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Warum sich die Bahn bei Extremwetter so schwertut

Ob Hitze, Stürme oder Schnee wie am Wochenende: Bei Extremwetterlagen können sich Fahrgäste auf die Bahn oft nicht verlassen. Das hat Fachleuten zufolge auch politische Gründe.

Die Bahn gerät bei Extremwetterlagen immer wieder in Bedrängnis. (Archivbild)
Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Der derzeitige Winter zeigte im Norden Deutschlands am vergangenen Wochenende mit Sturm «Elli» erstmals was in ihm steckt – und stürzte damit weite Teile des Landes in ein Verkehrschaos. Insbesondere auf der Schiene geriet der Verkehr aus den Fugen. Fahrgäste mussten Verspätungen und Zugausfälle hinnehmen. Die Bahn stellte den Fernverkehr in der betroffenen Region zeitweise sogar komplett ein. Am Hamburger Hauptbahnhof strandeten Tausende Reisende. 

Bahn sieht sich gut aufgestellt

Viele stellen sich deshalb derzeit wieder die Frage: Warum gerät die Bahn auch bei erwartbaren Extremwetterlagen wie Schnee im Winter immer wieder in Bedrängnis? Zumal das Unternehmen selbst behauptet, technisch ausreichend für solche Situationen gerüstet zu sein. Immerhin 7.800 der 9.230 Weichen in der Region seien beheizt, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Bundesweit sind es einem Bericht des «Spiegel» zufolge 49.000 von 65.000, also gut drei Viertel der Anlagen. 

Auch die Räumtechnik habe funktioniert und reiche aus, betonte die Bahn. «Mit Spurloks wurde auch nachts gefahren, um die Strecken freizubekommen und dass die Oberleitung nicht vereist.» 

Niedersachsen und Schleswig-Holstein seien aufgrund ihrer flachen Landschaft per se stärker von solchen Extremwetterlagen betroffen, teilte die Bahn mit. Beheizte Weichen könnten nicht alle Probleme lösen, da sie beispielsweise nicht funktionierten, wenn Schnee und Eisbrocken von Zügen die Weichen blockierten.

Dann müssten sie von Hand geräumt werden. «Das haben jeden Tag Hunderte Kollegen erledigt; zum Teil mehrmals täglich nach erneuten Verwehungen und Vereisungen», betonte der Konzern.

Fachleute haben Zweifel

Es scheint jedoch, dass all dies nicht ausreichte, um den Fernverkehr grundsätzlich aufrechtzuerhalten. Experten zweifeln daher erheblich daran, dass die Bahn ausreichend für solche Wetterbedingungen gerüstet ist.

Im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten habe sie etwa deutlich weniger Räumfahrzeuge und auch nicht genügend Personal für die Räumung von festgefrorenen Weichen, kritisierte der Fahrgastverband Pro Bahn im «Spiegel». Insbesondere vor Ort habe es früher bei der Bundesbahn mehr Beschäftigte für solche Aufgaben gegeben, teilte Pro-Bahn-Ehrenvorsitzender Karl-Peter Naumann auf Anfrage mit. 

Strategie des Ministeriums setzt falschen Fokus

Dirk Flege, Geschäftsführer des Interessenverbands Allianz pro Schiene, erklärt, dass die Bahn aus politischen Gründen in solchen Wetterlagen den gesamten Fernverkehr einstellt, anstatt regional kurzfristig zu entscheiden, was möglich ist und was nicht. In der aktuellen Bahnstrategie von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) gebe es keinen Verweis auf Unwetter, sondern die Pünktlichkeit sei das zentrale Qualitätskriterium, an dem die Bahn in den nächsten Jahren gemessen werde.

„Das ist der falsche Anreiz aus Fleges Sicht. Zugausfälle werden nicht in die betriebliche Pünktlichkeitsstatistik der Bahn aufgenommen, auf die sich die Regierungsziele beziehen“, sagt er. Seiner Meinung nach lässt die Bahn lieber Züge ausfallen, als dass sie mit erheblicher Verspätung im Netz unterwegs sind.

Minister fordert Aufarbeitung

Die Vorgabe des Ministers, dass der Konzern ein positives Betriebsergebnis erzielen muss, stört ihn an der Bahnstrategie. Mit diesem Spardruck hält kein Unternehmen einen ausreichend großen Fuhrpark bereit, um für seltene Extremereignisse umfassend gewappnet zu sein. Dieser Zwang zur Profitabilität besteht jedoch bereits seit der Bahnreform im Jahr 1994.

Der Minister selbst hatte am Wochenende in der «Rheinischen Post» die Bahn kritisiert, es habe im Rahmen von Wintersturm «Elli» zu viele Zugausfälle und Verspätungen gegeben. «Hier wird die Bahn sicherlich analysieren, wo es besonders gut Hand in Hand lief, und da, wo es etwas zu verbessern gibt, Abläufe weiter optimieren», sagte Schnieder. Gleichzeitig warb er für Verständnis, dass in solchen Extremlagen kein planbarer Normalbetrieb möglich sei. 

In anderen Ländern klappt es besser

Andere Länder wie skandinavische Länder, Österreich und die Schweiz haben gezeigt, dass es möglich ist, dass es hin und wieder schneit, aber es gibt selten Verkehrschaos auf der Schiene. Diese Länder haben einen besser ausgestatteten Maschinenpark und genügend Reservezüge, um den Verkehr aufrechtzuerhalten, betont Flege.

Die Bahn allerdings betont, die Situation in Deutschland sei mit diesen Ländern nicht vergleichbar. 3.000 Kilometer Schienennetz seien in diesen Tagen in Norddeutschland betroffen gewesen. Das entspreche dem Gesamtnetz in Österreich. «Wenn es dort ein Winterproblem gibt, dann auf 100 Kilometern, die man freifräst und anschließend wieder befahren kann.»

dpa