Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Krank zur Arbeit? Streit um Krankenstand

Gehen Beschäftigte in Deutschland oft krank zur Arbeit oder macht der eine oder andere einfach mal blau? Der Allianz-Chef stößt mit einem brisanten Vorschlag zu den Fehltagen auf Widerspruch.

Allianz-Chef Oliver Bäte sieht den Krankenstand in Deutschland als Problem. (Archivbild)
Foto: Thomas Banneyer/dpa

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnt vor einer zunehmenden Tendenz bei Beschäftigten in Deutschland, trotz Krankheit zu arbeiten. «“Präsentismus“, also krank bei der Arbeit zu erscheinen, ist branchenübergreifend weit verbreitet», sagte Anja Piel von der DGB-Führung am Montag in Berlin. Piel reagierte damit auf einen Vorstoß von Allianz-Chef Oliver Bäte. Bäte empfiehlt, die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag zu streichen.

Piel hielt dem entgegen, die Entgeltfortzahlung bei Krankheit sei ein hohes Gut angesichts des Umstands, dass immer mehr Menschen trotz Krankheit arbeiteten. Das DGB-Vorstandsmitglied sagte: «Niemand braucht aktuell Vorschläge, die noch mehr Beschäftigte dazu bringen, krank zu arbeiten.»

Streit um Karenztag

Bäte hatte vorgeschlagen, den Karenztag wieder einzuführen. «Damit würden die Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen», sagte der Vorstandschef dem «Handelsblatt». Die Arbeitgeber würden so entlastet. In der Bundesrepublik gilt – anders als in einigen anderen Ländern – seit Jahrzehnten die Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag. 

Der Vorstandsvorsitzende der Allianz betrachtet den hohen Krankenstand in Deutschland als Kostenproblem. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2023 im Durchschnitt 15,1 Arbeitstage krankgeschrieben. Die Krankenkasse DAK-Gesundheit gibt sogar an, dass im Jahr 2023 weit über die Hälfte der DAK-Versicherten von Januar bis Dezember mindestens eine Krankschreibung hatte. Im gesamten Jahr lag der Durchschnitt bei 20 Fehltagen pro Person, so die DAK.

DGB warnt vor «Präsentismus»

Piel behauptete hingegen, dass das Bild bezüglich Krankschreibungen keinen Handlungsbedarf zeige. Die Gewerkschafterin verwies auf Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die weder einen dramatischen Anstieg der Fehlzeiten in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten noch im Zeitverlauf zeigten.

«Schon vor Corona gaben etwa 70 Prozent der Beschäftigten an, mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit erschienen zu sein und im Durchschnitt fast neun Arbeitstage pro Jahr trotz Erkrankung gearbeitet zu haben», sagte Piel unter Berufung auf eine repräsentative Umfrage. Präsentismus schade der eigenen Gesundheit und könne auch zur Ansteckung von Kolleginnen und Kollegen oder Unfällen führen – mit hohen Folgekosten.

Die IG Metall bezeichnete es als unverschämt und fatal, den Beschäftigten Krankmacherei zu unterstellen. «Wer Karenztage aus der Mottenkiste holt, greift die soziale Sicherheit an und fördert verschleppte Krankheiten», sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. «Die deutsche Wirtschaft gesundet nicht mit kranken Beschäftigten, sondern im Gegenteil mit besseren Arbeitsbedingungen.»

Unionspolitiker offen für «neue Ideen»

Der Unions-Fraktionsvize Sepp Müller (CDU) zeigt sich offen für die Idee, dass Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag keinen Lohn erhalten. «Unsere Sozialsysteme werden immer weiter beansprucht», sagte Müller dem Nachrichtenportal «Politico». «Aus diesem Grund sollten wir uns meiner Meinung nach nicht vor neuen Ideen verschließen und diese diskutieren. Auch wenn das Thema der Karenztage sich nicht in unserem Wahlprogramm findet, könnte dies ein altbewährter Ansatz sein.» 

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge (CDU), sagte dem Portal hingegen: «Nur die allerwenigsten Menschen melden sich aus Spaß krank.» Sorge forderte einen «Krankenstands-Gipfel», um mit den beteiligten Akteuren über die Lage zu beraten.

dpa