Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Nonna Anna – Die älteste Cafébar-Besitzerin Italiens

Ein Leben voller Tradition und Arbeit: Nonna Anna, 100 Jahre alt, führt seit 1958 ihre Bar und kämpft gegen das Aussterben der Cafébars in Italien.

Italiens älteste Barista Anna Possi verkauft auch mit 100 noch Kaffee.
Foto: Christoph Sator/dpa

Die Oma ist auch schon wieder auf den Beinen. Wie jeden Morgen, Tag für Tag, die ganze Woche durch, und das seit mehr als 65 Jahren schon. Seit 1958 macht Anna Possi im italienischen Dörfchen Nebbiuno, malerisch gelegen oberhalb des Lago Maggiore, immer um sieben Uhr in der Früh ihre «Bar Centrale» auf. Schluss ist im Winter abends um sieben, im Sommer erst um neun. 365 Tage im Jahr.

Im November ist die Nonna Anna, die Oma Anna, wie sie hier jeder nennt, 100 geworden – die älteste Cafébar-Besitzerin in ganz Italien. So steht es auch draußen auf dem Schild rechts vom Eingang: «La barista più longeva d’Italia». Allerdings ist das, bei allem Stolz, inzwischen auch Teil des Problems: Italiens Cafébars, von denen viele in Familienbesitz sind, geht der Nachwuchs aus.

20.000 Betriebe weniger als vor zehn Jahren

Laut den neuesten Zahlen des nationalen Hotel- und Gaststättenverbands Fipe gibt es zwischen Südtirol und Sizilien noch 132.000 Betriebe. Vor zehn Jahren waren es 20.000 mehr. Die Gründe für den Rückgang sind fast überall die gleichen: lange Arbeitstage von zwölf bis vierzehn Stunden, niedrige Löhne, hohe Mieten und nun auch gestiegene Rohstoffpreise für Kaffee. Der Job als Barista sei für junge Leute, so der Verband, wenig attraktiv.

Die Cafébars sind ein fester Bestandteil des italienischen Alltags: am Morgen einen Caffè (in Deutschland als Espresso bekannt) oder einen Cappuccino, gerne auch mit Cornetto, mittags noch ein oder zwei kleine Tassen, abends dann der Aperitivo. Egal ob in der Großstadt oder im kleinen Dorf: Man trifft sich, unterhält sich über dies und das, spricht lieber über Fußball als über Politik.

Das ganze Jahr durch geöffnet – auch an Weihnachten

So ist das auch bei Nonna Anna, die in Nebbiuno natürlich eine Institution ist. Offiziell ist sie mit 60 in Rente gegangen: also 1984. «Aber warum sollte ich aufhören? Meine Bar ist für mich so viel mehr als Arbeit. Das ist mein Leben.» Selbst an Sonn- und Feiertagen steht sie an der Maschine. «Die Leute wollen Weihnachten ja auch ihren Kaffee trinken.» Den letzten Urlaub habe sie in den 1950ern gemacht, erzählt sie, acht Tage in Paris.

Anna Possi wurde ein paar Kilometer weiter geboren, in Vezzo, ebenfalls oberhalb des Sees. Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte und der Krieg vorbei war, arbeitete sie einige Jahre lang in einem Restaurant am Genfer See. Dort lernte sie ihren Mann René kennen, einen Schweizer. Zusammen kauften sie dann die Bar in der Dorfmitte von Nebbiuno. Aber jetzt ist René schon seit einem halben Jahrhundert tot: Herzinfarkt.

«Heute gucken alle nur noch ins Handy»

Manchmal unterstützt jetzt ihre Tochter Cristina, die schräg gegenüber im Rathaus arbeitet. Die 61-Jährige wohnt ebenfalls direkt über der Bar, in der Nebenwohnung. Der Sohn lebt 75 Kilometer weiter in Mailand, die beiden Enkelinnen sind auch schon außer Haus. So erledigt die alte Dame auch mit 100 Jahren von früh bis spät das meiste allein. Sogar das Holz für den kleinen Ofen hackt sie noch selbst.

Viel Geld verdient Nonna Anna nicht. Der Caffè kostet 1,20 Euro, der Cappuccino 1,50 Euro. Wenn keine Touristen kommen, hat sie an manchen Tagen abends nicht mehr als 40 Euro in der Kasse. An Rente bekommt sie 590 Euro. «Aber ich brauche nicht viel. Wichtig ist, dass ich unter Menschen bin. Dann geht es mir gut.» Wobei: «Früher haben die Leute hier gesessen, geredet und Karten gespielt. Heute gucken sie alle nur noch ins Handy.» Sie selbst holt, wenn nichts zu tun ist, das Strickzeug heraus.

Keine Brille – und eine halbe Tablette pro Tag

Und die Gesundheit? «Der Kopf macht noch mit und die Knochen auch», sagt Nonna Anna. Beim Arzt sei sie zuletzt vor zweieinhalb Jahren gewesen, behauptet sie. Tochter Cristina meint: Es waren eher fünf. Sie braucht keine Brille, ein Hörgerät eigentlich schon – aber das funktioniert angeblich nie. Und, was die Medikamente angeht: eine einzige Tablette pro Tag, gegen Bluthochdruck. «Aber ich nehme immer nur eine halbe. Man muss dem Doktor nicht alles glauben.»

Große Pläne hat Italiens älteste Barista keine mehr. «Früher wollte ich immer noch einmal nach Paris. Aber daraus wird wohl nichts», sagt sie. Und fügt verschmitzt hinzu: «Nicht schlimm: Die Franzosen können ohnehin keinen Kaffee.»

Tochter will nicht übernehmen

Darüber, was mit der «Bar Centrale» geschehen wird, macht sie sich keine Illusionen. «Wenn ich nicht mehr bin, ist auch meine Bar nicht mehr.» Zwischenzeitlich hatte sie die Hoffnung, dass die Tochter übernehmen könnte, aber die hat es sich anders überlegt. «Aber warum soll es mir besser gehen als anderen?» Nonna Anna zuckt mit den Schultern. Dann holt sie das Strickzeug wieder heraus.

dpa