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Apotheken vor digitaler Herausforderung: Notwendige Schritte zur Modernisierung

Die Zahl der stationären Apotheken in Deutschland sinkt kontinuierlich, während der Druck durch Online-Anbieter steigt. Der Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Möglichkeiten, mit denen Apotheker um ihre Existenz kämpfen.

Online-Konkurrenz: Stationäre Apotheken müssen aufrüsten
KI-generiert

Das Netzwerk der wohnortnahen Apotheken in Deutschland wird immer dünner, während der Druck durch Online-Konkurrenz gleichzeitig zunimmt. Welche Maßnahmen stationäre Apotheken ergreifen können, um in diesem herausfordernden Umfeld zu bestehen.

Jörg Schulze, der früher die Blumenapotheke in Schönenberg-Kübelberg (Rheinland-Pfalz) leitete, ist erleichtert, dass er nun nur noch gelegentlich aushilft. Nach 33 Jahren hat er die Verantwortung an einen jüngeren Nachfolger übergeben. Die Gründe für seine Entscheidung sind vielfältig: Lange Arbeitstage, hoher Stress und gesundheitliche Probleme haben ihn dazu bewogen, die Apotheke abzugeben. Besonders frustriert ist er über die Gesundheitspolitik der letzten Jahre, die er als „Willkür der Politik“ und „überbordende Bürokratie“ bezeichnet.

Die Auswirkungen des Gesundheits-Sparpakets sind für gesetzlich Versicherte spürbar. Ein Überblick über die Situation.

Apothekenvermittlung als Lösung

Ähnlich wie Schulze haben viele Apotheker Schwierigkeiten, ihre Geschäfte aufrechtzuerhalten. Laut der Apothekenvermittlung s.s.p. aus Fürth (Bayern) möchten etwa ein Drittel der Kunden aufgrund von Unzufriedenheit mit der Politik verkaufen. Jährlich werden rund 100 bis 120 Apotheken in die Vermittlung aufgenommen. Die Berater bewerten den Marktwert, prüfen die Wirtschaftlichkeit und bringen Verkäufer und Käufer zusammen, ähnlich wie Immobilienmakler.

Der gesamte Vermittlungsprozess dauert maximal anderthalb Jahre. Die Lage der Apotheke spielt eine entscheidende Rolle, da die meisten Käufer nicht an ländlichen Standorten interessiert sind, selbst wenn die Apotheke wirtschaftlich gut dasteht.

Rückgang der Apothekenzahlen

Das Apothekensterben in Deutschland hält an. Im Jahr 2015 gab es noch 20.249 Apotheken, während es zehn Jahre später nur noch 16.601 waren. Dies stellt einen Tiefpunkt dar, denn seit fast 50 Jahren waren die Zahlen nicht mehr so niedrig. 1977 gab es zuletzt weniger Apotheken, insgesamt 16.374 in West- und Ostdeutschland.

Die ABDA, die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, bezeichnet diese Entwicklung als dramatisch. Sie warnt, dass die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung mit jeder Schließung einer Apotheke geschwächt wird. Doch was bedeutet die sinkende Anzahl an Apotheken für die Erreichbarkeit?

Erreichbarkeit von Apotheken

Das Thünen-Institut, das die Bundesregierung berät, hat untersucht, wie viele Menschen innerhalb von 15 Minuten eine Apotheke erreichen können, und unterscheidet dabei zwischen Stadt- und Landbevölkerung. In städtischen Gebieten erreichen 100 Prozent der Menschen mit dem Auto innerhalb von 15 Minuten eine Apotheke, 98 Prozent mit dem Fahrrad und 85 Prozent zu Fuß.

Im ländlichen Raum sieht die Situation anders aus: Hier erreichen 99 Prozent der Menschen mit dem Auto innerhalb von 15 Minuten die nächste Apotheke, 77 Prozent können auch mit dem Fahrrad fahren, und 53 Prozent erreichen die Apotheke zu Fuß.

Die Zahlen haben sich in den letzten zehn Jahren nicht wesentlich verschlechtert. Branchenexperten sprechen von einer Marktkonsolidierung im Gesundheitssektor, die auch Krankenhäuser, Ärzte und Apotheken betrifft. Aktuell sind keine Versorgungsengpässe oder -lücken zu erwarten.

Politischer Druck auf Apotheken

In der Gesundheitspolitik werden derzeit zahlreiche Reformen angestoßen. Dies ist notwendig, da den Krankenkassen die finanziellen Mittel fehlen. Die Maßnahmen betreffen alle Beteiligten: Versicherte, Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken. Letztere klagen seit Jahren über chronische Unterfinanzierung und hatten auf das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz gehofft, das kürzlich verabschiedet wurde.

Seit 2013 beträgt das Fix-Honorar der Apotheken für jede abgegebene Packung eines verschreibungspflichtigen Medikaments 8,35 Euro. Der aktuelle Koalitionsvertrag versprach eine Anpassung auf 9,50 Euro, doch die Bundesregierung hat diese aufgrund der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen vorerst zurückgestellt.

Wettbewerb durch Online-Apotheken

Die stationären Apotheken spüren zunehmend den Druck durch Online-Anbieter. Unternehmen wie Shop Apotheke, Doc Morris und Apo.com werben mit Rabatten, Aktionscodes und Preisgarantien. Seit letztem Jahr ist auch der Drogeriemarkt dm in das Apothekengeschäft eingestiegen, und in diesem Jahr wird Rossmann folgen. Diese Online-Apotheken haben ihren Sitz im Ausland und können Rabatte anbieten, während für deutsche Apotheker eine Preisbindung gilt.

Gesundheitsökonom David Matusiewicz von der FOM Hochschule in Essen betont, dass stationäre Apotheken ohne innovative Konzepte Schwierigkeiten haben werden, sich gegen die Versandapotheken zu behaupten. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten sich Apotheken zu „Tankstellen der Gesundheit“ entwickeln, die sowohl analoge als auch digitale Dienstleistungen anbieten. Vor-Ort-Apotheken könnten sich als Primärversorger etablieren und ihren Fokus verstärkt auf Beratung legen.

Erweiterung von Dienstleistungen

Die neue Apothekenreform ermöglicht es Apotheken, ein breites Spektrum an Tests, Vorsorgeleistungen und Impfungen anzubieten. Bisher konnten Apotheken gegen Corona und Grippe impfen, nun dürfen sie auch Tetanus oder FSME-Impfungen durchführen.

Matusiewicz sieht große Chancen in den Märkten für Prävention und Longevity. Themen wie Gewichtsreduktion, gesunde Ernährung und Rauchentwöhnung könnten hier eine Rolle spielen. Zudem sollten pharmazeutische Dienstleistungen wie Polymedikationsberatung und Risikoerfassung bei Bluthochdruck ausgebaut und angemessen vergütet werden. Durch spezialisierte Beratung könnten Apotheken in Zukunft mehr sein als nur „reine Umschlagplätze für Medikamente“.

Dieses Thema wird auch in der Sendung Plusminus behandelt.


Quellen: tagesschau

TS