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«White Tiger»-Prozess startet ohne Öffentlichkeit

Er soll Kinder und Jugendliche im Internet dazu gebracht haben, sich selbst zu verletzen – bis hin zum Suizid. Der 21-Jährige nannte sich «White Tiger» und steht nun in Hamburg vor Gericht.

Bis Dezember sind in dem nicht öffentlichen Verfahren vor der Jugendkammer 82 Verhandlungstermine anberaumt. (Symbolbild)
Foto: Philip Dulian/dpa

Der unter seinem Foren-Namen bekanntgewordene mutmaßliche Pädokriminelle «White Tiger» steht ab Freitag (9.1.) in Hamburg vor Gericht. Da der heute 21-Jährige die mehr als 200 angeklagten Straftaten, darunter einen vollendeten und fünf versuchte Morde, selbst noch als Jugendlicher oder Heranwachsender begangen haben soll, findet die Verhandlung vor einer Jugendkammer der Großen Strafkammer des Landgerichts statt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Laut Gericht sind insgesamt 82 Verhandlungstermine bis Dezember für den Prozess angesetzt. Neben der Entführung der Block-Kinder ist dies das zweite bedeutende Strafverfahren in Hamburg, das aufgrund seiner internationalen Bedeutung voraussichtlich über die Stadtgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen wird.

Täter soll Opfer zum Suizid überredet haben

Dem Angeklagten werden insgesamt 204 Straftaten vorgeworfen, die er laut Gericht zwischen Januar 2021 und September 2023 zum Nachteil von über dreißig Kindern und Jugendlichen begangen haben soll. Der Deutsch-Iraner wurde im Sommer in Hamburg in der elterlichen Wohnung festgenommen.

Er soll die Morde in mittelbarer Täterschaft begangen haben. Das bedeutet, er soll seine Opfer dazu gebracht haben, sich selbst zu töten. Laut Anklage ist ihm das auch bei einem 13-jährigen Jungen aus den USA gelungen. Eine 14-jährige Kanadierin habe versucht, sich umzubringen.

«White Tiger» soll Gruppe von Cyberkriminellen geführt haben

«White Tiger» soll der Kopf einer Gruppe von Cyberkriminellen gewesen sein, die aus sexueller Motivation heraus Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren im Internet zu Gewalt gegen sich selbst gezwungen haben. Dabei soll er besonders verletzliche Kinder in sozialen Medien emotional von sich abhängig gemacht haben, um die von ihm initiierte starke Verbundenheit unter anderem für die Erstellung kinder- und jugendpornografischer Aufnahmen auszunutzen.

Laut den Ermittlern stammen die Opfer aus Deutschland, England, Kanada und den USA. Eine junge Finnin wurde als Nebenklägerin vor Gericht geladen. Zwei der deutschen Opfer stammen aus Hamburg, eines aus Niedersachsen.

Opfer sollten sich selbst in Livechats verletzen

Um Forderungen des Beschuldigten nach immer heftiger werdenden Inhalten nachzukommen, verletzten sich die Kinder laut Anklage in Livechats unter den Augen von Zuschauern selbst erheblich oder übten sexuelle Handlungen an sich aus. Hiervon soll «White Tiger» Aufzeichnungen gefertigt haben, um den Kindern anschließend mit deren Veröffentlichung zu drohen, sollten diese sich nicht noch gravierendere Selbstverletzungen vor laufender Kamera zufügen.

Die Hamburger Polizei hat bereits im Jahr 2021 gegen den heute 21-Jährigen ermittelt. Laut früheren Angaben der Staatsanwaltschaft ging es damals um den Verdacht des Besitzes jugendpornografischer Aufnahmen. Die Ermittlungen wurden jedoch nach einer Vernehmung des Verdächtigen wegen Geringfügigkeit eingestellt.

US-Ermittler werfen deutschen Kollegen späte Festnahme vor

Die US-Bundespolizei FBI hatte 2023 ihre Ermittlungsergebnisse zu «White Tiger» mit den deutschen Behörden geteilt. Ein ehemaliger FBI-Ermittler sagte dem «Spiegel», er habe das Landeskriminalamt bei einem Treffen in Hamburg im Februar 2023 über die Identität des Beschuldigten informiert. Zugleich warf er den deutschen Behörden vor, es versäumt zu haben, den damals 17 Jahre alten Verdächtigen zeitnah aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigte das geschilderte Treffen in Hamburg. Direkt nach dem Treffen sei ein Ermittlungsverfahren gegen «White Tiger» bei der Polizei eingeleitet worden – zunächst aber nur wegen des Vorwurfs des Umgangs mit kinderpornographischen Inhalten.

Laut den vom FBI übergebenen Unterlagen ergab sich zunächst kein Tatverdacht des Mordes oder versuchten Mordes, der für verdeckte Ermittlungen erforderlich wäre.

Der 21-Jährige, der laut Staatsanwaltschaft die deutsche und iranische Staatsbürgerschaft besitzt, befindet sich seit Mitte Juni in Untersuchungshaft in der Jugendvollzugsanstalt Hahnöfersand.

dpa