähe des Tatorts des tödlichen Messerangriffs von Aschaffenburg: «Weniger Wahlkampf, mehr Mitgefühl!»
Foto: Andreas Arnold/dpa

Die Kriminologin Britta Bannenberg hat Politiker nach den Amoktaten und Anschlägen der vergangenen Monate dazu aufgefordert, ihre Worte zu besänftigen. Statt die Tat eines Ausländers als Anlass für eine hitzige Migrationsdebatte zu nehmen, sei es besser, endlich Strukturen für eine verbesserte polizeiliche Einschätzung potenzieller Amoktäter zu schaffen, erklärte die Rechtswissenschaftlerin von der Universität Gießen gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Denn viele solcher Handlungen könnten vermieden werden, wenn man die entsprechenden Hinweise und Andeutungen richtig interpretieren kann.

«Ich rate zur Zurückhaltung im Ton», fügte die Gießener Professorin hinzu. Das gelte ausdrücklich auch für den CDU-Vorsitzenden, Friedrich Merz. Es sei zwar legitim, wenn sich dieser für Fortschritte bei Abschiebungen von Ausreisepflichtigen einsetze. 

Mit «populistischen Äußerungen» über Migration in einer Phase, in der die Gesellschaft ohnehin schon großem Stress ausgesetzt sei, habe Merz im Bundestagswahlkampf aber womöglich «Migranten getriggert, die sich hier nicht ganz zu Hause fühlen».

Nachahmungseffekte können zu einer Häufung von Taten führen

Ein weiterer möglicher Auslöser für Amoktaten sei eine sensationsheischende Berichterstattung über Gewalttaten, wobei Nachahmungseffekte nicht auf das eigene Milieu beschränkt seien. «Der Amoktäter lässt sich vom Islamisten anregen, und der Rechte wird vom Islamisten inspiriert», sagte Bannenberg. Allen einzeln handelnden Tätern gehe es um «maximale Aufmerksamkeit». 

Rowenia Bender und Kristin Weber vom Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen an der TU Chemnitz warnen: «Eine sensationsgeleitete oder vorschnelle Berichterstattung kann bei empfänglichen Personen dazu führen, dass sie in einem gleichen oder ähnlichen Modus Operandi eine solche Tat ausführen könnten.» 

Grundsätzlich wirkten solche Trigger-Effekte auf Menschen, die bereits mit dem Gedanken spielten, eine Gewalttat zu begehen, sagte Bannenberg. «In den letzten sechs Monaten vor der Tat machen diese Menschen Andeutungen», erklärt die Forscherin. 

Ihr «Beratungsnetzwerk Amokprävention» richtet sich an Menschen, die sich mit ihren Beobachtungen über Menschen, die sich im Netz oder in ihrem Umfeld auffällig verhalten, entweder nicht selbst an die Polizei wenden wollen oder sich von den Beamten nicht ernst genommen fühlen. Aktuell sei «wirklich mehr Dampf im Kessel», sagt sie. Mit durchschnittlich zwei Anfragen pro Tag sei das Netzwerk momentan stärker gefragt als sonst.

Die Polizeibehörden der Länder sind in Bezug auf den Umgang mit Personen in psychischen Ausnahmesituationen unterschiedlich gut ausgestattet. Insbesondere auf dem Land sind psychologische Gutachter oft nicht kurzfristig verfügbar – insbesondere nicht nachts oder am Wochenende.

Polizeibeamte haben oft Schwierigkeiten einzuschätzen, ob ein schimpfender Bürger, der merkwürdige Theorien verbreitet oder unterschwellige Drohungen ausspricht, eine Gewalttat vorbereitet oder nur Dampf ablassen will, ohne deren Hilfe.

Lehren aus dem Attentat von Hanau?

Nach dem Anschlag in Hanau wurde auch im Bundestag darüber diskutiert, wie man frühzeitig gewalttätige Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten, die im schlimmsten Fall auch noch legal Waffen besitzen, stoppen kann. Am 19. Februar 2020 erschoss ein Deutscher in der hessischen Stadt aus rassistischen Gründen neun junge Menschen. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Kurz vor der Tat hatte sich der spätere Täter, der im Besitz einer Waffenbesitzkarte war, mit fragwürdigen Verschwörungstheorien an die Bundesanwaltschaft gewandt.

Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) hat im Juni letzten Jahres angekündigt, dass beim Landesamt für Verfassungsschutz ein Amokpräventionszentrum eingerichtet wird, um früher auf mögliche Täter aufmerksam zu werden. Dort sollen die Sicherheitsbehörden eng zusammenarbeiten. Es gibt auch neue Vorgaben für den Umgang mit auffälligen Bürgereingaben beim Landesamt. Dadurch soll eine bessere Unterscheidung zwischen tatsächlich gefährlichen Personen und ungefährlichen Querulanten ermöglicht werden.

Der Innenminister hat auch angekündigt, dass er sich dafür einsetzen wird, dass keine Waffen in die Hände von psychisch Kranken gelangen. Es wird derzeit darüber beraten, wie die Waffenbehörden noch besser über psychische Erkrankungen durch Ärzte und Kliniken informiert werden können.

Kriminologin weist auf Risikofaktoren hin

Nachdem Bannenberg eine Vielzahl von Gewalttaten analysiert hat, hat er eine Reihe von Risikofaktoren identifiziert. Junge Amoktäter sind in der Regel männlich, unter 24 Jahren, sozial unauffällig, psychopathologisch auffällig und nicht impulsiv. Oftmals geben sie Hinweise auf ihre Tatpläne im Internet oder im sozialen Umfeld, wobei direkte Drohungen die Ausnahme darstellen.

Ältere Amoktäter hatten oft Selbstmordgedanken. Bei einem Drittel von ihnen spielte Alkohol- oder Drogenmissbrauch eine Rolle. In dieser Gruppe fand man überdurchschnittlich oft narzisstische Persönlichkeitsstörungen, bestimmte psychische Erkrankungen sowie Menschen, die ein sozial zurückgezogenes Leben führten.

dpa