Spätes Tor sichert Gruppensieg – Nagelsmann zufrieden mit beharrlicher Spielweise und positiver Konkurrenzsituation.
Deutschland siegt gegen Schweiz in letzter Minute

„War es Glück? Oder ein guter Plan? Nach dem 1:1 gegen die Schweiz und dem knapp errungenen Gruppensieg wollte Julian Nagelsmann keine Diskussionen führen. Der späte Ausgleich durch Superjoker Niclas Füllkrug war für den Bundestrainer die gerechte Belohnung für eine hartnäckige Spielweise.“
Nicht so aufregend wie das 5:1 gegen Schottland, aber besser als das 2:0 gegen Ungarn, hatte der 36-Jährige die Fußball-Nationalmannschaft zum Abschluss der EM-Gruppenphase gegen die Eidgenossen gesehen. Er zählte dabei auch Statistikwerte von Torschüssen (19:4) bis Ballbesitz (70 Prozent) auf. Mit dem Gruppensieg geht für Nagelsmann die Rechnung auf.
Vor dem Beginn der K.o.-Phase des Heimturniers sind verschiedene Faktoren wichtig. Der Gegner für das Achtelfinale am Samstag (21.00 Uhr) in Dortmund wird noch gesucht.
Der Joker-Faktor
Flanke David Raum, Tor Niclas Füllkrug. In der Nachspielzeit war das EM-Personalkonzept von Nagelsmann endgültig aufgegangen. Die Tor-Kombination von zwei Jokern verdeutlichte, dass der Bundestrainer mit seiner Rollenzuschreibung nicht nur ein stabiles Fundament für eine Startelf gelegt hat. Auch die Ersatzleute liefern fern von Frustration, wenn es darauf ankommt. «Deswegen haben wir es so gemacht», sagte Nagelsmann zur positiven Konkurrenzsituation von Füllkrug mit Stammkraft Kai Havertz.
Nagelsmann hat sich am Samstag in Dortmund zu möglichen Wechselspielen nicht äußern lassen. In der Offensive sind sie generell nicht erforderlich. Nagelsmann hat die richtigen Anreize gesetzt. Alle möglichen Problembereiche wurden bereits in der Vorrunde behoben. Ilkay Gündogan ist ein Kapitän mit Führungskapazität. Torwart Manuel Neuer hat sich stabilisiert und spielt fehlerfrei wie eine Nummer eins. Und wenn es irgendwo hakt, schickt Nagelsmann seine Joker ins Rennen.
Der Euphorie-Faktor
Natürlich erinnerten sich Fußball-Nostalgiker an jenes Siegtor von Oliver Neuville nach Flanke von David Odonkor im WM-Spiel 2006 gegen Polen. Es war der Zündfunke für das Sommermärchen. Ganz so hoch wollte Nagelsmann das Füllkrug-Tor nicht ansiedeln. Aber die Bedeutung eines Last-Minute-Treffers war dem Bundestrainer klar. Einen «kleinen Explosionsmoment», hatte Nagelsmann wahrgenommen. Vorher sei es im Stadion schon «sehr ruhig» gewesen.
Euphorie statt Ernüchterung, das war die einfache Formel des Tor-Effekts, den Füllkrug selbst so beschrieb: «Das kann schon ein Knackpunkt-Moment gewesen sein für uns als Team.» Das Wissen um späte Optionen kann Titelvertrauen auslösen. Nagelsmann sah es auch so und war sogar glücklicher über einen späten Punkt als über einen bequemen Sieg.
Wenn er ein «Drehbuch» schreiben müsse, würde er für den Turnier-Plot das Szenario lieber nehmen «als ein 4:0». Dortmund ist nun der richtige Ort für eine Stimmungsmaximierung: «Wenn wir die Fans im Rücken haben, ist das das beste Stadion der Liga», sagte Füllkrug.
Der Abwehr-Faktor
Nagelsmann muss umstellen. Es wird nicht die gleiche Aufstellung wie das vierte Mal sein können. Jonathan Tah wird in Dortmund fehlen aufgrund seiner zweiten Gelben Karte im Turnier. Nagelsmann fand diese nach dem Einsteigen des Leverkuseners gegen Breel Embolo unberechtigt. Das ändert nichts. Wer wird also Tah ersetzen? Nico Schlotterbeck durfte gegen die Schweiz Spielminuten sammeln. Waldemar Anton sei auch ein Kandidat.
Eventuell muss Nagelsmann aber sowohl den Dortmunder Schlotterbeck als auch seinen möglicherweise künftigen Club-Kollegen Anton aufbieten. Der Grund: Antonio Rüdiger plagten sichtbar Schmerzen. «Er hat ein Problem im Oberschenkel. Ich kann es noch nicht sagen», berichtete der Bundestrainer. Ein Ausfall der kompletten Innenverteidigung wäre ein harter Schlag.
Der Planungs-Faktor
Einen Wunschgegner gibt es nicht für das Achtelfinale. Klaro, selbst wenn, würde Nagelsmann den niemals nennen. «Das Gesetz des Turniers ist es, dass die Gegner besser werden», sprach der Bundestrainer eher kryptisch über die Optionen England, Dänemark, Slowenien und Serbien. «Ich finde alle vier Gegner unbequem. Ich hätte mit einer klareren Verteilung der Punkte gerechnet», sagte er zur Situation in der Gruppe C.
Das Problem: Nagelsmann weiß erst am Dienstagabend, wer der Kontrahent sein wird. Das erschwert die Planung. Videos müssen geschnitten, Analysen gemacht werden. Schon am Mittwoch will Nagelsmann am für ihn wichtigsten Trainingstag seinen Spielern eine Taktik darlegen. «Die ganze Nacht» müssen seine Analysten also das Material vorbereiten.
Zu Beginn der Woche beginnt Nagelsmann eher im Slow-Down-Modus. Heute steht das gewohnte Spielersatztraining für die Reservisten an, am Dienstag haben alle frei. Das Verlassen des Home Grounds in Herzogenaurach bedeutet das jedoch nicht.








