Mit einem Klick sollen die Sorgen weg sein. Das versprechen Zaubersprüche, die online angeboten werden. Was die schnellen Problemlösungen mit Spaß, Manipulation und den Krisen der Welt zu tun haben.
Magie aus dem Netz: Der Online-Handel mit Zaubersprüchen

Schutz vor Unheil, die Liebe des Angeschmachteten oder Erfolg im Beruf – all das wird auf Onlineplattformen durch Zaubersprüche versprochen. Angeboten wird die vermeintliche magische Abhilfe auf Etsy, Instagram und Co. teils für Kleinstbeträge, mitunter aber auch für Hunderte Euro. Über ein Geschäft, das sich zwischen Spaß am Ausprobieren, der Sehnsucht nach Kontrolle und Abzocke bewegt.
Sich die Welt erklären und Ängste in Schach halten
Einmal abgetaucht in den Online-Handel mit Zaubersprüchen finden sich die verblüffendsten Angebote: Es wird damit geworben, den «Fluch der Ehelosigkeit» loszuwerden. Und auch dafür, wenn der Partner vor der Familie mit einem prahlt, kann ein Zauberspruch erworben werden. Was aber bewegt Menschen dazu, an diese Angebote zu glauben?
Aberglauben gibt es schon seit Langem. Für den französischen Soziologen Pierre Lagrange geht es dabei um Neugierde und die Lust, die Welt um einen herum zu verstehen. «Ich würde sagen, es sind genau die gleichen Gründe, aus denen Menschen sich der Wissenschaft, der Religion oder anderen Aktivitäten zuwenden», erzählt der Forscher der Deutschen Presse-Agentur.
Auch nach Ansicht der Psychologin Christine Mohr erfordert der Glaube an Zauberei eine Bereitschaft für Dinge, die nicht direkt wissenschaftlich erklärbar sind. Menschen möchten ihr Leben gerne kontrollieren, können jedoch viele Dinge nicht beeinflussen. Rituale, die als magisch angesehen werden, können dazu beitragen, Ängste zu verringern und ein Gefühl von Kontrolle zu vermitteln. Jugendliche sind besonders offen dafür, solche Dinge auszuprobieren. Mit zunehmendem Alter nimmt der magische Glaube jedoch ab.
Große regionale Unterschiede bei Hexenglauben
Weltweit ist der Glaube an Hexerei sehr unterschiedlich verteilt. Einer 2022 im Fachmagazin «PLOS One» vorgestellten Studie zufolge glauben 40 Prozent der Bevölkerung in 95 Ländern daran, dass Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten anderen Schaden zufügen können. Während in Tunesien 90 Prozent an Hexerei glaubten, waren es in Deutschland demnach nur etwa 13 Prozent.
In einigen Regionen Frankreichs landen sogar regelmäßig Werbeflyer für selbst ernannte Seher und Medien im Briefkasten, die Hilfe bei Problemen in allen Lebenslagen versprechen. Selbst in der Pariser Innenstadt verteilen sie manchmal ihre Zettelchen. Keiner von ihnen wollte jedoch ein Interview geben. Und auch mit den Online-Händlern von Zaubersprüchen war keine Unterhaltung möglich.
Expertin sieht Trend zum Magischen
Doch ob der Glaube an Magie derzeit stärker ausgeprägt ist als noch vor einigen Jahren, ist laut Soziologe Lagrange von der Pariser Uni EHESS schwer zu sagen. Dennoch meint der Experte: «Man kann verstehen, dass die Menschen haufenweise Lösungen woanders suchen. Das ist normal. Es gibt ein derartiges Level an Unsicherheit.» Die Gesellschaft sei im Umbruch. Nur, wohin sie sich bewege, das wisse man nicht. Psychologin Mohr von der Universität Lausanne glaubt: «Die Angst und das Bedürfnis nach Kontrolle werden größer.»
Laut Trendexpertin Gabriela Kaiser erleben wir derzeit einen Trend zum Magischen. Dies zeigt sich an verschiedenen Produkten – von Tarotkarten über Kristalle und Amulette bis hin zu Räucherkräutern.
Die Angebote seien vielfältig, gingen aber alle in eine mystische Richtung und sprächen durch Gerüche oder eine besondere Optik verschiedene Sinne an. «Das ist ja auch so, sage ich mal, eine starke Gegenbewegung zu diesem ganzen Technologiezeitalter, in dem alles so super unmystisch ist», sagt Kaiser.
Betrug und Manipulation bei Zaubersprüchen?
Bei den meisten Produkten ginge es um die Atmosphäre. Sie könnten eine witzige neue Erfahrung sein. Doch bei den Zaubersprüchen hat die Trendforscherin Bedenken. «Da geht man schon in einen Bereich rein, den ich persönlich gefährlich finde. Ganz einfach, weil da auch einige Scharlatane unterwegs sind, wo es einfach nur ums Geld geht.»
Auch Psychologin Mohr fragt sich, ob die Anbieter selbst eigentlich überzeugt sind von ihren hohen Versprechen. «Ich denke, da wird ganz schön viel beschissen.» Da nutze man dann wirklich Leute aus, die in dramatischen Situationen seien, etwa weil sie schlecht mit einem Verlust klarkämen.
Kaiser fürchtet auch, dass Menschen ihre Eigenverantwortung abgeben könnten, wenn sie die Zaubersprüche quasi für sich handeln ließen. «Die Grenzen verschwimmen dann da halt auch schon mal, wo man einfach sagt, die Menschen verlassen sich dann nur noch darauf», sagt sie. «Und dann wird es für meine Begriffe unter Umständen eben auch gefährlich, weil du einfach im Prinzip dein Leben teilweise abgibst.» Nicht zuletzt sei es auch manipulativ, andere mit einem Zauberspruch zur Liebe zwingen zu wollen oder sie als Konkurrenz aus dem Weg räumen zu lassen.
Alte Bräuche in neuem Gewand?
Insgesamt räumt Mohr ein, dass Zaubersprüche aus dem Internet kein ganz neues Phänomen seien. «Ich glaube, nur das Medium verändert sich.» Früher habe man eben Tarotkarten gelegt oder ein Foto verbrannt oder unters Kopfkissen gelegt.
Prinzipiell könnten solche objektbezogenen Kontrollhandlungen hilfreich sein, um Sicherheit zu geben und Angst zu reduzieren, wenn Menschen das Gefühl hätten, nichts tun zu können. Die Psychologin betont aber auch: «Es kann natürlich total schiefgehen, wenn man dann auch fest dran glaubt oder dann auch bereit ist, vielleicht zu viel dafür zu zahlen.»
Mohr ist sich nicht sicher, ob die meisten Menschen, die solche Zaubersprüche kaufen, tatsächlich daran glauben. Für manche sei es sicherlich einfach nur ein Spaß.








