Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Staatsanwalt ermittelt nach Jacht-Untergang wegen Tötung

Die Toten an Bord der Luxusjacht «Bayesian» sind alle geborgen. Jetzt geht es um die Frage, warum die Segeljacht so schnell sank und so viele Passagiere starben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Staatsanwalt Raffaele Cammarano sagte auf einer Pressekonferenz in Palermo: «Es war ein plötzliches, abruptes Ereignis.»
Foto: Jonathan Brady/PA Wire/dpa

Nach dem Untergang der Luxusjacht «Bayesian» vor Sizilien hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung eingeleitet. Damit soll geklärt werden, ob das Segelschiff möglicherweise sank, weil die Gefahr eines aufziehenden Sturms unterschätzt wurde. Bislang richten sich die Ermittlungen aber nicht konkret gegen den Kapitän oder andere Mitglieder der Crew. 

Bei dem Vorfall am Montag starben in der Nähe der italienischen Mittelmeerinsel sieben Menschen, darunter der britische Milliardär Mike Lynch. 15 Personen wurden gerettet, darunter fast die gesamte Besatzung. Der wohlhabende Software-Unternehmer Lynch plante auf der Segeltour mit Familie, Freunden und Geschäftspartnern einen Freispruch vor Gericht zu feiern.

Ermittler: Jacht von Fallböe getroffen

Nach Erkenntnissen der Ermittler wurde die «Bayesian» frühmorgens in einem Sturm mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde von einer Fallböe getroffen, was dann zum Untergang binnen weniger Minuten führte. Staatsanwalt Raffaele Cammarano sagte auf einer Pressekonferenz in Palermo: «Es war ein plötzliches, abruptes Ereignis.» Allerdings hatten andere Kapitäne in der Region ihre Boote zuvor in Sicherheit gebracht.

Fallböen entstehen nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes, wenn kalte Luft in einem Gewitter nach unten fällt, auf den Boden trifft und sich dort in linearer Richtung ausbreitet. Aus nächster Nähe sehen sie oft wie eine «weiße Wand» aus, die sich rasend schnell bewegt. Häufig richten sie sogar mehr Schäden an als Tornados.

Bergung könnte sich noch Wochen hinziehen

Die Ermittler hoffen auf Erkenntnisse aus der sogenannten Blackbox der 56 Meter langen Luxusjacht, die bisher jedoch noch nicht gefunden wurde. Die Staatsanwaltschaft plant, die Bergung des Schiffs abzuwarten, bevor sie die Ermittlungen ausweitet, was möglicherweise mehrere Wochen dauern könnte. Die 500-Tonnen-Jacht – eines der größten Segelschiffe der Welt – ruht einen Kilometer vor dem kleinen Hafen Porticello in einer Tiefe von 50 Metern auf dem Meeresboden.

Die Staatsanwaltschaft schloss aber auch nicht aus, dass zuvor schon einige Beteiligte namentlich in ein Register der Verdächtigen eingetragen werden. Dies würde ihnen nach italienischem Recht Zugang zu den Akten erlauben. Staatsanwalt Ambrogio Cartosio sagte: «Man darf nichts überstürzen. Man muss verstehen, wem ein Verbrechen zuzuschreiben ist. Das kann sowohl den Kapitän und die Besatzung als auch den Hersteller betreffen.»

Schwester verabschiedet sich mit rührenden Worten

Insbesondere wird auch untersucht, warum alle Crewmitglieder außer dem Schiffskoch überlebten – von den zwölf Passagieren jedoch nur die Hälfte. Es wird vermutet, dass die Todesopfer in ihren Kabinen im Schlaf überrascht wurden und sich nicht mehr befreien konnten. Es wird auch von einer Party am Vorabend gesprochen. Laut den Ermittlern wurden bei den Überlebenden keine Alkoholtests durchgeführt.

Mit rührenden Worten verabschiedete sich unterdessen Lynchs Tochter Esme von ihrer jüngeren Schwester Hannah (18). «Sie ist mein kleiner Engel, meine Heldin», heißt es in einer Mitteilung der Familie. «Hannah platzte oft in mein Schlafzimmer und legte sich zu mir. Manchmal strahlte sie, manchmal war sie frech, manchmal fragte sie um Rat. Egal, was passierte, sie brachte mir grenzenlose Liebe.» Esme war nicht an Bord. Die Mutter überlebte das Unglück.

Lynch war einer der reichsten Briten, nachdem er seine Software-Firma an Hewlett Packard verkauft hatte und Milliarden verdient hatte. Obwohl die Übernahme sich als Misserfolg herausstellte und zu langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen führte, wurde Lynch kürzlich von einem Gericht freigesprochen.

dpa