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Stiftung Lesen: Knapp jedem fünften Kind wird nie vorgelesen

Am 15. November ist bundesweiter Vorlesetag. Eine Studie zeigt, dass viele Eltern kaum oder gar nicht zum Kinderbuch greifen. Das hat Folgen für die Kinder. Andere Ergebnisse aber machen Hoffnung.

Bundesweit knapp ein Fünftel der ein- bis achtjährigen Kinder kennen das gemeinsame Schmökern mit den Eltern nicht. (Archivbild)
Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Kleinen Kindern wird wieder etwas mehr vorgelesen – und doch ist das Gesamtergebnis einer Studie der Stiftung Lesen alarmierend: Bundesweit schmökert rund ein Drittel der Eltern nie oder nur selten gemeinsam mit ihren ein- bis achtjährigen Kindern. 18 Prozent gaben an, ihren Kindern nie etwas vorzulesen.

«Vorlesen ist aber nicht nur ’nice to have‘, sondern wichtig für die Entwicklung der Kinder», erklärte Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen, anlässlich der Präsentation des Vorlesemonitors in Mainz. «Wenn Kindern regelmäßig vorgelesen wird, haben sie bessere Bildungschancen.»

Immerhin: Trend aus der Corona-Zeit gestoppt

Für die repräsentative Studie wurden zwischen Mitte Mai und Mitte Juni insgesamt 815 Eltern von Kindern im Alter von eins bis acht Jahren zu ihrem Vorleseverhalten befragt. Laut Ehmig sind hauptsächlich die jüngsten Kinder und diejenigen, die gerade in die Schule kommen, betroffen, weil zu Hause kaum vorgelesen wird. Es sei jedoch wichtig, nicht nur in der frühen Phase, sondern auch in der zweiten Phase die Grundlagen für den Schulstart zu legen und die Lesemotivation im Grundschulalter zu erhalten und zu fördern.

Insgesamt greifen Eltern wieder häufiger zum Kinderbuch als noch während der Corona-Pandemie, als das Niveau zurückging. So lesen 2024 den Angaben zufolge 67,7 Prozent der Eltern ihren Kindern mindestens «mehrmals pro Woche» vor, 2022 etwa waren es nur 61,3 Prozent.

Eltern mit niedriger Bildung lesen weniger vor

Vor allem Eltern mit formal niedriger Bildung lesen weniger vor als der Durchschnitt aller Eltern, wie aus der Studie hervorgeht, die die Stiftung Lesen zusammen mit der Deutschen Bahn Stiftung und der Wochenzeitung «Die Zeit» in Auftrag gegeben hatte. Bei mehr als einem Drittel (34 Prozent) sei das seltener als einmal pro Woche. Das zeige sich sowohl bei Familien mit als auch Familien ohne Migrationshintergrund, berichtete die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung. 

Laut der Umfrage gaben 29 Prozent der befragten Eltern an, höchstens zehn Kinderbücher zu Hause zu haben. Eltern, die nicht vorlesen, haben Schwierigkeiten einzuschätzen, ob ihr Kind Probleme beim Lesenlernen hat oder nicht, wie sie in der Befragung angaben.

Positive Vorleseerfahrungen werden weitergegeben

Laut Ehmig lesen 74 Prozent der Eltern, denen früher vorgelesen wurde, ihren eigenen Kindern unabhängig vom Bildungshintergrund mindestens mehrmals pro Woche vor. Dies deutet darauf hin, dass positive Vorleseerfahrungen wahrscheinlich an die nächste Generation weitergegeben werden.

Die Stiftung Lesen empfiehlt, das Vorlesen nicht nur mit Kinderbüchern zu verbinden, sondern auch Möglichkeiten zu nutzen, die Smartphones und Tablets dafür bieten. Gedruckte Bücher und digitale Medien dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, betonte die Expertin. Kinder sollten vielmehr entdecken können, dass digitale Medien nicht nur für Spiele und Videos da seien, sondern es dort ganz viele tolle Texte und Geschichten gebe. Nach dem Ergebnis der Studie haben 43 Prozent der Eltern auf ihrem Smartphone oder Tablet bereits Apps für Kinder genutzt, davon 26 Prozent zum Vorlesen. «Da liegt ein großes Potenzial.»

Gründe für Vorleseverhalten der Eltern

In der Studie nannten die Eltern als Gründe, die dem Vorlesen im Wege stehen, neben Stress und Zeitmangel im Alltag auch die Tatsache, dass ihre Kinder nicht vorgelesen werden möchten, zu unruhig sind oder lieber mit anderen Dingen beschäftigt sind. Das Vorlesen hat nicht nur eine positive Wirkung auf die Bindung zwischen Eltern und Kindern, sondern fördert auch wichtige Fähigkeiten für die Zukunft, so Ehmig. Kinder, die frühzeitig positive Vorleseerfahrungen sammeln, werden es beim eigenen Lesenlernen und generell in allen Schulfächern einfacher haben.

«Wir müssen die Eltern darin unterstützen, dass Vorlesen ihnen Spaß macht und nicht nur eine Zusatzaufgabe im ohnehin stressigen Alltag ist», sagte die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Zum Vorlesen müsse es auch keinen perfekten Rahmen geben. «Einfach trauen und ausprobieren.»

dpa