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Alpenhütten und Wanderwege in Gefahr

Klimakrise bedroht alpine Infrastruktur. Sanierung benötigt 95 Millionen Euro. Wassermangel und Permafrost als Hauptprobleme.

Eine Berghütte bedeutet nicht nur schöne Einkehr, sondern auch sichere Zuflucht. (Archivbild)
Foto: Nicolas Armer/dpa

In den Alpen sind nach Darstellung von Experten viele Hütten und Wege nicht zuletzt als Folge der Klimakrise gefährdet. «272 Schutzhütten und 50 000 km Wanderwege befinden sich in einer akuten Notlage. Sie drohen buchstäblich wegzubröckeln», schreibt der Österreichische Alpenverein (ÖAV) in seiner Begründung für einen Notruf an die Regierung in Wien. 

Um Hütten und Wege zu sanieren, seien in den nächsten Jahren 95 Millionen Euro nötig. Die durch den Klimawandel häufigeren Starkregen, Steinschlag, Felsabbrüche und die Hangrutsche machten die Instandhaltung des Wegenetzes aufwendiger als früher. «Die Kosten dafür haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, die Zahlungen aus dem vereinsinternen Katastrophenfonds vervielfacht», so eine ÖAV-Sprecherin. 

Probleme im gesamten Alpenraum

Die Probleme seien nicht auf Österreich beschränkt, sondern glichen sich im gesamten Alpenraum, sagt der ÖAV-Experte Georg Unterberger. In Österreich müsse aktuell jedes Jahr eine knappe Handvoll Hütten schließen, deren Sanierung zu teuer sei. «Wenn jährlich drei oder vier Hütten aufgeben, klingt das wenig, ist aber ein Alarmsignal», sagt Unterberger. 

Die alpine Infrastruktur wird dadurch durchlässig und einige Weitwanderwege verlieren wichtige Anlaufpunkte. Generell stellt sich die Frage, warum alpine Vereine mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit, die Österreich zu einem der beliebtesten Urlaubsländer fürs Wandern gemacht hat, keine ausreichende öffentliche Unterstützung erhalten.

Permafrost taut auf 

Eines der Probleme ist, dass der Permafrost auftaut. Das Eis im Untergrund dient als Kitt. Taut es auf, wird das Gestein bröckelig und rutscht leichter ab, der Boden setzt sich. Bei Rund einem Drittel der 153 Hütten und Biwaks des Schweizer Alpenclub SAC könnten sich dadurch Schäden einstellen, sagt Ulrich Delang, Bereichsleiter Hütten beim Schweizer Alpenclub SAC. Bei der Rothornhütte bei Zermatt (Baujahr 1948) sorgte der Rückgang des Permafrostes für Risse in Wänden. «Wenn der Eisanteil im Boden sinkt, fließt Wasser ab und der Boden setzt sich», sagt Delang. «Dann kann das Gebäude an einer Ecke um 20 Zentimeter sinken, an der anderen um 5 Zentimeter.» 

Im Jahr 2022 musste die Mutthornhütte im Berner Oberland oberhalb von Kandersteg auf einer Höhe von rund 2.900 Metern nach 126 Jahren aufgrund der Gefahr von Felsstürzen geschlossen werden. Ein Ersatzbau ist für das Jahr 2025 einen Kilometer weiter östlich geplant. In Österreich erhielt die Seethalerhütte im Dachsteingebirge bereits vor einigen Jahren einen modernen Ersatzbau. Im Allgemeinen werden die Wege zur Hütte oft schwieriger oder manchmal unpassierbar, da Gletscher an der gewohnten Stelle nicht mehr passierbar sind. Gelegentlich werden neue Wege angelegt.

Wassermangel im Hochgebirge 

Eines der anderen Hauptprobleme der Hütten ist laut Unterberger den wenigsten Wanderern bewusst – der Wassermangel. «Es herrscht der Irrglaube, oben in den Bergen sei die Wasserversorgung kein Problem, aber das Gegenteil ist der Fall.» Mangels Quellen seien die Hütten auf Wasser von Schneefeldern oder Gletschern angewiesen. Beides gehe aber zurück. Und der Regen falle inzwischen meist bei Unwettern, denen dann lange Trockenperioden folgten. Da die Tropfen vom Sturm gegen die Fassaden gepeitscht würden, statt gemächlich auf die Dächer zu fallen, müsse man umdenken. «Es gibt erste Hütten, da fangen wir das Regenwasser mittels der Fassaden auf», sagt Unterberger, der auch Architekt ist.

Für die Gäste hat das Konsequenzen. Der Trend gehe zu massivem Wassersparen – also Waschlappen statt Dusche für Übernachtungsgäste und Plumps-Klo statt Wasserspülung. Schon jetzt koste eine Klospülung, wenn man die Auf- und Nachbereitung des Wassers mitberechne, mehr als zehn Euro, sagt der Experte. «Wir müssen wieder hin zur einfachen Hygiene.»

Hüttenstandorte stehen infrage 

«Aber man stellt sich öfter die Frage: Ist ein Hüttenstandort noch gerechtfertigt oder müssen wir ganz schließen? Vor zehn, 15 Jahren haben wir uns diese Frage nicht gestellt», sagt Delang. «Bei geplanten Bauvorhaben versuchen wir zu prognostizieren, welche Folgen die Klimaveränderung auf die bergsportliche Bedeutung des Gebiets in 20, 30 Jahren haben wird. Die Größe und Ausstattung der Hütte wird dem angepasst, auch ein Verzicht ist als Ultima Ratio eine Option.» Eine neue Hütte als Ersatz für eine bisherige kostet nach Angaben von Delang vier bis fünf Millionen Franken.

Viele Wanderer unterschätzen die Gefahr durch große Hitze

Wie wichtig Hütten sind, zeigt sich gerade auch im Sommer mit seinen rasch wechselnden Extrem-Wetterverhältnissen. Zum einen drohten sintflutartige Regenfälle mit Steinschlag und Murenabgängen, zum anderen sorge an Hitzetagen ab 30 Grad Dehydrierung immer wieder für Notfälle mit Wanderern, sagt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein (DAV). Nach mehreren kühlen Regentagen rechneten viele nicht mit plötzlicher Hitze. «Gerade der schnelle Wechsel von kühlem Regenwetter auf Hitze kann die Leute bei ihrer Einschätzung überfordern. Sie sehen nur: schönes Wetter – nichts wie raus.» 

Laut der Bergunfallstatistik des DAV, die alle zwei Jahre veröffentlicht wird, sind in der Sommersaison Herz-Kreislauf-Probleme, häufig in Verbindung mit Hitze, an zweiter Stelle. Die meisten Unfälle passieren regelmäßig durch Stürze beim Wandern – oft beim Abstieg, wenn die Wanderer erschöpft sind. Zusätzlich ist das Risiko zu stolpern dann größer.

Trotzdem war der Sommer bisher nicht so extrem wie im Vorjahr mit verschiedenen Wärmerekorden. Es gibt beim DAV die Befürchtung, dass erneut Hütten aufgrund von Wassermangel schließen müssen – wie im letzten Jahr die Neue Prager Hütte im Nationalpark Hohe Tauern in Österreich.

dpa