Die Geschichte von Jesus Christus mit deutschen Popsongs und Promis neu erzählt – trotz Regen beeindruckende Inszenierung vor 8000 Zuschauern.
RTL inszeniert Bibel-Musical «Die Passion» in Kassel

Der Gottessohn spendiert Pizza Frutti di Mare und Kassel gilt als «neues Jerusalem»: RTL hat mit seinem zweiten Bibel-Musical «Die Passion» die Geschichte von Jesus Christus erneut auf außergewöhnliche Weise nacherzählt. Die Show, die das Leiden des Erlösers mit deutschen Popsongs verwebt, wurde am Abend in Kassel inszeniert und live im Fernsehen übertragen. Leider war der Himmel den Darstellern und Zuschauern nicht wohlgesonnen – es regnete in Nordhessen.
Jesus wurde von Sänger und Moderator Ben Blümel (42) gespielt, Schauspieler Jimi Blue Ochsenknecht (32) schlüpfte in die Rolle des Verräters Judas. Sängerin Nadja Benaissa (41) von der Popband No Angels sang sich als Mutter Maria durch etliche Lieder, während Schauspieler Francis Fulton-Smith (57) einen diabolischen römischen Statthalter Pontius Pilatus mit Schlips und Einstecktuch gab. Als Petrus – der Jünger, auf dem Jesus seine «Kirche bauen» will – war «Gute Zeiten, schlechte Zeiten»-Darsteller Timur Ülker zu sehen.
Hannes Jaenicke führt durch die Bibel
Der Schauspieler Hannes Jaenicke (64) hatte den größten Redepart und führte als Erzähler durch den biblischen Stoff, während er unerschütterlich dem Regen trotzte («Ich bin ja nicht aus Zucker»). Jaenicke, der auch als engagierter Umweltschützer bekannt ist, hat in seiner Karriere bereits auf das Leid von Nashörnern und Orang-Utans hingewiesen. An diesem Abend versuchte er zu erklären, warum das Leid von Jesus noch relevant sein könnte. «Unsere Geschichte heute ist kein Märchen. Sie ist so oder so ähnlich wirklich geschehen», sagte Jaenicke. Und sie habe das Potenzial, Menschen «wieder zueinanderzubringen».
RTL inszenierte «Die Passion» erstmals 2022, damals in Essen. Die Zuschauerquote war beachtlich. Die eigenwillige Mischung aus einer betont modernen Interpretation der Jesus-Story, ein wenig Theologie und allerhand RTL-Promis in Nebenrollen faszinierte und bot reichlich Gesprächsstoff. In den Niederlanden läuft das Format bereits seit mehreren Jahren.
Letztes Abendmahl: Ciabatta und Pizza
Nun also die zweite deutsche Aufführung, in der der uralte Stoff mit Bildern aus einer deutschen Stadt im Hier und Jetzt illustriert wurde. Jesus etwa kam grundsolide mit der Deutschen Bahn in Kassel an – «pünktlich», wie Jaenicke betonte, was zum größten Lacher des Abends im Publikum führte. Einige Jünger brausten derweil auf E-Scootern heran. Für das letzte Abendmahl orderte der Heiland dann italienische Kost – fünf Ciabatta-Brote und zwei Pizzen. Belag: Frutti di Mare. Als stummer Zeuge verfolgte wie schon 2022 Ex-Fußballmanager Reiner Calmund in einer Gast-Rolle die Bestellung des Erlösers. Reality-TV-Veteranin Jenny Elvers spielte eine blinde Frau, die von Jesus das Augenlicht zurückbekam. Lange Gewänder, Staub und Sandalen wie in Bibel-Filmen suchte man vergebens.
Manch einer war durchaus noch überrascht. «Ich bin etwas irritiert», sagte etwa Zuschauerin Mareike aus Kassel. Ihr sei nicht klar gewesen, dass die Inszenierung so modern sei. Abgesehen vom Wetter habe es ihr aber gut gefallen. 8000 Menschen konnten die Show an der Hauptbühne am zentralen Friedrichsplatz verfolgen.
«Kassel soll unser neues Jerusalem sein»
Erzähler Jaenicke zeichnete Kassel – eine medial eher selten bespielte Stadt mit mancherorts rauem Charme mittig in Deutschland – dabei als nahezu perfekten Ort für das Bibel-Drama. Der «Bevölkerungsmittelpunkt» der Bundesrepublik sei ganz in der Nähe, sagte er. «Wenn wir also alle ein großes Treffen veranstalten würden, wäre Kassel der Ort dafür.» Leider sei man momentan im Land jedoch weit weg von einem Familientreffen.
«Die Gesellschaft driftet mit beängstigender Geschwindigkeit auseinander. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und die Klimakrise bedrohen unsere Gesellschaft», sagte Jaenicke. Und er ergänzte die ikonischen Sätze: «Unser Bevölkerungsmittelpunkt heute ist RTL. Und Kassel soll unser neues Jerusalem sein.» Bei Anblick der Fernsehbilder, auf denen viele Menschen in Regenponchos zu sehen waren, fiel es manchmal schwer, diese gedankliche Reise nach Jerusalem mitzugehen.
Gott rettet Ehe nach Seitensprung
Parallel zur Jesus-Erzählung auf der Bühne zog eine Prozession mit einem schweren leuchtenden Kreuz durch die Stadt. RTL-Moderatorin Angela Finger-Erben («Die Atmosphäre ist hier wirklich atemberaubend») interviewte dort Menschen zu ihren Geschichten mit Gott. Dabei war mitunter Erstaunliches zu hören. Etwa die Geschichte einer Familie, die für die «Passion» extra von Flensburg nach Kassel gereist war. Der Ehemann, der das Kreuz mitschleppte, berichtete dem TV-Publikum dabei von einem Seitensprung, der die Ehe einst habe zerbrechen lassen. Gerettet wurde sie demnach aber mit der Hilfe Gottes. «Ich habe viel gebetet», berichtete seine Ehefrau. «Er hat mir Mut gemacht, dass ich vergeben konnte.»
Am Schluss stand der Sänger Ben Blümel auf einer mehrstöckigen Einkaufsstraße in Kassel – strahlend, in einem weißen Hemd und als wiederauferstandener Jesus. Egal ob Nordhessen oder Jerusalem – Hauptsache war: Ostern konnte kommen.








